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19. September 2019 04:48; Akt: 19.09.2019 04:48 Print

Sollen Eltern ihre Kinder durchs Studium füttern?

von B. Zanni - Der Lern- und Prüfungsstress macht es Studenten oft fast unmöglich, einem Job nachzugehen. Nun werden die Eltern in die Pflicht genommen.

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«Insbesondere im ersten Studienjahr sind Studenten in einigen Fächern besser beraten, wenn sie keinem Job nachgehen», sagt die Leiterin der Fachstelle Studienfinanzierung der Universität Zürich. «Die hohe Präsenzpflicht und viele Zwischenprüfungen machen es an einigen Hochschulen praktisch unmöglich, neben dem Studium noch zu arbeiten», bestätigt Alessio Palermo, Zentralpräsident des Schweizerischen Studentenvereins. Besonders in den Lern- und Prüfungsphasen verlange das Studium hundertprozentige Aufmerksamkeit, so Palermo. Dazu drohten harte Selektionsverfahren mit hohen Durchfallquoten. Viele Studierende müssen sich laut Palermo deshalb ihren Lebensunterhalt von den Eltern finanzieren lassen. «So sind die Studierenden oft auch gezwungen, bei ihren Eltern zu wohnen ... ... und eine Uni zu besuchen, die sie mit Pendeln erreichen.» Auch Bildungspolitikerin Martina Munz ist der Meinung, dass Eltern für die Erstausbildung ihrer Kinder verantwortlich sind und deshalb für das Studium aufkommen müssen. «Studieren ist immer auch mit Präsenzzeit und Lernen verbunden und daher ein Fulltime-Job», sagt die SP-Nationalrätin. «Mit einem Job an der Bar sollen sie Arbeitsluft schnuppern und etwas dazuverdienen, aber nicht sich selbst versorgen müssen», sagt Munz. Für Bildungspolitiker Felix Müri hingegen kommt nicht infrage, dass Studenten Eltern auf der Tasche liegen. «Manchen Studenten, die über ihr stressiges Studium klagen, stinkt es vielleicht nur, nebenbei noch zu arbeiten», sagt der SVP-Nationalrat. «Wird es durch den ständigen Unistress sogar unmöglich, nebenbei noch zu kellnern, werden die Studienabgänger auf dem Arbeitsmarkt erst recht als Theoretiker angeschaut», sagt Alessio Palermo.

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Der Tag ist von früh bis spät mit Seminaren und Vorlesungen vollgepackt. Abends, wenn der Job in der Bar ruft, steht aber bereits ein Treffen für die Gruppenarbeit auf dem Programm. Mit einem Nebenjob stossen Studenten vielfach an ihre Grenzen. Hier will Brigitte Ortega ansetzen.

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«Insbesondere im ersten Studienjahr sind Studenten in einigen Fächern besser beraten, wenn sie keinem Job nachgehen», sagt die Leiterin der Fachstelle Studienfinanzierung der Universität Zürich. Wichtig sei, dass man sich vor dem Studium über die effektive Arbeitsbelastung informiere und im Studium einen realistischen finanziellen Plan mache. «Dazu muss auch die persönliche Belastungsfähigkeit berücksichtigt werden.»

«Harte Selektionsverfahren»

«Die hohe Präsenzpflicht und viele Zwischenprüfungen machen es an einigen Hochschulen praktisch unmöglich, neben dem Studium noch zu arbeiten», bestätigt Alessio Palermo, Zentralpräsident des Schweizerischen Studentenvereins. Besonders in den Lern- und Prüfungsphasen verlange das Studium hundertprozentige Aufmerksamkeit. Dazu drohten harte Selektionsverfahren mit hohen Durchfallquoten.

Viele Studierende müssten sich deshalb ihren Lebensunterhalt von den Eltern finanzieren lassen. «So sind die Studierenden oft auch gezwungen, bei ihren Eltern zu wohnen und eine Uni zu besuchen, die sie mit Pendeln erreichen.» Andernfalls komme für sie meist nur ein Teilzeitstudium infrage oder sie müssten den Abschluss hinauszögern.

