Fluchender Swiss-Pilot

12. Oktober 2018 17:24; Akt: 13.10.2018 09:16 Print

«Cooler Pilot, von denen sollte es mehr geben»

von Noah Zygmont - Wegen seiner energischen Reaktion auf den verspäteten Abflug erhält ein Swiss-Pilot viel Zuspruch. Müssten wir unseren Ärger öfter kundtun?

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Ein Swiss-Pilot ärgerte sich über den verspäteten Abflug seiner Maschine. Dem Tower funkte er, dass das Flugzeug seit 30 Minuten bereit sei, der Slot aber permanent verschoben werde. «Es ist heute wieder mal zum Kotzen hier in Zürich, ich habe die Schnauze voll von diesem Drecksplatz», sagte er.

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Wie finden Sie die Reaktion des Piloten?

Von Lesern erhält er viel Zuspruch: «Seine ehrlichen Emotionen: ‹Ja, ja› am Schluss – der Knaller! Als Passagier vertrete ich absolut und ganz seine Ansichten. Einfach Danke schön», schreibt etwa Leser Russkij. Pia schreibt: «Cooler Pilot, von diesen Menschen sollte es mehr geben.» Aber auch die Frau aus dem Tower bekommt viele positiven Rückmeldungen für ihre Antworten: «Die Reaktion vom Tower fand ich ebenso cool. Gut gemacht auf beiden Seiten. Schön, dass ‹äs no chli menschele dörf›», kommentiert Tinkerbell.

Viele halten die Reaktion für nachvollziehbar – auch, weil man sich stark mit der Thematik identifizieren kann, wie der Psychologe Thomas Steiner und der Soziologe Ueli Mäder erklären.

Warum erhält der Pilot so viel Zuspruch?

Steiner: Weil alle irgendwie betroffen sind. Auch mir ging es vor kurzem so, als ich den Anschlussflug wegen einer Verspätung verpasst habe. Als Fluggast lässt man den Frust am Piloten oder seiner Besatzung raus, obwohl diese meistens nichts dafürkönnen.

Mäder: Irgendwie ist es nachvollziehbar, so was kann mal passieren. Aber trotzdem finde ich, in so einer Position müsste ihm seine Rolle bewusster sein. Er hätte auch gegenüber Mitbetroffenen eine Gelassenheit ausstrahlen müssen. Der Pilot drückt aus, was uns wichtig ist. Wir lieben die Pünktlichkeit, sind von ihr verwöhnt. Und wenn nicht alles wie am Schnürchen läuft, haben wir das Gefühl, die Welt gehe unter.

Müssen wir uns grundsätzlich mehr ärgern?

Steiner: Nein, das finde ich nicht. Ich kann den Frust nachvollziehen – aber gerade wir in der Schweiz haben eigentlich wenig Grund, uns am laufenden Band zu ärgern. Wir haben ja fast alles. Es ist leider oft so, dass der Ärger dort landet, wo er eigentlich nicht hingehört. Man lässt den Frust beim Nächstbesten raus.

Mäder: Es ist schwierig, das pauschal zu sagen. Es gibt Situationen, da ist es gut, wenn man das Problem direkt anspricht. Wenn jemand mal ausruft, finde ich das auch nicht weiter schlimm. Ich selber bin manchmal auch etwas lauter, wenn ich etwa beim Fussball gefoult werde.

Warum ärgern wir uns so häufig?

Steiner: Man muss mehr über sich selber nachdenken, als den Fehler bei anderen zu suchen. Als Beispiel nehme ich den Strassenverkehr. Da nerven wir uns alle mal. Wenn man im Stau steht, neigt man gerne einmal dazu, auf die Hupe zu drücken. Trotzdem müsste man sich jetzt fragen, ob man nicht selbst schuld ist, weil man schlichtweg zu spät aus dem Haus gegangen ist.

Mäder: Die einen rufen rasch aus, andere ärgern sich verhalten. Meistens richtet sich unsere Kritik auch an uns selbst. Uns gefällt oder stört bei anderen, was wir von uns selbst kennen. Eben, dass wir so pünktlich sind. Oder zu wenig.

Also sind wir Schweizer «Nörgler»?

