Berufserkrankungen

21. Juli 2014 05:58; Akt: 21.07.2014 12:10 Print

Stress im Job macht krank und kostet Milliarden

von Romana Kayser - Stress und Bewegungsmangel im Job machen immer mehr Menschen krank – und kosten Milliarden. Die Suva setzt auf Gesundheitsprävention in Unternehmen.

storybild

Hoher Zeitdruck, ständige Erreichbarkeit und Bewegungsarmut machen krank. (Bild: Otmar Winterleitner)

Zum Thema
Fehler gesehen?

Gehörschäden, Chemieallergien oder Asbest-Lungen – das verstehen wir normalerweise unter Berufskrankheiten. Pro Jahr werden der Suva rund 3000 solche Fälle gemeldet. In seinem aktuellen Newsletter «spectra» schlägt das Bundesamt für Gesundheit Alarm: Das sei nur die «Spitze des Eisbergs». In Wirklichkeit mache der Beruf noch viel mehr Menschen krank.

Umfrage
Leiden Sie an Stress bei der Arbeit? Können Sie in der Freizeit abschalten?
51 %
24 %
15 %
10 %
Insgesamt 5833 Teilnehmer

Verantwortlich dafür seien sogenannte berufsassoziierte Gesundheitsstörungen, kurz BAGS. Das sind Krankheiten, die nicht nur, aber auch durch den Job verursacht werden. Im Zusammenhang mit Stress oder Bewegungsmangel treten zunehmend Beschwerden wie Burnouts, Depressionen oder chronische Rückenschmerzen auf. «Diese physischen und psychischen Leiden haben in den letzten Jahrzehnten drastisch zugenommen.»

Zu viel Stress und zu wenig Bewegung

Die Gründe für die markante Zunahme liegen laut Arbeitsmedizinerin von der Suva, Claudia Pletscher, auf der Hand: «Die Leistungsanforderungen am Arbeitsplatz sind stark gestiegen und es wird erwartet, dass man immer und überall erreichbar ist.» Dazu komme, dass heute viele Menschen Beruf und Familie verbinden und deswegen überlastet sind. Der Anteil der Menschen, die sich als gestresst bezeichnen, liegt laut der Schweizerischen Gesundheitsbefragung von 2012 mittlerweile bei 60 Prozent. Ein weiterer Faktor für BAGS ist laut «spectra», dass die meisten Berufe vorwiegend aus sitzenden Tätigkeiten bestehen – die körperliche Bewegung kommt zu kurz.

Die Formen von BAGS sind vielfältig: Stress kann zu Burnouts, Herzkreislaufbeschwerden oder Depressionen führen. Bewegungsmangel und ständiges Sitzen begünstigt Rücken- und Nackenschmerzen, Osteoporose, Dickdarmkrebs sowie Übergewicht. Letzteres wiederum kann Diabetes, Herzinfarkte und Bluthochdruck zur Folge haben.

BAGS werden nicht von der Suva bezahlt

Laut Pletscher können BAGS grundsätzlich in allen Berufen auftreten. Branchen, die von Zeitdruck und langen Arbeitsschichten geprägt sind, seien aber besonders gefährdet. Dazu gehören vor allem der Dienstleistungssektor, Spitäler und Produktionsbetriebe. Im Gegensatz zu klassischen Berufserkrankungen ist es bei BAGS schwierig, die Ursache des Leidens eindeutig der Berufsausübung zuzuschreiben.

Neben dem Stress im Job können bei Burnouts oder Stress beispielsweise auch Probleme im Privatleben eine Rolle spielen. Heute ist im Unfallversicherungsgesetz klar festgelegt, was eine Berufskrankheit ist und was nicht - BAGS gehören nicht dazu. Die Kosten werden deshalb von der Unfallversicherung nicht übernommen. Ob BAGS einmal als Berufserkrankungen anerkannt werden, sei ein gesellschaftspolitischer Entscheid, so Pletscher. «Wenn es zu diesem Entscheid kommen sollte, müssen wir vorbereitet sein.»

«Chef muss mit gutem Beispiel vorangehen»

Sicher ist: BAGS verursachen Milliardenschäden. Laut «spectra» fallen jährlich 10 Milliarden allein wegen stressbedingten Erkrankungen an. Obwohl die Suva diese Kosten noch nicht bezahlen muss, treibt sie ihr Präventionsprojekt «Progrès» voran und fördert Forschung und Entwicklung von praxisgerechten Präventionsmitteln für Unternehmen und Erwerbstätige.

Für die Suva ist Gesundheitsprävention aber vor allem Führungssache. «Der Chef muss klare Regeln für Freiräume aufstellen und mit gutem Beispiel vorangehen», fordert Pletscher. Verschicke der Vorgesetzte selbst am Sonntag Mails, fühlten sich die Angestellten automatisch auch selber unter Druck – ob sie zurückschreiben oder nicht.