«Studieren ist ein Fulltime-Job»

Auch Bildungspolitikerin Martina Munz ist der Meinung, dass Eltern für die Erstausbildung ihrer Kinder verantwortlich sind und deshalb für das Studium aufkommen müssen. «Studieren ist immer auch mit Präsenzzeit und Lernen verbunden und daher ein Fulltimejob», sagt die SP-Nationalrätin. Es sei nicht die Idee, dass Studenten mit Nebenjobs ihren Lebensunterhalt bestritten. Dazu seien Stipendien da.

«Mit einem Job an der Bar sollen sie Arbeitsluft schnuppern und etwas dazuverdienen, aber nicht sich selbst versorgen müssen», sagt Munz. Die Kompetenzen, die im späteren Beruf gefragt seien, erlange man durch obligatorische Praktika im Rahmen des Studiums.

Wunsch nach mehr Zeit zum Arbeiten

Für Bildungspolitiker Felix Müri hingegen kommt nicht infrage, dass Studenten Eltern auf der Tasche liegen. «Manchen Studenten, die über ihr stressiges Studium klagen, stinkt es vielleicht nur, nebenbei noch zu arbeiten», sagt der SVP-Nationalrat. So hängten einige Studenten ihrem Bachelorabschluss gerne ein unnötiges Masterstudium an. «Studenten, die sich von ihren Eltern durchfinanzieren lassen, sammeln weniger Lebens- und Berufserfahrung. Auch sie sollten wissen, was es bedeutet, jeden Tag zur Arbeit zu gehen.»

Laut Müri darf es nicht so weit kommen, dass noch mehr Staatsgelder in den Stipendientopf fliessen oder Eltern das Studium als erweiterte Primarschulzeit sehen.«Ich bin deshalb dafür, dass in den Stundenplänen der Hochschule mehr Zeit für Jobs freigeschaufelt wird.»

Alessio Palermo schliesst sich an: «Es braucht an den Unis mehr Luft, damit Studenten zumindest einen Teil ihres Lebensunterhalts selbst bestreiten können.» Bleibe mehr Zeit für einen Nebenjob, hätten Studienabgänger auch bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt. «Wird es durch den ständigen Unistress sogar unmöglich, nebenbei noch zu kellnern, werden die Studienabgänger auf dem Arbeitsmarkt erst recht als Theoretiker angeschaut.»


Stipendien und Darlehen

Für die Finanzierung der Ausbildung sind in erster Linie der Betroffene und seine Familie zuständig. Reichen deren Mittel und Vermögen nicht aus, können Kantone abgestufte Stipendien oder Darlehen vergeben. Um solche zu erhalten, muss man ein klar definiertes Budget vorlegen. «Dieses enthält die notwendigen Ausgaben und die zumutbaren eigenen sowie Leistungen der Eltern. Beide Komponenten können je nach Wohnkanton, Kosten der Ausbildung, Steuern, Anzahl Geschwister und eigenen Kindern variieren», wie die Schweizerische Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren EDK festhält. Lägen die anerkannten Ausgaben über den anrechenbaren Einnahmen, bestehe ein Anrecht auf Stipendien.

Das Stipendienwesen ist kantonal geregelt und umfasst sowohl Bachelor- als auch Masterstudiengänge. 2018 vergaben die Kantone 346 Millionen Franken für Stipendien und 18 Millionen Franken für Darlehen. Der Bund subventioniert diese Ausgaben mit 25 Millionen Franken pro Jahr. In den meisten Kantonen beträgt der minimale Ansatz für ein Vollstipendium auf Tertiärstufe 16'000 Franken pro Jahr.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Die Studentin am 19.09.2019 05:18 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Arbeit

    Ich studiere und arbeite. Finanziere den gesamten Lebensunterhalt selbst. Ja es ist hart aber das nennt man Leben. Hört auf zu heulen und reisst Euch zusammen. Fürs Feiern und all den anderen Mist habt Ihr auch immer Zeit, also los, Finger raus und selbst arbeiten! Wenn man das übersteht, ist man bereit für den Arbeitsmarkt.

