Geschlechternormen

03. Dezember 2018 15:58; Akt: 03.12.2018 16:49 Print

Kann diese Umarmung Probleme lösen?

Männer sollten sich häufiger umarmen und mehr Zärtlichkeit austauschen, fordert Männer.ch. Damit liessen sich gesellschaftliche Probleme angehen. Das sehen nicht alle so.

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«Männer, wir müssen lernen, uns zu berühren und zärtlich zueinander zu sein», lautet ein Facebook-Aufruf von Männer.ch, dem Dachverband der Schweizer Männer- und Väterorganisationen. «Körperliche Nähe ist ein Urbedürfnis des Menschen, das ein Leben lang vorhanden bleibt. Den Buben und Männern wird aber von klein auf eingetrichtert, dass zu viel Berührungen und emotionale Offenheit suspekt und unmännlich seien», sagt Daniel Bekcic, Leiter Medien und Politik bei Männer.ch.

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Ansatz zur Lösung gesellschaftlicher Probleme

«Frauen nehmen sich gegenseitig oft in den Arm und tauschen sich über ihre Gefühle aus. Das tut auch Männern gut, wenn sie es denn einmal zulassen», so Bekcic. Würden Berührungen und Zärtlichkeit zwischen zwei befreundeten Männern normalisiert, liessen sich viele gesellschaftliche Probleme lösen. «Erlebt ein Mann Unterstützung und einen liebevollen Umgang in einer Freundschaft, wird er lernen, auch zu sich selber mehr Sorge zu tragen. Konkret heisst das beispielsweise, dass sich Männer im Falle von psychischen Problemen schneller Hilfe holen würden. So könnte etwa Suchterkrankungen vorgebeugt werden», sagt Bekcic.

«Unsere Gesellschaft muss davon wegkommen, dass die männliche Berührung vor allem als bedrohlich und sexuell gilt.» Ein zärtlicher und überlegter Umgang von Männern untereinander dürfte auch Empathie und Selbstverantwortung stärken, so Bekcic. Dass vorwiegend weiblichen Opfern sexueller Gewalt immer noch häufig die Schuld an Übergriffen gegeben werde, etwa wegen angeblich zu knapper Kleidung, zeige, dass der Mann zu oft aus der Verantwortung für den Umgang mit seiner Körperlichkeit entlassen werde. Schliesslich könnte ma auch sagen, so Bekcic, dass ein solcher Mann, der solche Nähe zulässt, ein besserer, weil zugänglicher Vater und Partner wäre.

Die Angst, unmännlich zu sein

Daniel Rasumowsky, Mitbegründer der Man’s World Schweiz AG, sieht die Forderung kritisch, sagt aber: «Dass ein offener Umgang mit Umarmungen zwischen Männern dazu führen kann, dass ein verknorztes Männlichkeitsbild überwunden wird, mag sein.» Der Ansatz sei nicht schlecht. Statt von Zärtlichkeit müsste jedoch viel eher von unverkrampfter Nähe unter Männern gesprochen werden. In Italien, Frankreich oder im arabischen Raum etwa geben sich Männer auch Küsschen zur Begrüssung, was bereits am Anfang eine gewisse Distanz abbaue, so Rasumowsky.

Zahlreiche Männer hierzulande liessen nur wenig Nähe zu, aus Angst, bei zu viel Berührungen als unmännlich zu gelten, sagt er. «Ich glaube aber nicht, dass mehr Zärtlichkeit die Lösung für jegliche Unsicherheiten und Fehlverhalten ist, die Männer zeigen. Hier empfiehlt es sich vielmehr, Selbstironie und Lockerheit zu üben und sich selbst als Mann – wie es auch die Frauen tun – nicht verkrampft sexuell zu stigmatisieren.»

Probleme liegen tiefer

Auch die Soziologin und Gender-Expertin Gabriella Schmid von der Fachhochschule Ostschweiz sagt, dass mehr Zärtlichkeit allein nicht ausreiche. In bestimmten Kreisen herrsche weiterhin ein gefährliches Männlichkeitsbild vor: Männer sollten keine Schwäche zulassen und alles im Griff haben. Das sei natürlich problematisch. Aber: «Ob nun mehr Zärtlichkeit und Umarmungen oder doch die Fähigkeit, seine Gefühle zu zeigen, zuerst kommen, das ist die Huhn-Ei-Frage.»

Ihrer Meinung nach ist es kaum möglich, zärtlich zu sein, ohne zuvor von innen aus einen Zugang zu sich selber gefunden zu haben, so Schmid. «Das Ganze sollte nicht auf den Aspekt der Zärtlichkeit beschränkt werden, das greift zu kurz.» Würden Männer lernen, ihre Gefühle besser zu formulieren, käme das den Männer und Frauen zugute, so Schmid. «Gerade im Zusammenhang mit Gewaltbereitschaft ist das traditionelle Männlichkeitsbild problematisch.»

Ueli Mäder, Soziologe, sagt: «Wenn Männer zärtlicher miteinander umgehen wollen, ist das schon okay. Aber auch etwas vordergründig und wenig weitreichend, wenn die gesellschaftlichen Verhältnisse dabei beim Alten bleiben.» Seiner Meinung nach sei es vor allem wichtig, kooperatives Verhalten zu stärken und ein stimmiges Verhältnis von Nähe und Distanz zu wahren.

(jk)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Tom am 03.12.2018 16:30 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ach bitte!

    Ein völlig künstlich herbei geredetes Problem. Männer die sich umarmen sind absolute Norm heute... was soll das?

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  • Rickenbach Kuno am 03.12.2018 16:25 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Normal sein.

    Alles selbsternannte sogenannte Experten. deshalb nicht der Rede wert. Einfach sich so verhalten wie es für einem passt.

  • M21 am 03.12.2018 16:29 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Männerfreundschaft

    Definitiv ja! Meine Freunde und ich geniessen regelmässig die Vorteile einer brüderlichen Umarmung. Männer, steht zu eurer "Bruderschaft"!

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Die neusten Leser-Kommentare

  • bärnerli am 03.12.2018 20:56 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Jeder wie er möchte

    Männer tuhns, bei den besagten wichtigen Bier mit dem besten Kollegen..(da geht es um wirklich ernste Sachen..(wo es auch Umarmungen gibt oder braucht.. . Ansosten lasst bitte Jeden/Jede selber entscheiden wer man umarmen will.

  • PROLLTRASH am 03.12.2018 20:31 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    warum muss man?

    warum sollte ich jemanden umarmen wenn mein körper es nicht will.

  • PROLLTRASH am 03.12.2018 20:24 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    falsch

    umarmungen helfen ein wenig bei unterkühlung des körpers. psychische probleme muss man selber lösen.

  • CoffeeGirl am 03.12.2018 20:04 Report Diesen Beitrag melden

    Aus eigener Erfahrung ...

    Ich denke dass viele Männer erst in einer liebevollen Beziehung lernen sich zu öffnen und ihre sensible, fürsorgliche Seite zu zeigen. Es liegt schlussendlich an den Frauen, den Männern respektvoll zu begegnen und sie zu ermutigen, zu ihren Gefühlen und Sorgen zu stehen - ohne ihnen ihre Männlichkeit abzusprechen. Ein Mann wird meist dann zum Mann, wenn er von der richtigen Frau geliebt wird. Männer untereinander entwickeln ihre eigene Art von Zuneigung und zeigen diese auch anders als Frauen. Männerfreundschaften sind aber oft auch loyaler und langlebiger - auch ohne Umarmungen.

  • lia am 03.12.2018 19:52 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    hug

    überall völlig normal, nur in der CH ein Thema...