Ausgewählte Leser-Kommentare

Provokation für die Schweiz: die finnische Gemeinschaftsschule kennt praktisch keine Burnoutfälle bei Lehrpersonen. Ein Phänomen, das bei uns weitgehend verdrängt wird, obschon die Finnen den Beweis erbringen, dass ein Schulsystem möglich ist, das Verantwortung für die Gesundheit Lehrpersonen übernimmt und gleichzeitig jedes Jahr Millionenbeiträge einspart, bei höhreren Leistungen der Lernenden. – Joss Hans,

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Patrick am 21.07.2014 08:44 Report Diesen Beitrag melden

    Wo liegt das Problem (für Firmen)?

    Die traurige Wahrheit ist, es gibt kein Problem. Denn Arbeitnehmer werden ausgepresst bis sie nicht mehr können und sobald sie nicht mehr können ausgewechselt. Oder aber sie lassen sich nicht auspressen und werden ohne sofort ausgewechselt. Dank der Personenfreizügigkeit gibt es "unendlichen" Nachschub an neuen "willigen" Mitarbeitern. Die Kosten für die Ausgebrannten darf ja die Allgemeinheit tragen. Helfen wird nur, dass die Firmen Mitarbeiter nicht mehr so einfach austauschen können und Firmen mit in die Verantwortung genommen, sei es bei Burnout oder anderen Auswüchsen der Ausbeutung.

  • Franziska M. am 21.07.2014 08:34 Report Diesen Beitrag melden

    Unser Chef ist unmenschlich

    Er verlangt von uns Ackerei in Bruthitze. Als wir eine Klimaanlage wollten gab er uns die Erlaubnis wenn wir sie selber finanzieren. Als wir dann die Klimaanlage hatten, zog er uns den Stecker raus mit der Bemerkung: Fresse zuviel Strom. Er selber hat in seinem geschlossenen Büro ein Klimagerät. Nur taucht er erst um 16:00 Uhr auf um zu sehen wer noch arbeitet und regt sich auf wenn dann jemand um 17:00 Uhr schon geht. Dabei ist ihm egal wenn dieser schon um 7:00 Uhr im Büro stand.

    einklappen einklappen
  • Päde am 21.07.2014 08:26 Report Diesen Beitrag melden

    Wir stressen uns selbst

    Per se ist Stress nicht negativ. Es gibt auch positiven Stress vor allem dann, wenn man die Arbeit die man macht, gerne macht. Negativer Stress ist meines Erachtes verursacht durch Zwischenmenschliches, wenn Chefs sich bei ihren Chefs profilieren möchten und den Druck nach unten weitergeben oder durch Überforderung, wenn die Aufgaben nicht den Fähigkeiten des entsprechen. Dazu kommt der private, selbst gemachte Stress: Man muss überall herausragend sein - bestes Mami, bester Papi, Marathon laufen, Triathlon mitmachen etc. etc. überlegt euch mal, wo ihr euch selber stresst.

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • Steff R am 24.07.2014 04:56 Report Diesen Beitrag melden

    Noch etwas vergessen...

    ..nicht die Arbeit verursacht Stress, sondern auch unsere geniale Politiker mit ihren Furzideen, die der Bürger wieder ausbaden darf. Das macht nicht nur Krank, sondern Wütend.

  • Arbeiter mit Herz und Hirn am 23.07.2014 23:34 Report Diesen Beitrag melden

    Konsequenz

    Darum Mindestlohn oder noch besser bedingungsloses Grundeinkommen.

  • kurt am 22.07.2014 16:23 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    früher war härter

    früher musste man härter arbeiten, 12 stunden und 6 tage waren normal. die heutige jugend ist verweichlicht. früher konnte man sich gar nicht leisten stress zu haben. wir mussten schauen das essen auf den tisch kommt. komisch ist das wir alle sehr alt geworden sind. harte arbeit ist was gutes

  • Bleib Stark am 22.07.2014 11:22 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    La vie est belle...

    Die Gesundheit ist vielen Chefs nichts mehr wert. Arbeiten soll man. Wenn man krank ist hat man gefälligst zu schauen dass man wieder gesund wird. Doch der Körper fragt dich nicht was du willst. Dass es einem schlecht geht sollte man gar nicht erst erwähnen denn sonst geltet man gleich als Weichei. Wenn man nichts sagt heisst es dann wieso hast du nie was gesagt? Oder: so schlimm kann es ja nicht sein sonst hätte man was gesagt. Und wenn man schon am Boden liegt und nicht mehr mag wird der Lohn nicht mehr bezahlt und man braucht seine letzen kräfte für den Rechtsanwalt/ Gericht.

  • Nico am 22.07.2014 10:46 Report Diesen Beitrag melden

    bedingungsloses Grundeinkommen

    Ihr seid gegen ein bedingungsloses Grundeinkommen? Dann geht arbeiten und hört auf zu jammern!