«Gesellschaften im Wandel»

18. September 2018 05:46; Akt: 18.09.2018 17:32 Print

Propaganda an Schulen? Lehrmittel sorgt für Streit

von D. Krähenbühl - Schweizer Sekundarschüler werden mit linken Ideologien indoktriniert, befürchten bürgerliche Parteien. Der Lehrmittel-Verlag weist die Kritik zurück.

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Das neue Lehrmittel «Gesellschaften im Wandel», das im Fach Geschichte und Politik auf Sekundarstufe I. in verschiedenen Kantonen eingesetzt wird, verärgert Politiker. Die Unia werde im Lehrmittel als Kämpferin für das arbeitende Volk dargestellt. Auf die Occupy-Wall-Street-Bewegung werde ein Loblied gesungen, so die SVP. Die SVP Zürich warf der Bildungsdirektion «linke Indoktrination» vor. «Mit dem neuen Lehrmittel wird indirekt zum Klassenkampf aufgerufen», schreibt die SVP des Kantons Zürich in ihrer Medienmitteilung. «Der Vorwurf ist berechtigt», sagt auch FDP-Nationalrat Beat Walti. Er befürworte es, dass Kinder zu kritischen Positionen ermuntert würden, damit sie ihr eigenes Urteil bildeten. Dafür brauche es aber faire Ausgangspositionen und ausgeglichene Gegendarstellungen – von beiden Seiten. «Schon jetzt wird bei allen Lehrmitteln auf politische und konfessionelle Neutralität geachtet – so wie es das Bildungsgesetz vorsieht», sagt Beat Schaller, Leiter beim Lehrmittelverlag Zürich, wo das nicht obligatorische Lehrmittel herausgegeben worden ist. Die Kritik an «Gesellschaften im Wandel» kann er nicht nachvollziehen: In jedem Kapitel würden Pro- und Kontra-Positionen genügend Platz eingeräumt. Auch Béatrice Ziegler, Professorin und Projektleiterin des Lehrmittels «Gesellschaften im Wandel» kann den Forderungen der bürgerlichen Parteien nichts abgewinnen. «Die Frage der politisch neutralen Gewichtung der Inhalte stellt sich für mich gar nicht, da sie selbstverständlich ist.»

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Loblieder auf die EU-Führung und die Occupy-Wall-Street-Bewegung, Kritik an der Globalisierung und der Frauenrolle in der Wirtschaft und Gesellschaft: Das neue Lehrmittel «Gesellschaften im Wandel», das im Fach Geschichte und Politik auf Sekundarstufe I. in verschiedenen Kantonen eingesetzt wird, verärgert Politiker. Nachdem die NZZ dem Schullehrmittel vorgeworfen hat, politische Werbung zu verbreiten, legte am Montag die SVP Zürich nach und warf der Bildungsdirektion «linke Indoktrination» vor.

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Ist der Schulunterricht in der Schweiz politisch neutral?

Die Unia werde als Kämpferin für das arbeitende Volk dargestellt, freie Märkte zum alleinigen Nutzen der Reichen hochstilisiert (siehe Box). «Mit dem neuen Lehrmittel wird indirekt zum Klassenkampf aufgerufen», schreibt die SVP des Kantons Zürich in ihrer Medienmitteilung. Offenbar werde der in der Verfassung festgeschriebene Grundsatz der politisch neutralen Ausrichtung der staatlichen Schulen nicht eingehalten. «Ein politisch neutraler Unterricht ist so praktisch nicht möglich», so die SVP. Daher sei ab sofort auf den Einsatz des Lehrmittels «Gesellschaften im Wandel» zu verzichten.

«Missbrauch der Lehrfreiheit»

«Der Vorwurf ist berechtigt», sagt auch FDP-Nationalrat Beat Walti. Er befürworte es, dass Kinder zu kritischen Positionen ermuntert würden, damit sie ihr eigenes Urteil bildeten. Dafür brauche es aber faire Ausgangspositionen und ausgeglichene Gegendarstellungen – von beiden Seiten. «Das Vorgehen des Lehrmittelverlags hat in diesem Sinn einen manipulativen Charakter und ist ein Missbrauch der Lehrfreiheit», sagt Walti.

Die FDP hat nun gemeinsam mit der SVP einen Vorstoss im Zürcher Kantonsrat eingereicht, der verlangt, dass die Lehrmittel inhaltlich eine politisch und konfessionell neutrale Gewichtung aufweisen. Zudem müsse die Bildungsdirektion verpflichtet werden, sämtliche Lehrmittel mit geschichtlichem oder politischem Inhalt auf ihre politisch neutrale Ausrichtung zu überprüfen.

Verlag wehrt sich

Eine Forderung, die es laut Beat Schaller, Leiter des Lehrmittelverlags Zürich, der das Lehrmittel herausgegeben hat, gar nicht erst braucht. «Schon jetzt wird bei allen Lehrmitteln auf politische und konfessionelle Neutralität geachtet – so wie es das Bildungsgesetz vorsieht.» Die Kritik an «Gesellschaften im Wandel» kann er nicht nachvollziehen: In jedem Kapitel würden Pro- und Kontra-Positionen genügend Platz eingeräumt.

