Fälle in der Schweiz

22. September 2019 14:10; Akt: 22.09.2019 14:10 Print

Sorgen Pestizide für vermehrte Fehlbildungen?

Drei Kinder mit deformierten Händen kamen jüngst in Gelsenkirchen zur Welt. Auch in der Schweiz gibt es mehr Fälle, als es laut Studien geben dürfte.

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Fälle von Kindern, die innerhalb eines kurzen Zeitraums mit ähnlichen Missbildungen im Sankt-Marien-Hospital in Gelsenkirchen zur Welt kamen, beschäftigen derzeit Mediziner. Die Mütter der betroffenen Kinder seien bei der Entbindung das erste Mal im Sankt-Marien-Hospital untersucht worden, hiess es. Offiziell waren dies die einzigen Fälle von Missbildungen, die der Klinik bekannt sind. Hebamme Sonja Liggett-Igelmund sagte aber zur «Bild», dass sich, nachdem sie die Fälle publik gemacht habe, innert eines Tages zwanzig Familien mit dem gleichen Schicksal bei ihr gemeldet hätten. Eine Theorie lautet, dass die Missbildungen durch den Kontakt mit Gift entstanden sind. Auch bei ähnlichen Fällen, die in Frankreich bekannt wurden, wurde vermutet, dass Pestizide für die Fehlbildungen verantwortlich sein könnten. (Symbolbild) So hatten die Mütter der betroffenen Kinder gemein, dass sie in der Nähe von Feldern lebten, auf denen Sonneblumen und ... ... Getreide angebaut werden. 2018 meldeten die französischen Medien, dass es in den letzten 15 Jahren mindestens 25 Fälle von Babys mit schweren Fehlbildungen gegeben hat. Gesundheitsministerin Agnès Buzyn versprach daraufhin eine umfassende Untersuchung. Die Fälle kamen hauptsächlich in Loire-Atlantique ... ... und Ain vor. (Bild: Google Maps) Bereits in den 1950er- und 1960er-Jahren hatte das Schlafmittel Contergan zu Fehlbildungen bei Föten geführt. Das Medikament mit dem Wirkstoff Thalidomid half unter anderem gegen die typische Morgenübelkeit in der frühen Schwangerschaft und galt im Hinblick auf Nebenwirkungen als besonders sicher. Entsprechend gezielt wurde es Schwangeren empfohlen. Das 1957 lancierte Medikament war zunächst rezeptfrei. 1961 wurde es jedoch nur noch gegen Rezept abegegeben – aufgrund von möglichen Nebenwirkungen auf das Nervensystem. Durch die Einnahme von Contergan kam es zu einer Häufung von schweren Fehlbildungen oder gar dem Fehlen von Gliedmassen und Organen bei Neugeborenen. Dabei kamen weltweit etwa 5000 bis 10'000 geschädigte Kinder auf die Welt. Zudem kam es zu einer unbekannten Zahl von Totgeburten. Angesichts der extremen Häufung von Fehlbildungen wurde zunächst ein Zusammenhang mit Kernwaffentests vermutet. Das verzögerte die Aufklärung. (Im Bild: Atombombe über Hiroshima) 1961 überprüften und belegten der Hamburger Arzt Widukind Lenz und der australische Gynäkologe William McBride unabhängig voneinander den Zusammenhang zwischen Contergan und den Missbildungen. Nach einem anonymen Brief veröffentlichte die «Welt am Sonntag» einen Artikel, woraufhin Hersteller Grünenthal Contergan schliesslich aus dem Handel nahm. Die Contergan-Betroffenen leben bis heute. (Im Bild: eine Betroffene vor den Toren des Contergan-Herstellers Grünenthal.

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Im deutschen Gelsenkirchen sorgen Fälle von Missbildungen bei Kindern für Aufsehen. Jüngst kamen drei Kinder mit deformierten Händen zur Welt. Darauf machten Spekulationen um einen Zusammenhang mit Pestiziden die Runde.

Auch Schweizer Spitäler stellen mehr Fehlbildungen fest, als internationale Studien nahelegen würden. «Die Zahl der Fehlbildungen ist bei unseren Sprechstunden etwas höher, als anhand der Geburtenrate der Region zu erwarten wäre», sagt Facharzt Alexandre Kämpfen vom Kinderspital beider Basel zu «Blick». Neuere Studien zeigten, dass bei 1000 Geburten etwa zwei bis fünf Kinder mit einer Fehlbildung auf die Welt kommen. Insgesamt werden in Basel jedoch pro Jahr zwischen zehn und zwölf Kinder mit einer Fehlbildung behandelt, bei etwa 4000 Geburten.

