Ansturm auf Spitäler

09. Januar 2019 12:31; Akt: 09.01.2019 17:08 Print

Notfall wird wegen Kleinigkeiten überrannt

Verstopfung und Fieber: Über die Feiertage war der Ansturm auf den Spitalnotfall teils noch grösser als sonst. Politiker fordern Massnahmen.

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Anfang Januar im Kindernotfall Triemli in der Stadt Zürich: Der Bub habe «seit zwei Tagen kein Gaggi mehr gemacht und etwas Bauchweh», so die besorgten Eltern. Er solle einen Monat keine Süssigkeiten mehr essen, rät die Ärztin. Nach den Feiertagen, an denen die Kinder unregelmässig und unausgewogen essen und spät ins Bett gehen, komme es oft zu Verstopfungen. Das Notfallzentrum Triemli behandelt täglich bis zu 108 Patienten. Es gebe immer einen Prozentsatz, bei dem es sich nicht um Notfälle handle, sagt Chefarzt Andreas Platz. Einen Patientenansturm verzeichnete über Weihnachten und Neujahr die Notfallstation des Kinderspitals Zürich. Statt 120 Patienten wurden in dieser Zeit 150 Patienten pro Tag untersucht. Grund dafür waren laut dem leitenden Arzt Tobias Höhn die geschlossenen Kinderarztpraxen. Oft handle es sich um harmlose Fälle wie Erkältungen, womit man eigentlich zum Kinderarzt gehen könnte, sagt Höhn. Das Universitäts-Kinderspital beider Basel (UKBB) behandelt während Feiertagen statt wie üblich rund 100 Patienten unter Umständen gar doppelt so viele. Aber: Nur in rund einem Drittel der Fälle liege ein Notfall vor, der aus medizinischen Gründen zeitnah angeschaut werden müsse, so Michel Ramser, Leiter Notfall. Auch im Notfallzentrum für Kinder und Jugendliche in Bern gibt es viele Fälle, die eigentlich harmlos sind. Direktor Daniel Garcia findet, dass leichtere Fälle wie etwa Fieber besser von einem Hausarzt behandelt werden sollten. Direktor Daniel Garcia vom Notfallzentrum für Kinder und Jugendliche in Bern begrüsst es, dass der Notfall entlastet werden soll: «Es macht Sinn, nach Lösungen zu suchen, die die Patienten wieder mit den Haus- oder Kinderärzten zusammenbringen.» Aber: Eine Notfallgebühr lehnt Garcia ab. «Das kann dazu führen, dass eine Familie mit wenig Geld im entscheidenden Moment vielleicht doch nicht Hilfe sucht und das Kind Komplikationen erleidet. Das führt zu einer Zweiklassenmedizin und ist keine gute Idee.» Das Kinderspital beider Basel wird bereits an Wochenenden und Feiertagen von einem niedergelassenen Kinderarzt unterstützt. Diese Zusammenarbeit funktioniere gut: «Eine Möglichkeit, den steigenden Notfallkonsultationen zu begegnen, ist eine Ausweitung dieser Unterstützung in Spitzenzeiten», sagt Michel Ramser.

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Anfang Januar im Kindernotfall Triemli in der Stadt Zürich: Der Bub habe «seit zwei Tagen kein Gaggi mehr gemacht und etwas Bauchweh», so die besorgten Eltern. Er solle einen Monat keine Süssigkeiten mehr essen, rät die Ärztin. Nach den Feiertagen, an denen die Kinder unregelmässig und unausgewogen essen und spät ins Bett gehen, komme es oft zu Verstopfungen.

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Es folgt ein Kind, das «schon zum dritten Mal in diesem Monat» Fieber hat. 38 Grad. Dann wird ein Kleinkind behandelt, das seit zwei Tagen erkältet ist und nicht mehr so gut durch die Nase atmen kann. Das Notfallzentrum Triemli behandelt täglich bis zu 108 Patienten. Es gebe immer einen Prozentsatz, bei dem es sich nicht unbedingt um wirkliche Notfälle handle, sagt Chefarzt Andreas Platz.