«Neben Globalisierungskritikern kommen auch Globalisierungsbefürworter neben Arbeitnehmer- auch Arbeitgeberverbände zu Wort.» Die Darstellung verschiedener Positionen sei nicht auf jeder Doppelseite, aber über das gesamte Lehrmittel hinweg gut sichtbar, dieses sei somit ausgewogen. Die politische Neutralität werde aber auch von externen Fachleuten sichergestellt, die darauf achteten, dass Themen aus unterschiedlichen Blickwinkeln beleuchtet würden. «Die Forderung, das Lehrmittel nicht mehr einzusetzen, ist deshalb unverständlich», sagt Schaller. Vor allem, da es nicht obligatorisch sei, das heisst, nicht von jedem Lehrer im Unterricht verwendet werden müsse.

Lehrperson von «zentraler Bedeutung»

Auch Béatrice Ziegler, Professorin und Projektleiterin des Lehrmittels «Gesellschaften im Wandel», kann den Forderungen der bürgerlichen Parteien nichts abgewinnen. «Die Frage der politisch neutralen Gewichtung der Inhalte stellt sich für mich gar nicht, da sie selbstverständlich ist.» Sie betont, dass der Lehrplan 21 Vorgaben darüber mache, welche Themen wie behandelt werden sollten und wie sie gewichtet werden.

«Daher wird der Behandlung des Holocausts auch mehr Platz gegeben als beispielsweise den stalinistischen Verfolgungen und Gefangenenlagern», sagt Ziegler. Bei der Erstellung des Buches hätten aber Historiker, Soziologen, Didaktiker und andere Fachexperten auf eine möglichst ausgewogene Darstellung der historischen Ereignisse geachtet. «Von zentraler Bedeutung ist aber schlussendlich auch die Rolle der Lehrperson und wie sie die Materie den Schülern weitergibt.»

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Claudio12 am 18.09.2018 06:41 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Probleme

    Schlimmer finde ich, wie viele meiner ehemaligen LehrerInnen ihre politische Sicht in den Unterricht eingebracht haben und ihre Meinung als die einzig richtige zu verkaufen versuchten. Eigentlich alle diese LehrerInnen standen links.

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  • Mani Motz am 18.09.2018 06:29 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    übel

    Das ist leider schon länger so.

  • Rolf Raess am 18.09.2018 06:45 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nun beginnt es wieder

    wie damals nach dem 2. Welrkrieg. Die Volksschule hatte Angst vor den Faschisten und daher hörten wir im Geschichtsunterricht nichts über die zwei Weltkriege. Dafür hätten wir als ausgebildete Pfahlbauer - die Mär wurde dreimal behandelt - gehen können

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Paulo B am 18.09.2018 14:40 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Der Irrglaube der neutrale Erziehung

    Interessante Diskussion. So wie nicht nicht kommuniziert werden kann. So gibt es auch keine neutrale Schule. Deshalb sollen die Schulen ihre Ausrichtung offen kommunizieren und die Schulen sollen frei wählbar sein. Neutralität in der Erziehung ist ein Irrglaube.

  • Anton am 18.09.2018 13:51 Report Diesen Beitrag melden

    Frage umdrehen

    Wenn ihrer Meinung nach die Mehrheit aller Lehrer und Lehrmittelautoren links ist, sollten sich die Rechten vielleicht mal fragen, woran das liegt. Wieso wollen nicht mehr Bürgerliche in den Bildungsbereich, wo sie etwas ändern könnten?

  • Kommentator am 18.09.2018 13:51 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Naja

    Also dass die Globalisierung kein Allerheilmittel ist, stimmt meiner Meinung nach

  • Leser am 18.09.2018 13:12 Report Diesen Beitrag melden

    Lest doch mal den Lehrmittelkatalog

    Lest doch mal den Lehrmittelkatalog des Kantons Zürich, und schaut die Themen auf den 350 Seiten an, dann ist bereiz alles klar! Dieser lässt sich googeln

  • George P am 18.09.2018 12:57 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Links?

    Wem ist eigentlich schon mal aufgefallen, dass die Schule ein Ort ist in dem man unterem anderem auch soziale Kompetenzen vermittelt bekommt? ist dies schon zu weit "links"?

    • sirLiftalot am 18.09.2018 13:20 Report Diesen Beitrag melden

      Sozialismus und "Sozialdemokratie"

      haben nix mit Sozialkompetenz zu tun... nur weil in beiden Worten "Sozial" enthalten ist, bedeuten sie nicht das gleiche, zudem ist Sozialismus zutiefst unsozial.

    • Tigg am 18.09.2018 13:25 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @George P

      Der SVP ist sowas auf jeden Fall zu links... Ansonsten wärens ja nicht die SVP.

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