Hohe Preise

11. September 2018 07:04; Akt: 11.09.2018 07:04 Print

Soll der Staat bezahlbare Medikamente herstellen?

von P. Michel - Um gegen überteuerte Medikamentenpreise vorzugehen, fordert SP-Politiker Cédric Wermuth eine Service-public-Pharmafirma. Die Industrie warnt.

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Die US-Firma Vertex lobbyiert in der Schweiz dafür, dass ihre 150'000 Franken teure Therapie für die Lungenkrankheit zystische Fibrose von der Krankenkasse bezahlt wird, wie die «NZZ am Sonntag» berichtete. Solche Preise für ein Medikament sind kein Einzelfall. Das Hepatitis-C-Medikament der US-Firma Gilead etwa kostete anfänglich 50'000 Franken pro Therapie, in der Schweiz sind es mittlerweile 30'000 Franken. Forscher berechneten, dass die Produktionskosten bei 340 US-Dollar liegen. Selbst mit Berücksichtigung der Forschungskosten liegt der Preis bei 1500 Franken. Ebenfalls für Aufsehen sorgte die Pharma-Firma Turing. Ihr Aids-Medikament Daraprim kostete nach Ablauf des Patentschutzes 13,50 Dollar. Der neue CEO Martin Shkreli setzte den Preis 2015 jedoch auf 750 Dollar fest. Nach einem Shitstorm musste er zurückkrebsen. Um diese «Abzocke der Multis» zu stoppen, schlägt SP-Nationalrat Cédric Wermuth vor: «Lebenswichtige Medikamente könnten wir auch als Service public entwickeln und herstellen.» Dabei stützt er sich auf ein Modell der linken Denkfabrik Denknetz. Die öffentlich finanzierte Forschung würde Medikamente entwickeln und Produktionsaufträge an einen Service-Public-Hersteller erteilen. Ziel wäre es, die Konzerne im Bereich der lebenswichtigen Medikamente zu konkurrenzieren und bezahlbare Preise zu ermöglichen. Auch die Vereinten Nationen gehen mit der Pharmaindustrie hart ins Gericht. Ein Experten-Panel unter der Leitung von Alt-Bundesrätin Ruth Dreifuss stellte 2016 fest, dass die Pharma mit dem Patentschutz Monopole schafft und hohe Preise abschöpft, während sie gleichzeitig von der öffentlichen Grundlagenforschung profitiert. Vom Service-public-Ansatz hält Sara Käch vom Verband Interpharma nichts: «Staatlich verordnete und geplante Forschung hat bisher in keinem System funktioniert.» Damit man weiterhin investieren könne, brauche es wirtschaftliche Offenheit und starken Patentschutz.

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Die US-Pharmafirma Vertex verkauft ein Medikament gegen die Stoffwechselkrankheit zystische Fibrose. Kostenpunkt: 150'000 Franken pro Patient und Jahr. Auch in der Schweiz lobbyiert die Firma dafür, dass die Krankenkassen die Therapie bezahlen, wie die «NZZ am Sonntag» schreibt. Dass die Pharma exorbitante Preise für ihre «lebensrettenden» Produkte verlangt, ist kein Einzelfall (siehe Box). SP-Nationalrat Cédric Wermuth schlägt deshalb vor: «Lebenswichtige Medikamente könnten wir auch als Service public entwickeln und herstellen, damit die Abzocke der Pharma-Multis aufhört.»

Wermuth stützt seine Idee auf einen Bericht der linken Denkfabrik Denknetz. Deren Modell sieht unter anderem vor, Pharma-Unternehmen in öffentlicher Hand einzurichten, um die privaten zu konkurrenzieren und deren Macht zu brechen. Das Ziel eines solchen Service public: Die öffentlich finanzierte Forschung entwickelt Medikamente und erteilt Produktionsaufträge an einen Service-public-Hersteller. Das Modell strebt an, die Forschung an den Bedürfnissen der Patienten auszurichten und frei zugänglich zu machen sowie die Versorgung mit bezahlbaren Medikamenten sicherzustellen, auch im Bereich der seltenen Krankheiten.

«In der Werbung bräuchte es weniger Personal»

Der Service public solle sich auf den Bereich der lebenswichtigen Medikamente konzentrieren, beispielsweise Krebs, sagt Wermuth. Dass er mit seiner Idee den Pharma-Standort Schweiz gefährdet, glaubt er nicht: «Im Gegenteil: Wir bräuchten wohl wieder mehr Personal in Forschung und Entwicklung. Zugegeben, in der Werbung bräuchte es weniger Personal.»

Eine ähnliche, wenn auch weniger radikale Stossrichtung verfolgen die Vereinten Nationen im Kampf gegen überteuerte Medikamente. Auch sie kritisieren die Industrie scharf. Ein Experten-Panel unter der Leitung von Alt-Bundesrätin Ruth Dreifuss (SP) stellte 2016 in einem Bericht fest, dass mit dem Patentschutz Firmen Monopole schaffen und hohe Preise abschöpfen, während sie gleichzeitig von der öffentlichen Grundlagenforschung profitieren. Dies führe dazu, dass der Zugang zu erschwinglichen Medikamenten für die Bevölkerung erschwert werde.

