Seitensprung-Portale

25. Dezember 2018 15:23; Akt: 25.12.2018 15:23 Print

Statt Liebe fand Jens Pornostars und Fake-Gold

Datingwillige Frauen traf Jens (48) auf Seitensprungportalen nicht an, nur Betrügerinnen. Er will nun andere Männer warnen.

Bildstrecke im Grossformat »
Jens lernte auf der Plattform cougars.ch die Französin Marie kennen. Sie schrieben einander, wobei Marie erzählte, dass sie in einem afrikanischen Restaurant arbeite. Jens schöpfte Verdacht und suchte das Bild über die Google-Bildersuche. Er fand heraus: Es ist nicht Marie, sondern die Softporno-Darstellerin Jasmine Ann Miller. Das Foto werde hundertfach für Love-Scamming verwendet. Jens konfrontiert «Marie» mit seinen Recherchen: «Du musst mich wirklich für einen Idioten halten.» «Marie» redet sich heraus und sagt, ihr Konto sei gehackt worden. Doch Jens bricht den Kontakt ab. Die Fotografin Sarah aus Stans ist auf« The Casual Lounge» auf der Suche nach einem «eindeutigen Sexdate», so Jens. Sie will dann plötzlich Geld von ihm, denn ihre Bankkarte funktioniere in Nigeria nicht, wo sie gerade ein Modelshooting mache. Jens findet heraus: Die Bilder zeigen nicht Sarah, sondern die US-Pornodarstellerin Melissa Herrington. Mit diesem Bild gibt sich Véronique als Köchin aus Sitten aus. Doch das Foto zeigt eine belgische Webdesignerin. Als der Schwindel auffliegt, schickt Véronique plötzlich ein anderes Bild und sagt, sie habe wegen des Rassismus in der Schweiz nicht ihr wahres Gesicht zeigen wollen. Sie sei zu lange arbeitslos gewesen, daher habe man sie nach Afrika ausgeschafft. Dieses Bild von Christiana ist echt, so Jens. Doch auch sie will ihn übers Ohr hauen: Per Western Union soll er Geld zu ihr schicken, doch die Geldtransferfirma blockt ab. Dann soll Jens diese Goldbarren in der Schweiz deklarieren und für den Transport bezahlen. Hobbyfotograf Jens merkt aber gleich, dass das Bild bearbeitet und die Goldbarren hineinretuschiert worden sind.

Zum Thema
Fehler gesehen?

Der in der Westschweiz lebende Deutsche Jens* lebt weit entfernt von seiner Frau. An einsamen Abenden kam ihm die Idee, auf den Datingportalen cougars.ch und thecasuallounge.ch nach Frauen zu suchen, die ihn daten wollen. «Das muss ja nichts Sexuelles sein, ich wollte einfach neue Leute kennen lernen», so der 48-jährige IT-Fachmann.

Jens schrieb Dutzende Frauen an, fünf schrieben ihm zurück. Zum Date kam es aber nicht. Der Grund: Echt sind die Profile laut Jens meist nicht: «Ich habe keine einzige echte Frau kennen gelernt.» Weil sie in der Grenzregion zu Frankreich wohnte, wollte er sich mit Adriana in Biel treffen. Doch dann schrieb sie ihm, sie brauche Geld für das Zugbillett. Dann schickte sie ihm Bilder von sich und ihrem Sohn und bat um finanzielle Unterstützung. 95 Prozent der Profile seien Frauen aus Frankreich – meist Fakes, da ist sich Jens sicher. «Es gibt nur wenige echte Profile, und diese Frauen suchen immer gleich den Mann fürs Leben. Das wollte ich nicht.»

Western Union verweigert Jens die Überweisung

Jens schrieb auch mit einer «extrem gutaussehenden» Französin namens Christiana. «Der Chat-Austausch wurde sehr intim, sie schickte viele Fotos.» Dann sei sie zu ihrer kranken Grossmutter in die Elfenbeinküste geflogen, dort funktionierte ihre Bankkarte nicht. Jens sollte ihr darum 200 Euro per Western Union überweisen. Er ging in die Filiale in Genf, doch das Personal weigerte sich, eine Zahlung auszulösen. «Sie fragten mich, ob ich die Frau im Internet kennen gelernt und sie noch nie persönlich getroffen hätte. Als ich bejahte, wollten sie die Zahlung nicht auslösen. Da ging ich nach Bern, doch dort merkten sie gleich, dass ich schon in Genf gewesen war.» Bezahlt habe er dank dieser Intervention nie.

