Folgen Schweizer Hochschulen?

11. Dezember 2018 05:44; Akt: 11.12.2018 08:06 Print

«Scharlatanerie» – Uni spült Homöopathie-Kurs

von Stefan Ehrbar - Nach dem Rauswurf der Homöopathie von einer Wiener Uni wird die Forderung auch in der Schweiz laut. Der Bund stärkt der Homöopathie den Rücken.

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An der Medizinischen Universität in Wien werden die Globuli entsorgt: Das Wahlfach Homöopathie wurde aus dem Vorlesungsverzeichnis gestrichen. Die Universität distanziere sich damit «klar von unwissenschaftlichen Verfahren und Scharlatanerie», begründet sie ihren Entscheid gegenüber dem «Standard».

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Soll Homöopathie für Medizinstudenten Pflicht sein?

Der Wunsch nach der Abschaffung sei von den Studenten ausgegangen, sagt Michael Freissmuth, Vorstand der Pharmakologie der Universität, zu 20 Minuten. «Die Studenten waren verpflichtet, die Vorlesung zu besuchen. Ihre Motivation tendierte gegen null.» Freissmuth sagt: «Homöopathie ist nicht lernbar, weil sie eine Meinung ist.» Er würde auch anderen Universitäten die Abschaffung solcher Lehrveranstaltungen empfehlen. Ähnlicher Meinung ist der Schweizer Immunologe Beda Stadler: «Es wurde höchste Zeit», sagt er. «Ich hoffe, andere Universitäten, auch in der Schweiz, ziehen bald nach.»

Unis müssen Homöopathie lehren

Schweizer Universitäten denken allerdings nicht daran. Homöopathie wird fast überall in Vorlesungen zur Komplementärmedizin gelehrt. Die Frage, ob damit unwissenschaftliche Verfahren gelehrt werden, beantworten die Hochschulen nicht. Stattdessen berufen sie sich auf den gesetzlichen Auftrag.

Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) schreibt nämlich vor, dass sich angehende Ärzte «angemessene Kenntnisse über Komplementärmedizin» aneignen sollen. «Künftige Ärzte sollen den möglichen Nutzen und Schaden häufiger Verfahren einschätzen können», heisst es etwa bei der Universität Zürich.

Nathalie Matter, Sprecherin der Universität Bern, sagt, die Vermittlung evidenzbasierter Medizin sei Grundlage des Medizinstudiums. Der Grund, weshalb Komplementärmedizin gelehrt wird, ist aber nicht, dass ihre Wirksamkeit bewiesen ist, sondern dass sie beliebt ist. «Es ist eine Tatsache, dass solche Methoden im Alltag von vielen Menschen in Anspruch genommen werden», sagt Matter. «Das ist unabhängig davon, ob im Einzelfall wissenschaftlich eine Wirkung nachgewiesen werden kann oder nicht.»

Uni Basel baut aus

Frank Zimmermann, Studiendekan der Medizinischen Fakultät der Universität Basel, sagt, man wolle den Studenten «belegtes Wissen und bewiesene Tatsachen» vermitteln. Das ermögliche den angehenden Ärzten eine «offene und kritische Beratung» der Patienten. Das sei von Studenten gewünscht. Die Universität Basel will den Bereich nun sogar noch ausbauen und schafft eine Stiftungsprofessur zur Forschung in der Komplementärmedizin. Dass Homöopathie an Universitäten gelehrt wird, sei sinnvoll, sagt Gisela Etter, Präsidentin der Union komplementärmedizinischer Ärzte. «Wenn nur existieren darf, was mit heutigen Methoden messbar ist, wird man dem Leben nicht gerecht.»

Die Schweiz gilt als Sehnsuchtsland für Homöopathen. Seit Mitte 2017 ist die Homöopathie Bestandteil des Leistungskatalogs der Grundversicherungen. Der Bundesrat hatte entschieden, dass die Methode die Kriterien der wissenschaftlichen Wirksamkeit, Zweckmässigkeit und Wirtschaftlichkeit (sogenannte WZW-Kriterien) erfüllt.

