Wissenschaftliche Studie

08. September 2014 23:14; Akt: 08.09.2014 23:14 Print

Sterben Nicht-Religiöse aus?

von N. Glaus - Die Religion beeinflusst die Geburtenrate positiv. Deshalb würden atheistische Gesellschaften aussterben, sagt ein deutscher Religionswissenschaftler.

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Die Untersuchungen des deutschen Religionswissenschaftlers Michael Blume zeigen, dass die Religion «evolutionär erfolgreich» ist. So wie etwa die kinderreichen Amish in den USA auf diesem Bild. (Bild: Keystone/AP/Scott R. Galvin)

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Gesellschaften sind nur dank Religionen fähig, langfristig zu bestehen. Denn ohne Religionen mangelt es an Kindern. Zu diesem Schluss kommt der deutsche Religionswissenschaftler Michael Blume nach einer über zehnjährigen Untersuchung. «Wir finden in Geschichte und Gegenwart kein einziges Beispiel für eine nichtreligiöse Gesellschaft, die es geschafft hätte, auch nur ein Jahrhundert lang zwei Kinder pro Frau zu halten», sagt er in einem Interview mit dem Nachrichtensender N-TV. Menschen in atheistischen Gemeinschaften bekämen schlicht nicht genug Kinder, um fortzubestehen.

Dass religiöse Menschen mehr Kinder bekommen, habe mit ihrer tiefen Überzeugung, sich voll und ganz einer Sache zu verschreiben, zu tun. Zudem verstünden viele das Bibelwort «Seid fruchtbar und mehret euch» als Auftrag, eine möglichst kinderreiche Familie zu gründen. «Beides zusammen bewirkt diesen ganz starken Effekt.»

«Wirtschaftliche Faktoren beeinflussen das Fortpflanzungsverhalten»

Der Schweizer Soziologe François Höpflinger steht Blums Theorie kritisch gegenüber. Zwar habe die Religion einen gewissen Einfluss auf die Fortpflanzungsrate. Es handle sich aber nicht um einen direkten Zusammenhang. «Menschen, die religiös sind, sind meist gleichzeitig auch sehr traditionell eingestellt und somit kinderreich», erklärt Höpflinger. Ob sich Paare für viele Kinder entscheiden, habe somit primär mit ihrer Werthaltung zu tun und erst an zweiter Stelle mit der Religion. So zeige etwa das Beispiel des Staates Iran, dass trotz der grossen Religiosität die Geburtenrate deutlich gesunken sei.

In der Schweiz etwa habe die Kirche auf die Geburtenrate seit den Siebzigerjahren praktisch keinen Einfluss mehr. «Auch das Pillenverbot der katholischen Kirche spielte nie eine Rolle.» Seine Untersuchungen hätten gezeigt, dass gläubige Ehepaare trotzdem verhütet hätten. Viele Leute würden sich heute mehr an ihren eigenen Interessen orientieren als an Religion und Kirche. «Ob man Kinder bekommt, hängt somit mehr von partnerschaftlichen und auch wirtschaftlichen Faktoren ab», so Höpflinger.

Blume hingegen schliesst das aus. Der von ihm festgestellte Effekt sei nicht auf Bildung, die wirtschaftliche Situation oder politische Rahmenbedingungen zurückzuführen. Mit Auswertungen aus Volkszählungen und Fallbeispielen könne er seine These belegen. Er räumt aber ein, dass es Gegenbeispiele gibt: «An Ländern wie Frankreich oder Schweden können wir beobachten, dass auch säkulare Gesellschaften durch eine gute Familienpolitik etwas dagegen tun können, dass Geburtenraten allzu stark absinken.»

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