Schweiz im Zweiten Weltkrieg

09. März 2011 12:17; Akt: 11.04.2011 16:33 Print

Späte Ehre für Tessiner Oberst

Oberst Mario Martinoni hat 1945 durch Verhandlungsgeschick ein Blutvergiessen verhindert. 66 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs werden seine Verdienste anerkannt.

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Der Amerikanische Oberst Joseph McDivitt schaute sich am 27. April 2010 in einer Ausstellung in Chiasso ein Bild aus dem Jahr 1945 an, auf dem er selber, rechts, mit dem Tessiner Oberst Mario Martinoni, links, abgebildet ist. (Bild: Keystone/Karl Mathis)

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Der Zweite Weltkrieg neigte sich in Europa dem Ende zu, die deutsche Wehrmacht war auf dem Rückzug, als es Ende April 1945 an der schweizerisch-italienischen Grenze zu Vorfällen kam, die als «Ereignisse von Chiasso» in die Geschichte eingingen. Hauptakteur war dabei der Tessiner Oberst Mario Martinoni, der im Auftrag des Bundesrats zwischen deutschen und amerikanischen Truppen verhandelte und so ein Blutvergiessen verhinderte. Bis heute hatte er dafür keine gebührende Anerkennung erhalten. Im Gegenteil: Aufgrund einer Verkettung unglücklicher Umstände entstand Zeit seines Lebens der Eindruck, Martinoni habe eigenmächtig und unangebracht gehandelt. Mit der diskussionslosen Zustimmung des Nationalrats zu einer Motion des Tessiner Ständerats Filippo Lombardi (CVP) am Mittwoch erfährt der Oberst nun späte Anerkennung.

Martinoni war Gebirgskommandant im Tessin, als sich am 27. April 1945 rund 300 deutsche Soldaten der Schweizer Grenze näherten. Sie fürchteten, von Partisanen überwältigt zu werden und in sowjetische Kriegsgefangenschaft zu geraten. Daher baten sie, in die Schweiz einreisen zu dürfen. Die Schweizer Grenzwächter hatten jedoch die Order erhalten, keine Soldaten ins Land zu lassen. Diese Antwort missfiel den Deutschen, die daraufhin mit einem bewaffneten Einmarsch drohten.

Chiasso drohte Verwüstung

Martinoni nahm daraufhin Kontakt mit den Alliierten auf. In einem Auto mit einer Schweizer Fahne und einer weissen Flagge fuhr er in die nahe italienische Stadt Como. Mit dem dortigen amerikanischen Befehlshaber Joseph McDivitt handelte er die Modalitäten für die Kapitulation der deutschen Truppen aus, die sich schliesslich kampflos ergaben. Hätten die deutschen Truppen die Schweizer Grenze gewaltsam überschritten, dann wäre bei den Kampfhandlungen wohl auch der Grenzort Chiasso verwüstet worden.

Kurz darauf wurde Martinoni seines Kommandos über die 3000 Mann starke Truppe an der Südgrenze enthoben und auf einen Bürojob nach Bellinzona versetzt. Es entstand der Eindruck, die Armeeführung habe Martionis «eigenmächtiges Vorgehen» nicht goutiert. Im Tessin wurde deshalb seine Versetzung lange Zeit als Strafe verstanden. Erst vor einem Jahr wurde bekannt, dass Oberst Martinoni in Como im Auftrag des Bundesrats gehandelt hatte. Aus Gründen der Neutralität war der Auftrag geheimgehalten worden.