Steiner: Wir sind ein Volk, das schnell unzufrieden ist. Obwohl wir selbst lieber Anerkennung haben, sind wir sehr schnell bereit, andere zu kritisieren, wenn nicht alles perfekt ist. Da gefällt mir der italienische Lebensstil besser: Leben und leben lassen!

Über was haben Sie sich kürzlich geärgert?

Steiner: Mich nervt, dass der Egli aus dem nahen Zürichsee pro 100 Gramm acht Franken kostet, der Egli aus der EU aber nur fünf. Gopfried Stutz, warum kostet der aus dem nahen Zürichsee fast doppelt so viel?!

Mäder: Als letzte Woche die Regionalzeitung bei mir nicht verteilt wurde. Das ärgerte mich in diesem Moment ziemlich. Mehr Gelassenheit macht den Alltag jedenfalls lebendiger.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Brun Niklaus am 12.10.2018 20:39 Report Diesen Beitrag melden

    Supper Pilot

    Cooler Pilot, vor 2 Wochen warteten wir am Flughafen Zürich im Flugzeug 1 Std. bis wir Starterlaubnis erhielten. Dass wir den Anschluss in Barcelona verpassen nach Teneriffa war vorprogrammiert.Unzählige Personen waren davon betroffen. Wir hatten das Glück,dass wir einen späteren Flug nach Teneriffa erhielten. Mit 7 Std . Verspätung sind wir in Teneriffa gelandet, nur weil wir in Zürich 1 Std. warten mussten. Von uns erwartet man das ganze Jahr Pünktlichkeit. Ein Lob an den Piloten . Endlich einer der mal was sagt was Sache ist

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  • Knucklehead am 12.10.2018 20:38 Report Diesen Beitrag melden

    Top!

    Er hat ganz bewusst gehandelt! Richtig so!! Man muss sich nicht alles gefallen lassen!

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  • Lena am 12.10.2018 20:30 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Psychogelaber

    Ewig das Psychlogengelaber, kann man etwas nicht einfach mal stehen lassen ohne tausende von psychologischen Analysen. Mensch ist Mensch und bleibt Mensch auch ohne psychologische Analysen.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Jac56 am 14.10.2018 15:48 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    swiss

    coole socke! auch ein pilot kann nicht immer alles schlucken

  • Simon am 14.10.2018 14:50 Report Diesen Beitrag melden

    Unangebrachtes Verhalten

    Ich möchte nicht mit ihm fliegen und auch nicht in einer Gesellschaft leben, in der solche Umgangsformen en vogue werden. Meinen nächsten Flug buche ich ganz bewusst nicht bei Swiss.

  • Pius Widmer am 14.10.2018 14:24 Report Diesen Beitrag melden

    Säuber luge ned im Gschnör zulose!

    Über Symtome zu lästern ist leider immer populärer geworden in den letzten Jahren als die Ursachen anzugehen. Was würded ihr von einem Chirurgen halten der flucht wärend der Operation weil die Assistentin zu langsam ist. Sein Wut auszulassen ist absolute OK. Wenn das aber alle machen über öffentliche Kommunikations Kanäle, dann haben wir am Schluss ein Chaos wie bei den Demokraten in den USA. Immer mehr Leute können Ursache und Wirkung gar nicht mehr von einander unterscheiden. Das gilt leider auch für die meisten Medien, die dadurch immer mehr und mehr Benzin ins Feuer giessen.

  • Te Rasse am 13.10.2018 22:53 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Gefährlicher Choleriker

    Und genau so ein cooler Typ trägt die Verantwortung für ein paar hundert Menschenleben??!!!

    • Sky Net am 14.10.2018 12:06 Report Diesen Beitrag melden

      Bewusste Reaktion

      Nein, der Frust muss raus! Immer alles runterschlucken ist ungesund und die Verursacher des Ärgers machen ungeniert weiter!

    • Te Rasse am 14.10.2018 22:24 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Sky Net

      Und das wissen Sie alles aus eigener Erfahrung?

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  • Nachträglich ein dickes Lob für den am 13.10.2018 22:47 Report Diesen Beitrag melden

    Swiss - Piloten, der sich

    vor drei Tagent, nach dreistündiger Verspätung aus technischen Gründen (Flugzeit 1, 5 Std)- sachlich, ruhig, informativ und freundlich entschuldigt hat - auch wenn die Passagiere genervt waren.