«Keine Aussage zur Wirksamkeit»

Dabei gilt das Vertrauensprinzip. Der Bund nimmt an, dass Homöopathie, die von Ärzten mit der entsprechenden Weiterbildung angewandt wird, vergütet werden soll. «Damit wurde keine Aussage gemacht, dass Homöopathie als Methode wirksam sei», sagt BAG-Sprecher Grégoire Gogniat. Ändern könnte sich das, wenn jemand eine detaillierte Prüfung der Homöopathie auf die WZW-Kriterien verlangt.

Grundsätzlich könnten alle – also etwa Versicherer, Ärzte- oder Patientenorganisationen – ein begründetes Gesuch auf eine solche Prüfung einreichen, sagt Gogniat. «Dann müsste die Fachorganisation der homöopathisch tätigen Ärzte eine Dokumentation im Hinblick auf die Prüfung einreichen.» Die Bevölkerung habe im Rahmen der Abstimmung zur Komplementärmedizin klar zum Ausdruck gebracht, dass der Bund und die Kantone diese berücksichtigen sollen. 2009 hatten sich zwei Drittel der Stimmbevölkerung hinter ein entsprechendes Anliegen gestellt.

«Wissenschaftlich erledigt»

Im Jahr 2015 bezahlten Krankenversicherer 31 Millionen Franken für komplementärmedizinische Konsultationen. Davon entfielen 8 Millionen Franken auf die Homöopathie. Der Krankenkassenverband Santésuisse geht seither von einer Zunahme aus. Nächste Woche will er Zahlen veröffentlichen.

Sprecher Christophe Kaempf betont, der Verband halte sich an den Entscheid der Bevölkerung. «Statistisch gesehen ist der Nachweis der Wirksamkeit nach den Anforderungen der Schulmedizin allerdings sehr schwierig», sagt er. «Im Vergleich mit anderen Fachrichtungen hat die Komplementärmedizin hier einen Nachteil.»

Michael Freissmuth von der Universität Wien glaubt, dass das Pendel wieder in die Richtung der evidenzbasierten Medizin ausschlägt. Er sei gefragt worden, warum die Universität nicht zu Homöopathie forsche, wenn das die Bevölkerung wünsche. «Es gibt nichts zu forschen», sagt Freissmuth. Man kümmere sich auch nicht um die Frage, ob Schweine zum Mond fliegen könnten. «Die Homöopathie», sagt Freissmuth, «ist wissenschaftlich erledigt.»

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Mama Nina am 11.12.2018 07:05 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Gut wird alles gelehrt

    Freie Entscheidung... Ich bin froh wird in der CH alles gelehrt. Ich habe selbst nicht an Homöopathie geglaubt, bis mein Sohn zur Welt kam. Ihm hilft es bei kleineren Beschwerden wie Bauchweh oder Zahnen wirklich gut. Da finde ich es besser als gleich mit Dafalgan Zäpfchen oder Algifor zu stampfen. Bei groben Sachen siehts anders aus. Als Erwachsener kann man selber entscheiden, und das ist gut und wichtig so. Ich denke so lange es Hilft ist es ok. Auch wenn es z. B: nur ein Placebo ist. Das hilft ja vielen auch schon ;-)

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  • Der Klugscheisser am 11.12.2018 07:05 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Vorstand der Pharmakologie

    Natürlich kommt so etwas vo einem Vorstandsmitglied der Pharmakologie. Es ist schlecht für für den Umsatz der Pharmabranche, wenn Menschen an alternative Medizin glauben. In diesem Fall würde ich sagen: Leben und leben lassen.

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  • Gloriosa am 11.12.2018 07:45 Report Diesen Beitrag melden

    einfach mal nachdenken

    «Wissenschaftlich erledigt» Im Jahr 2015 bezahlten Krankenversicherer 31 Millionen Franken für komplementärmedizinische Konsultationen. Davon entfielen 8 Millionen Franken auf die Homöopathie. Dann sagen Sie uns bitte auch, wie viel die Krankenkassen an zusätzlichen Prämien eingenommen haben, von all jenen, welche Alternativmethoden separat versichert haben und dafür auch separat bezahlen. Diese Prämien hätten nämlich gesenkt werden müssen, als die Homöopahtie in der Grundversicherung übernommen wurden. Das haben die KK aber NICHT getan. !! .