Psychische Erkrankung als Versetzungsgrund

Bereits im vergangenen September hatte Bundesrat Ueli Maurer im Ständerat erklärt, dass Martinonis Versetzung nichts mit den Ereignissen von Chiasso zu tun hatte: «Die Verdienste, die sich Herr Oberst Martinoni für die Schweiz erworben hat, sind ungeschmälert.» Vielmehr habe der Oberst des Kommandos enthoben werden müssen, weil er kurz nach den Ereignissen an der Schweizer Grenze psychisch erkrankte. Offenbar hatte Martinoni die Wahnvorstellung, seinen Vorgesetzten töten zu müssen. Weil auch dies lange Zeit nicht publik wurde, konnte sich im Tessin der Eindruck halten, der Oberst sei bestraft worden.

Martinoni verstarb 1981 in seinem Haus in Minusio im Alter von 85 Jahren. In Chiasso wurde im letzten April eine Gedenktafel enthüllt, die an die Ereignisse jener Tage erinnert.

(rn/sda)

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Uncle Sam am 09.03.2011 16:11 Report Diesen Beitrag melden

    Ein Schweizer Held

    Wir haben keine Kriegshelden. Dafür haben wir besonnene Leute wie dieser Oberst, die in Krisenzeiten ein Blutvergiessen verhindern!

  • Manfred Schnyder am 31.05.2011 14:22 Report Diesen Beitrag melden

    info@rechtsberatung-schnyder.com

    Herr Oberst Mario Martinoni war ein Gebirgskommandant und Vorbild, sowie ein Held. Ich bin Stolz ein Gebirgsspezialist zu sein. Viele Grüsse ins schöne Tessin.

  • andy444 am 09.03.2011 16:08 Report Diesen Beitrag melden

    Hut ab vor maurer und für einmal lombardi

    Ehre wem Ehre gebührt, wenn auch reichlich spät!

Die neusten Leser-Kommentare

  • Manfred Schnyder am 31.05.2011 14:22 Report Diesen Beitrag melden

    info@rechtsberatung-schnyder.com

    Herr Oberst Mario Martinoni war ein Gebirgskommandant und Vorbild, sowie ein Held. Ich bin Stolz ein Gebirgsspezialist zu sein. Viele Grüsse ins schöne Tessin.

  • Winkelried am 10.03.2011 08:57 Report Diesen Beitrag melden

    Bravo - sehr ehrenvoll!

    Schade, dass dies erst so spät aufgearbeitet wurde.

  • Tabou am 10.03.2011 07:55 Report Diesen Beitrag melden

    Schneckentempo und ist noch schnell bei uns

    Mensch geht das langsam bei uns!!!!!

  • Marco Kälin am 09.03.2011 19:36 Report Diesen Beitrag melden

    Ein Bravo der Ehrung!

    Einer der Helden die ohne Kampf wahre Grösse im zweiten Weltkrieg zeigten. Es wäre nun aber auch an der Zeit andere Zeitgenossen/Innen die Grosses für unser Land in dieser oder auch danch geleistet haben Ehre zu erweisen. Es gab Menschen die selbstlos Flüchtlinge aufgenommen haben aus allen Ländern und Nationen rund um die Schweiz. Meine Mutter, eine Deutsche Frau und auf der Flucht weil sie sich nicht den Nazi's anschliessen wollte, fand so diskreten Unterschlupf in der Nähe von Basel bei einer Familie bis der Krieg vorbei war. Dies diskret und ohne das die Behörden etwas davon wussten.

  • amadeus am 09.03.2011 16:44 Report Diesen Beitrag melden

    Neutral?

    Allergrössten Respekt von der Leistung von Herr Oberst Martinoni. Wie heisst es doch so schön: rette ein Leben und du rettest die ganze Welt. Aber zeigt doch wie neutral die Schweiz war/ist/sein wird...

    • Fabian am 10.03.2011 03:52 Report Diesen Beitrag melden

      Neutralität falsch verstanden!

      Amadeus hat gar nichts begriffen: Neutralität heisst nicht wegschauen und nichts tun! Sondern man darf/muss auch als neutrales Land handeln! Als Vermittler ein Blutvergiessen verhindern, oder Flüchtlingen Schutz bieten! DAS heisst Neutralität!

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