Marko (24) möchte sterben

09. November 2019 05:57; Akt: 09.11.2019 05:57 Print

Sterbehilfe ist stärker geregelt, als das Volk will

Die Schweizer Bevölkerung steht Sterbehilfe sehr offen gegenüber. Auch der neue Nationalrat befürwortet laut einer Auswertung die aktive Sterbehilfe. Eine Ethikerin warnt.

Marko (24) möchte Sterbehilfe beanspruchen. (Video: S. Ritter & Jan Dino Kellenberger/20 Minuten)
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Der Fall des 24-jährigen Marko, der nach einer Hirnblutung Sterbehilfe in Anspruch nehmen möchte, befeuert die Debatte um den begleiteten Freitod. Wie die zahlreichen Leserreaktionen zeigen, steht eine überwiegende Mehrheit der Sterbehilfe offen gegenüber. So geben in einer nicht repräsentativen Umfrage von 20 Minuten 90 Prozent der Leser an, Sterbehilfe für unheilbar Kranke zu befürworten. Leser Omega etwa schreibt in einem der meistgelikten Kommentare: «Jeder Mensch muss die Möglichkeit haben, psychologisch und professionell begleitet selbst über sein Leben bestimmen zu können. Weder ethische noch religiöse Ansichten Dritter haben innerhalb dieses Entscheids etwas verloren.»

Umfrage
Befürworten Sie aktive Sterbehilfe?

Tatsächlich ist der assistierte Suizid in der Schweiz legal. Dabei überreicht ein Arzt oder eine Drittperson dem Patienten, der zwingend urteilsfähig sein muss, ein tödliches Medikament. Dieses muss vom Patienten danach selbständig eingenommen werden. Hinter der Beihilfe zum Freitod dürfen keine selbstsüchtigen oder geldgierigen Absichten stecken. Hingegen ist die aktive Sterbehilfe, wie sie etwa in den Niederlanden und Belgien erlaubt ist, in der Schweiz verboten. Bei dieser Form von Sterbehilfe verabreicht ein Arzt oder eine Drittperson dem Patienten – unabhängig von dessen Urteilsfähigkeit – die tödliche Dosis direkt.

Mehrheit für aktive Sterbehilfe

Im internationalen Vergleich weist die Schweiz eine liberale Gesetzgebung punkto Sterbehilfe auf. Eine Erhebung der Uni Zürich zeigte vor ein paar Jahren erstmals, dass das der Bevölkerung nicht weit genug geht. So gaben die meisten der 1500 Befragten an, auch aktive Sterbehilfe zu befürworten. Laut einer aktuellen Untersuchung von Vimentis sieht das die Mehrheit des neu gewählten Nationalrates ebenso und spricht sich für aktiven Sterbehilfe aus. Die Fraktionen der Grünen und der GLP sind fast geschlossen dafür, ebenso eine Mehrheit der FDP und SP. Vor dem Gesetz gilt aktive Sterbehilfe heute etwa als vorsätzliche Tötung oder Tötung auf Verlangen und ist strafbar.

«Der Unterschied ist vielen unklar»

Ruth Baumann-Hölzle von der Stiftung Dialog Ethik verweist darauf, dass es einen grossen Unterschied gebe zwischen der Hilfe beim Sterben und der Hilfe zum Sterben. «Die aktive Sterbehilfe als Tötung durch einen anderen Menschen und die Suizidbeihilfe als Unterstützung der Selbsttötung sind Hilfen zum Sterben.» Die verbreitete Zustimmung zu diesen Tötungsformen – auch für junge Menschen wie im Fall Marko – erklärt sie damit, dass viele nicht zwischen passiver Sterbehilfe und aktiver Tötungshilfe unterscheiden.

Die grosse Frage, die man sich bezüglich aktiver Sterbehilfe stellen müsse, laute: «Was passiert mit einer Gesellschaft, die kranke Menschen tötet?» Die Geschichte zeige, dass eine Gesellschaft mit der Option zur Tötung kaum umgehen könne, sagt Baumann-Hölzle. So sei es nur ein kleiner Schritt hin zu einer Gesellschaft, in der schwächere Mitglieder keinen Platz mehr eingeräumt werde.