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  • D. Müller am 19.09.2019 05:08 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Durchfuttern NEIN

    Unterstützen ja, "durchfuttern" nein!! Die Studis müssen auch ihren Beitrag leisten! (Arbeit = Entlöhnung).

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  • Stockbroker am 19.09.2019 05:13 Report Diesen Beitrag melden

    arbeiten geht

    Ich konnte neben dem Studium 15h arbeiten. Habe Mathe studiert und dies, obwohl ich im Gymi nur eine 3 in Mathe hatte. Keine Ahnung, wenn man ein Ziel hat, kam mir das Studium ziemlich leicht vor. Arbeiten geht also, auch bei Prüfungsstress aber man muss wollen.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Ex-Student am 20.09.2019 16:30 Report Diesen Beitrag melden

    Geht mal ins Ausland und schaut euch um

    Ich durfte ein Austauschsemester in Paris verbringen. Schon krass wie es bereits im Nachbarland anders zu und her geht. Dort kann wirklich nur der Nachwachs der Elite an eine sogenannte "Grande école" (ca. 25000 Euro Gebühren p.a.), deren Absolventen dann wiederum zur Elite des Landes werden. Da sind die Studiengebühren in der Schweiz wirklich bezahlbar, auch wenn man nicht aus der reichsten Familie stammt.

  • 123 Redlake am 20.09.2019 10:13 Report Diesen Beitrag melden

    Geld oder Fähigkeit?

    Ja, so weit sind wir;1. Kriterium ist die Finanzielle Lage der Familie 2. Fähigkeit des studierenden. Wäre Punkt 2. nicht an 1 stelle. Vielleicht will man ja nur elitäre Studenten. Diese Elitären müssten sich vielleicht auch eher anstrengen würde der finanzielle Aspekt wegfallen und die Qualität im Vordergrund stehen. Danach würden unsere UNI s wieder weltweit vorne dabei sein.

  • Ueli der Schweizer am 20.09.2019 06:50 Report Diesen Beitrag melden

    Grundrecht

    Nicht alle Studien erlauben ein zusätzliches grosses Arbeitspensum. Auch hier sind wir in einer Situation geraten, wobei das Geld und damit die reiche Elite im Vorteil ist. Lernen und studieren sollte ein Grundrecht sein und nicht wie sich die aktuelle Situation sich präsentiert, wobei genügend Geld in der Familie bestimmt ob jemanden studieren kann. Das heisst nicht, dass man nicht erwarten darf, dass Studenten nicht durch Arbeit selber ein Teil des Studiums finanzieren sollten, aber leider reicht es oft nicht aus. die meiste Studenten arbeiten bereits, da liegt wirklich nicht das Problem!

  • Bartli am 19.09.2019 22:23 Report Diesen Beitrag melden

    Unter der Lupe

    Arbeiten und Weiterbildung ist auch Stress, wenn es darum geht. Auch da springen oft die Eltern ein. Viele können sich dann keine Wohnungen mehr leisten, haben ggf noch lange Anfahrten. Wenn wir von Stress reden ist das vergleichbar.

  • Ssasssaaa am 19.09.2019 21:36 Report Diesen Beitrag melden

    Es gibt...

    Ich bin 42 Jahre alt. Habe die Matura mit 30 nachgeholt, Politik studiert, mache jetzt den Master und arbeite 80%. Wer will, der kann...

    • Laurii Tövannen am 19.09.2019 22:31 Report Diesen Beitrag melden

      Kein ernstes Studium

      Politilwissenschaften ist aber leider auch kein Studium bei dem man viel Zeit investieren muss, ganz im Gegensatz zu Jura, Informatik, Maschinenbau, Betriebswirtschaft oder Mathematik. So ist es mit den meisten Geisteswissenschaften.

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