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Carmela Sonderegger am 13.12.2018 15:10 Report Diesen Beitrag melden

    Ist die Erde eine Kugel?

    Viele Dinge auf unserer Erde sind wissenschaftlich noch nicht erfassbar, das heisst aber nicht, dass sie nicht existieren. Die Homöopathie ist ein Mysterium, die aber bei wissenschaftlichen Anwenderstudien mithalten kann, wie etwa die Arsen-Pflanzen- oder die ADHS-Studie. Auch wenn wir noch nicht wissen wie die Homöopathie funktioniert, sie tut es jedenfalls. Ich arbeite selber nur mit Homöopathie und die Gesundheit der Patienten gibt mir recht und zwar auch bei schwereren chronischen Pathologien (Neuro, Rheuma...) und nicht nur wie oft fälschlicherweise angenommen "nur" bei Schnupfen!

  • Adriana Raslan am 13.12.2018 12:59 Report Diesen Beitrag melden

    Dr. med.

    Als Ärztin schätze ich die Homöopathie sehr. Sie sollte jedoch kein Pflichtfach sein an den Unis, denn sie setzt eine zeitintensive Ausbildung voraus mit Kolloquien zu eigenen Behandlungsfällen. Sie ist eine typische Weiterbildung für Interessierte. Im Rahmen einer geplanten Vorlesungsreihe Komplementärmedizin macht eine Vorlesung dazu Sinn, die von einem homöopathisch tätigen Arzt gehalten wird, der an Hand eines Fallbeispieles das Prinzip erläutern kann.

  • Mama Theres am 13.12.2018 12:55 Report Diesen Beitrag melden

    Homöopathie nach Vollnarkose

    In der Medizin scheinen mir am wichtigsten die Chirurgen. Aus Erfahrungen mit meinen jetzt erwachsenen Kindern kann ich sagen, dass die Homöopathie auch bei "groben" Sachen als einzige schnell und nebenwirukungsfrei sowie sanft geholfen hat. So bei meinem Sohn nach einer Vollnarkose: er konnte nicht urinieren. Es blieb nur die Variante Katheter stecken! Nach tel. Rücksprache mit dem Homöopathen besorgten wir das notwendige homöopathische Mittel. Und siehe da, die grosse Erleichterung eine halbe Stunde später: mein Sohn konnte urinieren! Theres

  • Maya Trachsel am 13.12.2018 12:19 Report Diesen Beitrag melden

    Homöopathie und Asthma

    Vor 30 Jahren bin ich auf die Homöopathie gestossen da mein Sohn an Asthma litt. Der Grossvater wie die Urgrossmutter litten schon daran. Durch Homöopathie wurde mein Sohn geheilt. Nein, das ist nicht ausgewachsen wie von Kritikern oft gesagt wird. Ich habe mit eigenen Augen gesehen wie Asthmanfälle sich mit 3 Kügeli beruhigten. Das hat mich Jahre später dazu bewogen Homöopathie zu studieren, und nun arbeite ich als Homöopathin. Diese Methode hätte nicht überlebt wäre es nur Placebo. Meine grösste Materie Media umfasst 6000 Seiten. Viel Arbeit und Studium für Placebo, nein nicht möglich.

  • M. D., Arzt, Psychotherapeut am 13.12.2018 09:04 Report Diesen Beitrag melden

    Medizin des 19. Jahrhunderts

    Wäre ja auch mal gut, wenn die Medizinische Wissenschaft endlich im Zeitalter der modernen pysikalischen (Quantenphysik, relativistische Physik) und biophysikalischen Wissenschaft ankommt und realisiert, wie wenig der mechanistisch eingeengte medizinische Wissenschaftsbegriff (der sich auf Doppelblindstudien, RCTs beschränkt) dem Menschen in seiner bio-psycho-sozialen Realität nicht gerecht wird und das auch nie werden wird, auch wenn man das noch so lange repetiert. Die aktuellen Probleme des Gesundheitswesens (sog. "Kostenexplosion", Resistenzentwicklung/AB-Krise) ist u.a. Folge davon!