Betroffene leben eher in ländlichen Gebieten

Der Verein Pinocchio, in dem Betroffene organisiert sind, sieht einen Zusammenhang mit der geographischen Lage. Betroffene stammten tendenziell eher aus den ländlichen Regionen. So sind ein Drittel der Kinder aus dem Kanton Zürich und wohnen vor allem in ländlichen Gemeinden des Kantons, wo intensiv Landwirtschaft betrieben wird.

Ob Pestizide tatsächlich für die Missbildungen verantwortlich sind, ist indes umstritten. Auch in verschiedenen Regionen in Frankreich wurde in den vergangenen Jahren über Missbildungen berichtet, die bei Säuglingen aufgetreten sind. Auch da fiel der Verdacht auf Pestizide. Bis heute sind auch diese Fälle noch ungeklärt.

Pestizide können ein Faktor sein

Sogenannte Dysmelien entwickeln sich zwischen dem 29. und 40. Tag der Schwangerschaft, erklärte Alexandre Kämpfen dem «Blick». In dieser Zeit können äussere Einflüsse wie Sauerstoffmangel, Medikamente oder Giftstoffe eine Dysmelie auslösen.» Fehlgebildete Hände oder Füsse seien heute aber sehr gut zu operieren.

(20M)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Robert am 22.09.2019 14:21 Report Diesen Beitrag melden

    Was muss noch alles passieren?

    Wie lange will unsere Regierung eigentlich noch warten? Anstatt die Grenzwerte immer höher zu schrauben, wäre ein Verbot doch mal eine Idee.

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  • konsument am 22.09.2019 14:18 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    konsument

    Hauptsache wir haben erdbeerden das ganze jahr. Konsum regiert die welt. Der konsument isr schuld. Er muss jeder zeit fehlerfreie ware haben.

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  • Riana am 22.09.2019 14:51 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Unglaublich

    dieser Satz "Fehlbildungen lassen sich gut operieren" bringt mich zum kochen. Da stimmt was nicht und ich finde es nicht zuviel verlangt herauszufinden was! Vermutlich ist jedoch längst bekannt, was es ist, aber aus wirtschaftlichen Gründen wischt man es unter den Tisch.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Chema am 23.09.2019 19:40 Report Diesen Beitrag melden

    Gift kommt vom Himmel

    Ursache Chemtrail! Wird hier seit 2007 versprüht per Flugzeug! Unsere Bauern haben keine Flugzeuge, also sind nicht sie die Täter. Zuerst nur Nato Flugzeuge, jetzt auch Andere die sprühen es hat Radioaktives Material drinnen Strontium Barium und noch mehr Giftiges!

  • PANIKA PANIKA am 23.09.2019 15:23 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Danke

    Guten Schleichwerbung für BIO Produkte ;)

  • Maik am 23.09.2019 13:21 Report Diesen Beitrag melden

    Immer dasselbe

    Die wissen ganz genau woran es liegt & was die Ursachen dafür sind! Nur sagen will/darf es keiner.

  • Lenard am 23.09.2019 12:52 Report Diesen Beitrag melden

    Lösung ganz einfach

    Von jedem CEO und oberen Kader der Chemie-Industrie eine Garantieerklärung zur absoluten Unbedenklichkeit ihrer Produkte unterzeichnen lassen. Stellt sich das Gegenteil heraus, 30 Jahre Haft und Einzug des Vermögens. Mal sehen, wie viele unterzeichnen. Das Zauberwort heisst: Persönliche Haftbarmachung. Das selbe für Politiker einführen. Und plötzlich hat der Staat wieder genug Geld.

  • Mörgelifan am 23.09.2019 12:36 Report Diesen Beitrag melden

    Dynamisierung

    Auch Fehlbildungen können als positive Dynamisierung der Marktwirtschaft gesehen werden.

    • EMMM am 23.09.2019 12:57 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Mörgelifan

      Nur schadet das Langfristig der Wirtschaft. Oder wie will man mit Fehlbildung für, Baustellengewerbe, Zimmerman etc, aufrecht erhalten. Ist ohnenhin schwer genug einen Job zu Kriegen, und mit Fehlbildung (Je nach dem) umso Schwerer.

    • Müetti am 23.09.2019 18:08 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Mörgelifan

      Solange es ja nicht ihre Kinder betriffts gehts oder was?

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