Widerspruch im Gesetz

«Menschenwürde besitzt jeder unabhängig von seinen Eigenschaften und Fähigkeiten. Doch heute wird sie vermehrt über Leistungsfähigkeit definiert.» Das erhöhe gerade auch bei jungen Menschen den sozialen Druck enorm, so Baumann-Hölzle: «Man glaubt, makellos, leistungsfähig und schön sein zu müssen. Versagt der eigene Körper oder kommt die Seele nicht mehr mit, fühlt man sich komplett wertlos und einige glauben gar, der Gesellschaft so zur Last zu fallen.» Die Tötung aus Mitleid und die gesellschaftliche Solidarität mit Schwachen seien nicht miteinander vereinbar.

Selbst wenn das neue Parlament die aktive Sterbehilfe durchbringen würde, weist Baumann-Hölzle darauf hin, dass dies im Gesetz zu Widersprüchen führen würde: «Etwa in den Niederlanden, wo aktive Sterbehilfe legal ist, ist Fremdtötung gesetzlich ausdrücklich verboten. Diese Widersprüchlichkeit würde dann auch in der Schweiz bestehen.»

(jk)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • El Capitán am 09.11.2019 07:31 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Tiere haben es besser

    Mit unseren Haustieren (zB Hunden) gehen wir weit pfleglicher und damit "menschlicher" um als mit uns selbst. Euthanasie (Einschläfern) bei Tieren zur Beendigung von Leiden und zum gnädigen Tod ist gesellschaftlich anerkannt und ethisch ohne Zweifel. Nur bei uns Menschen machen wir ein "Theater", das seinesgleichen sucht.

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  • Gomez33 am 09.11.2019 07:13 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    JA!

    Was ist, wenn mein Kopf völlig klar ist, ich aber das Medikament nicht selbständig aufgrund meiner Krankheit einnehmen kann? Habe ich nicht gerade deshalb das Recht auf aktive Sterbehilfe? Ich meine klar: JA! Ich möchte selber entscheiden. Deshalb nochmal klar: JA!

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  • Michelle. am 09.11.2019 06:21 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Aktzeptieren

    Nicht für jeden ist das Leben, lebenswert. Man sollte diese Entscheidung akzeptieren auch wenn es für einen selber vielleicht nicht nachvollziehbar ist. Man kann erst darüber urteilen wenn man selber in einer solchen Situation ist.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Skorpion 45 am 09.11.2019 20:15 Report Diesen Beitrag melden

    Hohe Berufung

    Falls Sie das Gefühl haben, berechtigt und berufen zu sein darüber zu entscheiden wie lange jemand seine Leiden ertragen muss, so melden Sie sich. Die Voraussetzung ist ein Recht, welches Ihnen nicht durch andere Menschen zugesprochen wird.

  • Gordy am 09.11.2019 14:30 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Jeder kann, der will

    Ich bin Herr und Gestalter meines Lebens! Wenn ich nicht mehr will oder kann, dann werde ich meinem Leben ein Ende setzen. Wenn die Möglichkeit besteht, natürlich auf sanfte Weise. Wenn nicht, dann eben anders! Und nur ich alleine bestimme darüber!!

  • Albert am 09.11.2019 14:24 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Lasst gut sein

    Marko, du hast dir von niemandem nichts vorschreiben zu lassen was du mit deinem eigenem Leben vorhast. Persönlichkeit fängt dort an wo ich selbst bestimme. Wenn du dann von oben auf uns ( mich) schaust hoffe ich das du einer meiner Schutzengel bist.

  • Sybille am 09.11.2019 14:11 Report Diesen Beitrag melden

    Was sind das für Menschen?

    Wer würde jemandem einen Todestrank verabreichen?Sei es einem Tier oder sei es einem Menschen? Kann das nicht verstehen.

  • Dr. Soidberg am 09.11.2019 14:06 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Sollte kein Thema sein...

    Das Leben gehört dem Lebenden. Punkt. Somit darf auch niemand zum Leben gezwungen werden. Ich selber kenne jemanden, der Sterbehilfe in Anspruch nehmen wollte, aber von der Organisation vom Leben überzeugt wurde. Die leisten wirklich tolle Arbeit, und es ist definitiv kein Geschäft mit dem Tod. Falls jemand sich dazu entscheidet, sich vom Weltlichen zu verabschieden, kann er dies in einem würdevollen Rahmen tun. Ich habe die Bevormundung der SVP und all den ewiggestrigen Religiösen langsam aber sicher satt. Es muss auf gesetzlicher Ebene etwas passieren, das ist der Wille des Volkes!