Am nächsten Tag folgte die nächste Story: Die Oma hatte Christiana vier Goldbarren geschenkt, und diese wollte sie nun in der Schweiz deklarieren, weil dies günstiger sei. Für den Transport brauche sie Geld. Christiana schickte ein Foto mit den Goldbarren, Hobbyfotograf Jens merkte aber gleich, dass das Bild bearbeitet und die Goldbarren hineinretuschiert worden waren.

«Verzweifelte Singles glauben jede Geschichte»

Eine andere Frau sagte, sie sei eine Schweizerin mit einer Galerie in Strassburg. Als Jens die Galerie per Google-Bildersuche suchte, stiess er auf exakt dasselbe Bild – es war eine Galerie in Abidjan in der Elfenbeinküste. Eine weitere Frau gab an, sie betreue ein Projekt in Nigeria. Ihr Profilbild war das geklaute Bild eines Pornostars. Eines hatten all die Fälle gemeinsam: Die Frauen lockten ihn von der Plattform in einen privaten Chat. Dort chatteten sie wochenlang mit ihm, und versuchten ihn emotional einzulullen.

Nun will Jens andere Männer warnen: «Diese Frauen ziehen dich in einen psychologischen Strudel. Jetzt ist bald wieder Weihnachten, viele Männer sind verzweifelt auf der Suche nach einer Partnerin und lassen sich auf solche Frauen ein. Ich habe von Fällen gehört, wo Männer Zehntausende Franken verloren haben.» Wer genug verzweifelt sei, glaube jede Geschichte.

Laut dem Betreiber sind es meist Nigerianer

Beim Portal The Casual Lounge kennt man das Problem der Love-Scammer gut. Es handle sich meist um Nigerianer, die in riesigen Büros vor PCs sitzen und Profile fälschen. «Wir gehen davon aus, dass weit unter 5 Prozent der Profile Love-Scammer sind. Im Vergleich mit anderen sind sie aber sehr aktiv und verschicken tausende Nachrichten pro Stunde», sagt ein Sprecher. Dies treffe auch auf klassische Dating-Portale zu.

Besonders gefährdet seien Dating-Anfänger. Erkenne man einen Scammer, etwa wegen hoher Nachrichtenfrequenz, so stecke man ihn in einen Pool mit anderen Betrügern. «Diese versuchen sich dann gegenseitig zu scammen», so der Sprecher. Dies sei aber wirkungslos, wenn man ausserhalb der Plattform chatte. «Wir raten unseren Usern: Bleibt auf unserer Seite, hier können wir die Betrüger erkennen.»

Fedpol verzeichnete 123 Fälle von Love-Scamming

Western Union sagt gegenüber 20 Minuten, wenn man jemandem Geld sende, den man nicht gut kenne, gebe es ein gewisses Betrugsrisiko. Wer Opfer sei, solle sich an die Polizei wenden. Wie oft dies vorkommt und ob Transaktionen in gewisse Länder verweigert werden, sagt das Unternehmen nicht.

Das Bundesamt für Polizei (Fedpol) erhielt 2017 insgesamt 123 Meldungen zu Romance Scam. 2016 waren es 140 Meldungen, 2015 81 Meldungen. «Die sind aber nur die Spitze des Eisbergs: Sie bilden nicht das Gesamtmass des Phänomens ab, weil sie auf Freiwilligkeit beruhen. Wir gehen bei Romance Scam von einer hohen Dunkelziffer aus», sagt Fedpol-Sprecher Florian Näf. Da die Phänomene mit viel Scham verbunden seien, würden nur wenige Fälle gemeldet. «Häufig gelangen Betroffene erst zur Polizei, wenn der finanzielle Schaden bereits gross ist und sie viel Geld verloren haben.»

*Name geändert

(the)