Angriff auf Homöopathie

19. Juli 2019 04:46; Akt: 19.07.2019 04:46 Print

Sollen Schweizer Globuli wieder selbst bezahlen?

In der Schweiz werden Forderungen laut, dass Krankenkassen homöopathische Mittel nicht mehr übernehmen sollen. So argumentieren Befürworter und Gegner.

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Nach Australien beschloss auch Frankreich, dass homöopathische Mittel nicht mehr von der Krankenkasse übernommen werden. Jetzt werden in Deutschland und der Schweiz gleiche Forderungen laut. Nach 800 ausgewerteten Studien kam Frankreichs Gesundheitsministerium zum Schluss: Globuli sind gleich wirksam wie Placebos, das rechtfertige keine Rückerstattungen. Die Politik müsse den Fehler korrigieren, sagt Immunologe Beda Stadler. Er fordert, dass Homöopathie wieder aus dem Leistungskatalog der Grundversicherung verschwindet. «Dass Krankenkassen für Zuckerkügeli und Wasser zahlen, die nichts nützen, ist Irrsinn.» Auch Babette Sigg, Präsidentin des Konsumentenforums, will die Vergütung von Homöopathie streichen. «Es kann doch nicht sein, dass die Kosten im Gesundheitswesen stets steigen, aber nachweislich unwirksame Behandlungsmethoden weiterhin munter finanziert werden.» Die Rückerstattungen sieht auch SVP-Nationalrat Sebastian Frehner skeptisch. Homöopathische Mittel erfüllten die dafür nötigen WZW-Kriterien (wirksam, zweckmässig, wirtschaftlich) nicht. Frehner will aber keine Änderung der Praxis: Das Stimmvolk habe entschieden, die Komplementärmedizin in die Grundversicherung aufzunehmen - das müsse man respektieren. Das Parlament solle aber die Thematik beobachten. Die Wirksamkeit von Homöopathie wissenschaftlich nachzuweisen, sei schwierig, betont der Krankenkassendachverband Santésuisse. Trotzdem gebe es keine Bestrebungen, sie aus dem Leistungskatalog zu streichen, sagt Matthias Müller, Leiter Kommunikation. Zudem handle es sich um vergleichsweise nicht sehr hohe Beträge. Laut Santésuisse belaufen sich die jährlichen Vergütungen der obligatorischen Krankenpflegeversicherung auf rund 33 Milliarden Franken, knapp 10 Millionen davon entfallen auf die Homöopathie. Die Versicherten würden bei einer Änderung in keiner Weise profitieren, sagt Gisela Etter, Präsidentin der Union komplementärmedizinischer Ärzte: «Die Streichung der Homöopathie aus der Grundversicherung wäre nicht prämienwirksam. Einzige Verlierer blieben die Patienten.» Jeder Mensch sei einzigartig und spreche auf andere Behandlungsmethoden an, ergänzt Etter. Es gebe zahlreiche Patienten, die Homöopathie als wirksam erleben und sich individuelle Behandlungen wünschten. 2009 stimmten zwei Drittel der Stimmbevölkerung einer Initiative zu, die verlangte, dass der Bund und die Kantone Komplementärmedizin berücksichtigen müssen. (Im Bild: Einreichung der Unterschriften). Seit 2012 übernehmen Krankenkassen in der Grundversicherung die Kosten für homöopathische Behandlungen.

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Nach Australien hat auch Frankreich entschieden, dass homöopathische Mittel nicht mehr von der Krankenkasse übernommen werden. Globuli seien nur so wirksam wie Placebos, das rechtfertige keine Rückerstattungen, argumentiert Frankreichs Gesundheitsbehörde nach einer Auswertung von 800 Studien. Auch in Deutschland verlangen jetzt Ärzte einen Zahlungsstopp für Homöopathie, und in der Schweiz werden gleiche Forderungen laut.

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Sollen Krankenkassen weiterhin homöopathische Mittel zahlen?

Laut Babette Sigg, Präsidentin des Konsumentenforums, soll Homöopathie wieder aus dem Leistungskatalog der Grundversicherung verschwinden. «Es kann doch nicht sein, dass die Kosten im Gesundheitswesen stets steigen, aber nachweislich unwirksame Behandlungsmethoden weiterhin munter finanziert werden.» Der Katalog müsse revidiert, die Vergütung von Homöopathie gestrichen werden. «Um die Kostenexplosion zu bremsen, müssen alle Federn lassen», so Sigg.

