Kontroverse um Globuli

11. Dezember 2018 05:44; Akt: 11.12.2018 06:52 Print

Wirkt Homöopathie oder nicht?

von Stefan Ehrbar - Eine österreichische Universität verbannt Homöopathie, weil sie «Scharlatanerie» sei. Stimmt das – oder können Globuli und Co. heilen?

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Die Medizinische Universität Wien schafft das Wahlfach Homöopathie ab. Wirken Globuli und Co. oder handelt es sich um Geldverschwendung und Irrglaube? Der Immunologe Beda Stadler, ehemaliger Direktor des Instituts für Immunologie an der Universität Bern, und die Ärztin Gisela Etter, Präsidentin der Union komplementärmedizinischer Ärzte, sind sich in kaum einem Punkt einig, wie das Streitgespräch zeigt.

Umfrage
Soll Homöopathie für Medizinstudenten Pflicht sein?

Die medizinische Universität Wien hat das Wahlfach Homöopathie abgeschafft, weil es unwissenschaftlich sei. Was halten Sie davon?
Stadler: Das ist erfreulich und zugleich auch höchste Zeit. Schliesslich weiss man seit 200 Jahren, dass Homöopathie nicht wirkt. Ich hoffe, andere Universitäten, die ein ähnliches Angebot haben, ziehen baldmöglichst nach.
Etter: Wenn Wissenschaft zu eng gefasst wird und nur existieren darf, was mit heutigen Methoden messbar ist, dann wird man dem Leben und der Natur nicht gerecht. Moderne Wissenschaft lebt mit dem Eingeständnis, dass es die eine Wahrheit nicht gibt. Wir homöopathisch tätigen Ärztinnen und Ärzte in der Schweiz setzen uns ein für weitere, ergebnisoffene Forschung.

In der Schweiz ist Homöopathie im Leistungskatalog der Grundversicherungen enthalten. Der Bund begründet das damit, dass die wissenschaftliche Wirksamkeit, die Zweckmässigkeit und Wirtschaftlichkeit erwiesen seien. Einverstanden?
Stadler: Das ist ein kompletter Unsinn und ein Skandal. Aus diesem Grund bezeichnen sich Alternativmediziner als Komplementärmediziner, weil ihre Behandlung in jedem Fall eine Doppelbehandlung ist, falls es sich um eine echte Krankheit handelt. Neuerdings gibt es Studien, die zeigen, dass Alternativärzte teurer sind als normale Ärzte.
Etter: Eine grosse Mehrheit der Bevölkerung und der Verein homöopathischer Ärzte sind damit einverstanden. Der Entscheid wurde nach den Regeln von «Evidence based Medicine» gefällt. Dazu gehören systematisierte ärztliche Expertise, die Studienlage und immer mehr die Wünsche der Patienten. Daten des BAG belegen, dass die Kosten der Homöopathie nicht höher sind. Und sie zeigen, dass Grundversorger mit Homöopathie mehr chronisch Kranke und schwerere Kranke behandeln als solche ohne Homöopathie.

Gehört Homöopathie zu einem Medizin-Studium dazu?
Stadler: Auf keinen Fall. Sie gehört aber als abschreckendes Beispiel in einen Kurs, in dem andere Heilverfahren wie Handauflegen, Voodoo oder Esoterik besprochen werden. Sie alle dienen dazu, sich unrechtmässig an Patienten zu bereichern. Ein anständiger Arzt verlangt schliesslich für ein Placebo kein Geld.
Etter: Gemäss dem Lernzielkatalog «Profiles» vom März 2017 ist die Komplementärmedizin in der Lehre zu berücksichtigen und Kenntnisse über solche Methoden sind in die Ausbildungsziele integriert. Studenten werden in ihrer Kompetenz gefördert, die Patientenpräferenz in Therapiepläne zu integrieren. Deshalb macht es Sinn, wenn zukünftige Ärzte Kenntnisse über Homöopathie haben.

In einer Abstimmung hat sich 2009 eine grosse Mehrheit der Bevölkerung hinter die Komplementärmedizin gestellt. Wie erklären Sie sich das?
Etter:
Ein sehr grosser Anteil der Bevölkerung wendet Komplementärmedizin an und ist zufrieden bis sehr zufrieden mit der Wirksamkeit und Verträglichkeit.
Stadler: Man hat damals das Volk angelogen, indem man behauptete, dass diese Art von Medizin wirksam und billiger sei. Hätte man das Volk gefragt, «Wollt ihr Medikamente ohne Wirkstoffe oder wollt ihr unwirksame Medikamente», wäre die Abstimmung anders ausgegangen.

Wo liegen die Grenzen der Homöopathie?
Etter: Die Grenzen der Homöopathie sind für mich als Ärztin dieselben wie in der konventionellen Medizin.
Stadler: Die Homöopathie ist eine Art Glauben. Die Grenzen finden sich daher nicht in der Rationalität, sondern höchstens im Irrsinn. Karlheinz Deschner sagte einst: «Je grösser der Dachschaden, desto schöner der Ausblick zum Himmel.»