Auch die UNO fordert Reformen bei den Preisen

Die Lösung der UNO: Staaten sollten Patente nur für wirkliche Innovationen vergeben. Damit fielen Monopole weg. Zudem müsse die öffentlich finanzierte Forschung gestärkt werden, wobei mit sogenannten Public-Private-Partnerships zusammen mit der Industrie bezahlbare Medikamente entwickelt werden könnten. In der Schweiz läuft der Patentschutz maximal 15 Jahre.

Die Pharmaindustrie erklärt, dass die Preise von «innovativen Medikamenten mit einem signifikanten Mehrnutzen für Patientinnen und Patienten relativ hoch» seien, wie Interpharma-Sprecherin Sara Käch sagt. «Trotzdem machen die Medikamente nur 12,9 Prozent der Gesundheitskosten aus, und dieser Anteil ist über die Jahre stabil.»

Vom Service-public-Ansatz hält Käch nichts: «Staatlich verordnete und geplante Forschung hat bisher in keinem System funktioniert.» Damit die Pharma investieren und Arbeitsplätze schaffen könne, brauche es wirtschaftliche Offenheit und einen starken Patentschutz.

«Damit sägen wir am Ast, auf dem wir alle sitzen»

Käch warnt vor den Folgen für den Standort Schweiz: «Die Schweiz besitzt keine Rohstoffe und unser Wohlstand hängt somit stark von Forschung und Innovation ab.» Ausgerechnet in der Schweiz einen Forderungskatalog aufzustellen, der sämtliche Anreize für Investitionen in Forschung und Entwicklung torpediert, bedeute, am Ast zu sägen, «auf dem alle sitzen».

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • AnonymousSG am 11.09.2018 07:13 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Pharmalohn hin oder her

    Wie wäre es denn, die Preise, der in der Schweiz hergestellten Medikamenten, zu senken??

    einklappen einklappen
  • LUZ93 am 11.09.2018 07:10 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wunschkonzert

    Wäre schön aber bleibt ein Traum den diese Welt ist Profit und Geldgeil und jeder will immer ein Stück vom Kuchen abbekommen deshalb ne glaube nicht das jetzt plötzlich die gutmütigkeit und die gute Tat mehr aufkommt als das Geld...

  • Mani Motz am 11.09.2018 07:36 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wermuths-Tropfen

    Und wer zahlt die Entwicklung und Forschung? Generika dürfen ja erst nach einer gewissen Zeit produziert werden und es sind die geschützten Medikamente die so teuer sind.

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • Selfie am 11.09.2018 20:38 Report Diesen Beitrag melden

    Selbstzahler Preis?

    Wer Medikamente ohne KK einkauft, soll von einer Ermässigung von 35% profitieren können. Ich erkundige mich jedesmal beim Einkauf in der Apotheke um Selbstzahlerpreise, bis jetzt erfolglos. Wenn alle mitmachen würden, würde bald ein Umdenken stattfinden.

  • Gugus am 11.09.2018 20:16 Report Diesen Beitrag melden

    Der Staat könnte dasticot besser

    Forschung ist extrem teuer und dauert für ein Medikament schnell mal 8-10 Jahre. Plus das kostet Dutzende Millionen. Und dann wird noch lange nicht aus allen Forschungsprojekten ein Medikament, womit die Millionen in den Sand gesetzt sind. Dieses Problem hätte auch der Staat, wenn er Medikamente entwickeln würde. Ich glaube kaum, dass der Staat dies besser lösen könnte als Firmen. Für billigere Medikamente muss das Staat mit den Pharmafirmen bessere Preise für von der KK übernommene Medikamente aushandeln. Die sind nämlich häufig reguliert, oft aber zu hoch

  • Littau am 11.09.2018 19:31 Report Diesen Beitrag melden

    Staat

    Der Staat sollte viel machen aber wie immer nichts.

  • Karl am 11.09.2018 19:23 Report Diesen Beitrag melden

    Wieso der Staat???

    Wieso der Staat? Unsere hier, grossteils in BS/AG hergestellten Medis wären durchaus kostendeckend bezahlbar, wäre die Pharmaindustrie nicht so gierig. Oder warum kostet das selbe Medie trotz Zollgebühren und fast 20% MwSt in DE 1/3 des hiesigen Preises? Wennschon, müsste der Staat halt eher den kapitalismus beschneiden oder bei Gewinn durch èberteuerungen eine sonder Steuer für die Unternehmen einführen. Wird der Staat bzw. unsere Volksvertreter aber nicht tun, weil er u.A. von der Pharma-Lobby bezahlt wird.

  • loquito am 11.09.2018 19:13 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    So nun schwarz auf Weiss

    Mit forschungskosten 1500 verkaufspreis 30 000, 28500 für Gewinn und nichts anderes... Aber es gibt hier immer noch Menschen, welche behaupten, wenn man die Pharmas einschränkt würde nicht geforscht...