«Wirksamkeit nie bewiesen»

Die Zeit sei reif für eine neue Abstimmung, die Politik müsse ihren Fehler einsehen und korrigieren, pflichtet ihr Immunologe Beda Stadler bei. «Dass Krankenkassen für eine Art Religion zahlen – also für Zuckerkügeli und Wasser, die nichts nützen –, ist Irrsinn.»

Auch SVP-Nationalrat Sebastian Frehner sieht die Rückerstattungen skeptisch: Homöopathische Mittel erfüllten die dafür nötigen WZW-Kriterien (wirksam, zweckmässig, wirtschaftlich) nicht. «Die Wirksamkeit von Globuli wurde nie bewiesen, daher sollten sie auch nicht von den Kassen vergütet werden.»

Eine Änderung sei aber schwierig: Schliesslich habe das Stimmvolk entschieden, die Komplementärmedizin in die Grundversicherung aufzunehmen (siehe Box). Diesen Entscheid müsse man respektieren, auch wenn einem das zuwider sei. Frehner: «Wir müssen die Thematik im Parlament beobachten und prüfen, ob eine Revision sinnvoll wäre.»

10 Millionen von 33 Milliarden

Selbst der Krankenkassendachverband hat teils Zweifel. «Es liegt im Wesen der Homöopathie, dass sie einen Nachteil hat, die Wirksamkeit wissenschaftlich nachzuweisen», sagt Matthias Müller, Leiter Kommunikation bei Santésuisse. Allerdings gebe es in der Alternativmedizin teilweise Erfahrungswissen, das hilfreich sein könne.

Derzeit gebe es jedenfalls keine Bestrebungen, die Homöopathie aus dem Leistungskatalog zu streichen, sagt Müller. Den Volkswillen gelte es zu respektieren. Zudem handle es sich vergleichsweise um nicht sehr hohe Beträge: «Die jährlichen Vergütungen der obligatorischen Krankenpflegeversicherung betragen rund 33 Milliarden Franken, knapp 10 Millionen Franken davon entfallen auf die Homöopathie», so Müller.

«Keine Auswirkung auf Prämien»

Die Versicherten würden bei einer Änderung in keiner Weise profitieren, sagt Gisela Etter, Präsidentin der Union komplementärmedizinischer Ärzte: «Die Streichung der Homöopathie aus der Grundversicherung wäre nicht prämienwirksam. Einzige Verlierer blieben die Patienten.»

Jeder Mensch sei einzigartig und spreche auf andere Behandlungsmethoden an. Es gebe zahlreiche Patienten, die Homöopathie als wirksam erlebten und sich individuelle Behandlungen wünschten. «Darum sind die Therapie-Wahlfreiheit und medizinische Methodenvielfalt, wie wir sie heute haben, auch so wichtig», so Etter.

Sie betont, die Nachfrage nach ärztlicher Homöopathie sei in den letzten Jahren in der Schweiz weiter gestiegen und grösser als das Angebot. Das zeige die Gesundheitsbefragung 2017 des Bundes, die 2019 publiziert wurde.

(rol)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Steffen am 19.07.2019 05:02 Report Diesen Beitrag melden

    Natürlich

    Natürlich müssen die Leute ihre Zuckerkugeln selbst bezahlen. Mir zahlt ja auch niemand eine Tafel Schokolade, obwohl sie nachgewiesener Weise zur Stimmungsverbesserung beiträgt.

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  • Tinu am 19.07.2019 04:57 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Aber sicher!

    Eigentlich wäre es ja gescheiter niemand, wirklich niemand, würde für Globulis bezahlen. Aber ganz sicher soll nicht die Allgemeinheit für diesen Nonsens zahlen!