Wann haben Sie selbst zuletzt Homöopathie angewendet?
Etter: Als homöopathisch tätige Ärztin wende ich Homöopathie täglich erfolgreich an.
Stadler: Studenten haben mir einmal als Jux ein Röhrchen Globuli geschenkt. Ich habe zum Beweis, dass keine Überdosis möglich ist, alle Kügelchen auf einmal geschluckt. Da ich selber keinen Dachschaden habe, kommt es mir sonst nicht in den Sinn, Homöopathie anzuwenden. Übrigens kenne ich auch niemanden, der wirklich krank ist und dann Kügelchen schluckt.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Mediziner am 11.12.2018 09:09 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Selbstverantwortung

    Mit Homöopathie werden die Kinder bloss daran gewöhnt, dass jeder Schnupfen, jedes bischen Husten und jedes Ziepen irgendwo am Körper ganz schlimm ist und eine Behandlung notwendig macht. Viele Leute haben mittlerweile kein Körpergefühl mehr, geben bei den winzigsten Anzeichen z.B. einer Erkältung die Verantwortung ab und rennen zum Arzt. Dieser ist dann bereits unter Zugzwang und "muss" etwas verschreiben, da die Patienten ansonsten unzufrieden sind und evt. zum nächsten Arzt rennen. Dabei gehen die meisten kleineren Erkrankungen von selbst vorüber. Viel trinken, etwas Ruhe und begleitend zum Beispiel Omas altbewährte Hausmittelchen helfen auch. Wir müssen wieder lernen, was man zu Hause auskurieren kann und welches Alarmsignale sind, bei denen man zum Arzt gehen muss. Homöopathie verweichlicht noch zusätzlich. Glaubt doch stattdessen an die selbstheilungskräfte Eures Körpers! Als Arzt ist es sehr frustrierend, wenn wegen jedem bischen Hüsteln ein Termin vereinbart wird und dann noch die Erwartung besteht, dass man ein wirksames Medikament abgibt (was eigentlich gar nicht notwendig wäre). Dadurch hat man für echte Notfälle immer weniger Zeit und für die Kosten im Gesundheitswesen ist es auch nicht zuträglich! Jeder kann etwas dazu beitragen, die Kostensteigerung etwas einzudämmen. Aber es ist halt viel einfacher und bequemer, den anderen die Schuld zu geben. Übernehmt wieder selbst die Verantwortung für Euren Körper!

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  • Ramona am 11.12.2018 07:07 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Hund behandelt

    Mein Hund bekam Globuli gegen Hautausschlag. Und der ging weg. Voher bekam er Medis und es ging nicht weg. Ich glaubte an beides das es klappen wird. Da die frage wieso klappte es? Placebo effekt müsste ja dann auch beim Medi klappen. Und ob der Hund ds versteht?

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  • Dumby am 11.12.2018 07:03 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Günstig

    Wer daran glaubt und Wirkung verspürt, entlastet die Krankenkassen massiv. Schulmedizin ist zig mal teurer.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Fritz Müller am 11.12.2018 20:31 Report Diesen Beitrag melden

    Homöopathie und TCM sind Kunstprodukte

    Beides ohne Sinn und Wirkung, Kunstprodukte. Frei erfunden, um Geld zu verdienen. Die Geschichte von der Erschaffung von TCM in den 50er Jahren kann man apropos im informativen Tagi Artikel vom 26. Mai 2012 vom Felix Straumann nachlesen.

  • Linksaussen am 11.12.2018 20:28 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Placebo

    Eskimos sollen scheint's über 100 Wörter für Schnee kennen. Homöopathen jedenfalls kennen über 4'000 Wörter für Placebo.

  • Andreas Honegger am 11.12.2018 19:48 Report Diesen Beitrag melden

    Ich kann verzichten

    Seit ich gelesen habe, dass auch "Excrementis Canem" verwendet werden kann ich definitiv verzichten, denn das ist Hundesch.... Alle schimpfen ja auch darüber, dass die Schulmedizin oft nur Symptome bekämpft und nicht die Krankheit. Und was macht die Homöopathie? Sie gibt Mittel, welche die gleichen Symptome erzeugen (und dann eventuell verstärken) im Glauben, dass der Körper dann die erzeugten Symptome selber bekämpft - und dabei gleich auch noch die eigentliche Krankheit. Was in der Logik von Hahnemann vor rund 200 Jahren vielleicht sinnvoll tönte ist heute überholt.

  • fw3717 am 11.12.2018 19:35 Report Diesen Beitrag melden

    Auch "Wissenschaftler" nicht allwissend

    Ich denke mal der Herr Stadler hat sein Leben lang immer und irgendwie von der Pharmaindustrie gelebt

  • Elena S. am 11.12.2018 19:32 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Herr Stadler...

    .. die Art und Weise wie sie argumentieren ist alles andere als professionell. Wenn man beide Argumentationen betrachtet, scheint Frau Etter um Meilen professioneller und glaubwürdiger, da sie den Fragen mit Respekt begegnet, was man von Herr Stadler nicht behaupten kann, ganz unabhängig davon, ob man nun an Homöopathie glaubt oder nicht. Leben und Leben lassen ist meiner Meinung nach die Devise.