Angst unter Tamilen

28. März 2012 23:13; Akt: 29.03.2012 16:13 Print

Steckt UNO-Delegation hinter Drohbriefen?

von Joel Bedetti - Hinter den brieflichen Warnungen an Schweizer Tamilen könnten höchste politische Kreise stehen. Lokale Helfer könnten die Adressen besorgt haben.

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Sollen Angst bekommen: Schweizer Tamilen an einer Demonstration.

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Nach Tagen zäher Verhandlungen beschloss die UNO-Menschenrechtskommission vergangenen Donnerstag in Genf eine Resolution. Sie verlangte von der Regierung Sri Lankas, die Verbrechen zu untersuchen, die ihre Streitkräfte bei der Siegesoffensive gegen die Tamil Tigers 2009 begangen haben sollen. Die Sri Lankische Delegation protestierte heftig gegen die Resolution.

Die 52-köpfige Delegation, bestehend aus Diplomaten, regimetreuen Journalisten und wohl auch Geheimdienstleuten, beschränkte ihren Protest nicht nur auf die Weltbühne. Abseits der offiziellen Verhandlungen hielt die Gesellschaft für bedrohte Völker eine Veranstaltung ab, in der Menschenrechtsvertreter über die politische Unterdrückung in Sri Lanka berichteten.

Delegation im selben Kaffee

Dort seien 30 Mitglieder der Sri Lankischen Delegation erschienen, sagt Angela Mattli von der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV): «Sie taten alles, um Menschenrechtler, die am Podium auftraten, einzuschüchtern.» Als eine Frau beispielsweise auf dem Podium berichtete, dass ihr Mann verschwunden sei, so Mattli, hätten die Delegierten dazwischengerufen, sie solle keinen Blödsinn erzählen. Das wirkte. «Einige Teilnehmer wagten sich nicht mehr in die UNO-Räumlichkeiten.»

Aber auch ausserhalb der UNO liessen die Regierungsleute nicht von ihren Kritikern ab. «Sie erhielten drohende SMS und Anrufe in ihren Hotelzimmern», sagt Angela Mattli. Wie die Anrufer an die Telefonnummern gekommen seien, wisse sie nicht; aber Genf sei eben klein. Ausserhalb des Hotels, so Mattli, seien sie auf Schritt und Tritt verfolgt worden. «Wenn wir zusammen einen Kaffee trinken wollten, musste man schauen, ob nicht zufälligerweise schon jemand von der Delegation ebenfalls im selben Kaffee sass.»

Mehrere Indizien

Angela Mattli vermutet, dass die Drohbriefe, die einige Schweizer Tamilen vergangene Woche erhalten haben, von Mitgliedern dieser Delegation versandt worden sein könnten. Für diese These sprechen einige Indizien: Erstens tragen die Drohbriefe den Poststempel von Bursins; diese Gemeinde liegt am Genfersee und ist eine halbe Autostunde von Genf entfernt.

Zweitens sind solche Drohbriefe an Regimegegner in Sri Lanka «Courant Normal»; eine der Betroffenen sagt gegenüber 20 Minuten Online, dass ein ähnlicher Brief einige Jahre zuvor in Universitäten der nordsrilankischen Stadt Jaffna kursiert sei. Drittens kamen die Briefe am Donnerstag, dem 22. März in die Briefkästen - just am Tag, als die Resolution verabschiedet wurde.

Spitzel oder Rivalen

Bleibt die Frage, wie die Absender an die Adressen der Schweizer Tamilen kamen. Die Vermutung von Szenekennern: Entweder waren es Spitzel in tamilischen Organisationen, die direkt für den srilankischen Geheimdienst arbeiten – oder es war die PLOTE. Diese Gruppierung kämpfte einst an der Seite der Tamil Tigers (LTTE), wechselte dann aber die Seiten und dient der Regierung Sri Lankas mit Informationen zu. «Mitglieder der PLOTE fotografieren an Demonstrationen - sie fallen nicht so auf, weil sie auch Tamilen sind», sagt Tharsika Pakeerathan, Präsidentin des Schweizer Rates für einen tamilischen Staat.

Dass die Drohbriefe nicht an Tamil-Tigers-Aktivisten, sondern an tamilische Gelegenheitsdemonstranten gingen, findet Pakeerathan logisch. LTTE-Leute könne man mit Drohbriefen sowieso nicht einschüchtern. «Die Briefe sollen ein Zeichen an die Basis sein», vermutet sie, «man soll auch in der Schweiz Angst bekommen, für einen tamilischen Staat zu demonstrieren.»

Die Gesellschaft für bedrohte Völker fordert in einer Pressemitteilung die Polizei auf, die Drohbriefe ernst zu nehmen und Ermittlungen einzuleiten.