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  • Igel am 19.07.2019 05:14 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Offene Karten

    Es ist an der Zeit das einige Schabbernacken Behandlungen gestrichen werden. Ausser Akupunktur, welche wirklich etwas bringt, sollte der ganze Rest gestrichen werden. Auch zusatzbeiträge für Fitness Abos. Welche im Grunde, von allen versteckte Kosten sind. Und nur als Lockvogel dienen, um mehr Kunden für die K.Kasse zu generieren. Wem wirklich an seiner Gesundheit etwas liegt, kann sowas auch selber bezahlen. Der K. Kassen Katalog ist überladen. Die Folgen sehen Wir an den Prämien.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Bill F am 20.07.2019 18:47 Report Diesen Beitrag melden

    Die Forschung machts

    Solche Menschen die an solche Heilmittel festhalten, glauben nicht an die Genialität und Forschung die die Menschheit in den letzten 100 Jahren erbracht und ausgezeichnet haben, ansonsten würden diese wohl kaum Zucker-Pillen zu sich nehmen.... Jedes Jahr setzt die Pharmaindustrie Milliarden an Forschungsgelder und globale Forschungen Teams zusammen um bessere Medikamente herstellen zu können, ... Kein Zufall das wir, wegen unserer Medizin immer wie länger leben und hat bestimmt nicht wegen der Heilkraft gewisser Kräuter von der Natur zu tun...

    • Awake am 20.07.2019 19:30 Report Diesen Beitrag melden

      @Bill F

      das der Mensch älter wird, hat sicher nicht alleine mit der Medizin zu tun sondern mit der Hygiene, der Ernährung und den Lebensumständen. Man hat das Gefühl, dass demnächst die moderne Medizin verboten wird wenn es nicht andauernd hervorgehoben wird, alles hat seinen Platz. Unerklärliche Dinge sind der grösste Antreiber für die Forschung dazu haben wir sie ebenfalls

    • Bill F am 20.07.2019 20:21 Report Diesen Beitrag melden

      @ Awake

      Klar, aber bei den unerklärlichen Dinge gehört bestimmt nicht die Homöopathie dazu; Und jede Forschung hat das Ziel, neue unerklärliche Dingen zu begreifen und besser zu machen, dass nennt man Forschung... Und wenn man nur ein klein wenig Ahnung von Naturgesetze hat, weiss das Zuckerpillen gegen jede Art von Logik dieser spricht... Meisten werden diese bei kleinen Wehwehchen eingesetzt die (eigentlich) von alleine verschwinden, aber sobald eine Krankenkasse dafür aufkommen sollte, kann man diese nicht mehr als solches betrachten und sollte man kritisch, zum Wohle des Patienten hinterfragen..

    • Awake am 20.07.2019 20:41 Report Diesen Beitrag melden

      @Bill F

      Wenn das so waere wieso hakt man andauernd darauf rum wenn da nichts waere wieso nutzten 70 Prozent der Franzosen bereits Homoeopathische Mittel. Die Krankenkasse bezahlt eh nur die aerztliche Homoeopathie ueber die Grundversicherung. Auch wenn man es immer wieder nur als Zueckerkuegelchen sieht es wird darum nicht unwahrer dass es Menschen Tiere und sogar Pflanzen gibt die darauf ansprechen. Der Mensch weiss viel aber das viel ist noch wenig

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  • Beat L am 20.07.2019 17:49 Report Diesen Beitrag melden

    Tja wenn man ein Fan davon ist

    Selbst die besten Argumente bringen nichts, da diese wohl zu sehr daran glauben und bekanntlich versetzt dieser Bergen, wäre genauso sinnlos in den asiatischen Ländern ihre Haifischflossen-Pulver auszureden... Und solange diese mit ihren Pillen zufrieden sind und nicht professionelle Hilfe oder teuere Medizin suchen, kommt es schlussendlich den Krankenkassen und uns allen billiger... mein Körper und Gesundheit ist es nicht...

  • Nick am 20.07.2019 17:41 Report Diesen Beitrag melden

    Selbst bezahlen?

    Natürlich werden die selbst bezahlt. Ist ja nicht so das niemand den Krankenkasse Geld gibt. Also wird es direkt oder indirekt vom Patienten bezahlt. Oder glaubt wirklich jemand so ein paar Kügelchen übersteigen den Monatlich bezahlten Betrag.

  • Dr. No am 20.07.2019 17:40 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Hexen

    Wir sollten wieder Hexen verbrennen. Von denen gibt es viele, kenne selbst eine und die Wirkung ist mindestens so gut wie bei der Homöopathie. Ausserdem sind die Nebenwirkungen (Hexen ausgenommen) minimal. Vielleicht verbrennt sich mal einer die Finger beim Anzünden oder so... aber sonst nix ...

  • Elvis am 20.07.2019 16:42 Report Diesen Beitrag melden

    Aufhören

    Aufhören damit, aber derjenigen der die Umfragen stellt nimmt auch die falschen Pillen, dann noch lieber ein ja oder nein.