Bis zu doppelt so viele Notfallpatienten

Einen Patientenansturm verzeichnete über Weihnachten und Neujahr die Notfallstation des Kinderspitals Zürich. Statt 120 Patienten hat der Notfall in dieser Zeit 150 Patienten pro Tag untersucht. Während der Feiertage wurden also insgesamt fast 1000 Personen behandelt. Grund dafür waren laut dem leitenden Arzt Tobias Höhn die geschlossenen Kinderarztpraxen. Oft handle es sich um harmlose Fälle wie Erkältungen, womit man eigentlich zum Kinderarzt gehen könnte, so Höhn. Die Kinder werden behandelt, weil sie und ihre Eltern Hilfe brauchen. «Da können und dürfen wir nicht einfach wegschauen.»

Das Universitäts-Kinderspital beider Basel (UKBB) behandelt während Feiertagen statt wie üblich rund 100 Patienten, unter Umständen gar doppelt so viele. Aber: Nur in rund einem Drittel der Fälle liege ein Notfall vor, der aus medizinischen Gründen zeitnah angeschaut werden müsse, so Michel Ramser, Leiter Notfall.

Auch im Notfallzentrum für Kinder und Jugendliche in Bern gibt es viele Fälle, die eigentlich nicht so dringend sind. Direktor Daniel Garcia findet, dass leichtere Fälle wie etwa Fieber besser von einem Hausarzt behandelt werden sollten.

Notfallgebühr und Notfallnummer

Damit in Zukunft nur noch «echte» Notfallpatienten in der Station landen, will die Politik nun handeln. Das sind die wichtigsten Lösungsansätze:

• Der Zürcher Regierungsrat hat einen Bericht vorgelegt, in dem er aufzeigt, wie er die Notfallstationen entlasten will, wie «Der Landbote» berichtete. So sollen ärztliche Notfalldienste neu organisiert werden. Zum Beispiel werden seit dem 1. Januar 2018 Patienten bei einem Anruf auf die Notfallnummer 0800 33 66 55 telefonisch beraten.

• Weiter soll die Hausarztmedizin allgemein gefördert werden. Hausarztpraxen sollen ihre Rolle als primäre Triagestelle und erste Anlaufstelle bei medizinischen Notfällen wahrnehmen.

• GLP-Nationalrat Thomas Weibel schlägt vor, eine Gebühr von etwa 50 Franken zu erheben für diejenigen, die den Spitalnotfall aufsuchen. Die Gesundheitskommission hat die Initiative «Bagatellen gehören nicht in den Spitalnotfall» im Juli gutgeheissen. Im Rat wurde sie noch nicht behandelt. Der Bundesrat beantragt die Ablehnung der Motion.

Angst vor Zweiklassenmedizin

Direktor Daniel Garcia vom Notfallzentrum für Kinder und Jugendliche in Bern begrüsst es, dass der Notfall entlastet werden soll: «Es macht Sinn, nach Lösungen zu suchen, die die Patienten wieder mit den Haus- oder Kinderärzten zusammenbringen.» Eine Notfallgebühr lehnt Garcia allerdings ab. «Das kann dazu führen, dass eine Familie mit wenig Geld im entscheidenden Moment vielleicht doch nicht Hilfe sucht und das Kind Komplikationen erleidet. Das führt zu einer Zweiklassenmedizin und ist keine gute Idee.»

Das Kinderspital beider Basel wird bereits an Wochenenden und Feiertagen von einem niedergelassenen Kinderarzt unterstützt. Diese Zusammenarbeit funktioniere gut: «Eine Möglichkeit, den steigenden Notfallkonsultationen zu begegnen, ist eine Ausweitung dieser Unterstützung in Spitzenzeiten», so Michel Ramser.

(nzy/qll)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Georges, ZH am 09.01.2019 12:52 Report Diesen Beitrag melden

    Notfall

    Ok, kann jedem passieren. Ganz einfach, bei der Anmeldung dem Patienten mitteilen, es kostet 50 Franken Gebühr die die KK nicht übernimmt! Ausgenommen der die Arzt / Ärtzin nimmt es als Notfall auf, dann werden die 50 Franken beim hinaus gehen zurück erstattet. Wetten, es gibt Schlagartig viel Notfälle weniger.

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  • Sheriffamigo am 09.01.2019 12:50 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Verursacherprinzip

    Wenn das Resultat "kein Notfall" ist, sollte die kosten zu 100% dem Verursacher (Patient) verrechnet werden.

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  • sebo t am 09.01.2019 12:52 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    aufhören

    Klar liegt hier die Verantwortung bei jedem einzelnen. Aber ein Spital sollte dennoch ein wenig besser triagieren und solche Mumpitz-Fälle an den Hausart verweisen. Dürfen jedes Jahr mehr bezahlen wegen solchen leuten

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Rahel am 10.01.2019 14:09 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Richtiger Notfall

    Ich war am 26. Dezember im Notfall weil ich mir die Bänder am Abend 25. Dezember angerissen habe (was ich ja nicht wusste) in dem ich die Treppe herunter gefallen bin und nicht mehr richtig den Fuss belasten konnte. Trotzdem habe ich gewartet, als es blau und geschwollen war bin ich dann gegangen. Das ist ein Notfall für mich und nicht das, was ich meistens in den Wartezimmern sehe.

  • Ephraim Lercher am 10.01.2019 13:26 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    gut, Gebühr einführen

    Wer wegen 50 Franken nicht in die Notfallaufnahme geht, weiss, dass es eigentlich gar kein Notfall ist.

  • Maja am 10.01.2019 12:20 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Symptome deuten

    Der Ansatz mit integrierter Hausarztpraxis klingt für mich sinnvoll. Als med. Laie ist es einfach oftmals unmöglich, zwischen Bagatelle und Notfall zu unterscheiden, weil die Symptome sich doch sehr ähnlich sind. Schmerzen, Fieber... Mit der Zeit hat man vielleicht etwas Erfahrung und kann seine Schmerzen einordnen, aber gerade Kindern fehlt diese Erfahrung mit dem Körper noch. Auch wenn viele für nichts in den Notfall rennen, gibt es auch genug Leute, die echte Probleme bekommen haben, weil sie eben nicht gegangen sind...

  • Berner am 10.01.2019 10:58 Report Diesen Beitrag melden

    Anstatt auf Notfall rennen, Medphone!

    Wenn man nicht dem Kinderarzt telefonieren kann (z.B. Wochenende), dann finde ich das Medphone eine gute Sache. Das kostet 3.50 pro Minute. Die können in 99 von 100 Fällen weiterhelfen. Und wenn sie es nicht können, dann schicken sie einen auf den Notfall. Somit liegen die Kosten direkt beim Verursacher und die KK wird nicht belastet.

  • Stefan am 10.01.2019 10:53 Report Diesen Beitrag melden

    Ineffizientes System

    Ich war bei Tele-Med. Eigentlich mit dem Hintergedanken das System zu entlasten. Ich wurde jedoch bereits dreimal nach einer kurzen Beratung wegen einer Kleinigkeit in den Notfall geschickt ( Leichte Gehirnerschütterung, Fieber). Offensichtlich will man dort kein Risiko eingehen. Hätte ich mich geweigert, hätte ich unterschreiben müssen, das ich selber für sämtliche Folgekosten verantwortlich bin, falls es doch etwas ernstes ist. Ich habe mich jedesmal in Grund und Boden geschämt und bin wider ins alte Sytsem gewechselt.