Psychische Krankheiten auf Insta

27. Februar 2020 19:24; Akt: 27.02.2020 19:24 Print

«Manche User posten direkt aus der Psychiatrie»

von Jacqueline Straub - Auf Insta tabulos über Depressionen zu sprechen, liegt im Trend. Eine Trendforscherin erklärt, warum der «Sick Style» auch Gefahren birgt.

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Angel Schmocker (26) arbeitet als wissenschaftliche Assistentin am Institut für Designforschung an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK). Derzeit forscht Schmocker in der Fachrichtung Trends & Identity in einem Forschungsprojekt mit Judith Mair zum sogenannten «Sick Style» – Menschen, die auf Social Media offen über ihre Depressionen, bipolaren Störungen oder Panikattacken sprechen und sogar direkt aus der Psychiatrie heraus posten. Flavia (21) leidet unter schweren Depressionen und einer Borderline-Störung. Auf ihrem Instagram-Profil zeigt sich Flavia auch in ärmellosen Oberteilen und zeigt ihre Narben. Ihre Bilder tragen Hashtags wie #Psychischkrank #Starkbleiben, #Narben und #Gesundwerden. «Mir ist es sehr wichtig, über psychische Krankheiten in den sozialen Medien zu reden, und ich bin froh, einen Beitrag leisten zu können.» Flavia lässt ihre Follower wissen, welche Medikamente sie täglich nehmen muss. Alessia Steffen (19) leidet an einer Borderline-Störung. «Als 9-Jährige fingen meine Wutanfälle an – ich habe gegen Bäume und Wände geschlagen.» Mit 12 Jahren begann sie, sich selbst zu ritzen. Noch heute habe sie immer wieder den Drang, sich selbst zu verletzen. «Seit einem Jahr bin ich aber clean.» Ein Mitgrund ist ihre Tochter Mayla, die sie vor knapp einem Jahr zur Welt brachte. «Ich schreibe oft meine Gedanken auf und teile sie mit meiner Community auf Instagram. Ich muss nicht mehr alles in mich hineinfressen», sagt die 19-jährige Influencerin. Alex Jeanne (32) leidet an einer Borderlineerkrankung, die lange nicht erkannt und falsch diagnostiziert wurde. Ihr fiel es schwer, mit Emotionen umzugehen. Das äusserte sich durch eine Störung im Essverhalten und durch depressive Verstimmungen. Einmal in der Woche geht Alex live, um eine Stunde über ihre Krankheit zu sprechen und die Fragen ihrer Instagram-Follower zu beantworten. «Ich hätte mir als 12-Jährige genau diese Informationen gewünscht. Ich war ja so einsam damit», sagt sie. «Ich habe ein Traumleben, weil ich einen konstruktiven Umgang mit meiner Borderline-Störung gefunden habe.» Sie studierte Medizin und Medienpsychologie und arbeitet heute als Moderatorin in Deutschland. «Das Leben ist mit einer psychischen Krankheit nicht vorbei, man kann sehr glücklich werden. Dieses Bild möchte ich auf Social Media weitergeben.» «Ich habe lange gebraucht, um zu akzeptieren, dass ich krank bin. Erst als ich es akzeptiert hatte, konnte ich es auch auf Social Media öffentlich machen», sagt Sebastian (33). Ela (24) berichtet ihren Followern, wie ihr Leben mit Bulimie und Krampfanfällen ist, welche Medikamente sie nimmt und wie die Klinikaufenthalte waren.

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Verweinte Gesichter, vernarbte Unterarme, Bilder aus dem Spitalbett oder eine Handvoll Medikamente: Immer mehr Menschen zeigen auf Instagram Eindrücke aus ihrem Leben mit einer psychischen Krankheit. Unter Hashtags zu Depressionen und Mental Health findet man auf Instagram mehrere Millionen Bilder.

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Der «Sick Style», also der Trend, dass Menschen auf Social Media offen über ihre Depressionen, bipolaren Störungen oder Panikattacken sprechen, ist das Forschungsgebiet von Angel Schmocker (26).

Angel Schmocker, seit einigen Jahren gibt es auf Instagram und Youtube das Phänomen des «Sick Style». Was verstehen Sie darunter?
«Sick Style» ist das Gegenteil von «Health Style», also die Zurschaustellung von Traurigkeit in den sozialen Medien. Die User machen ihre Emotionen öffentlich. Früher postete man auf Instagram vor allem «traditionell» schöne Sachen. Heute dokumentiert das soziale Netzwerk das ganze Leben. Darum wird dort auch über Emotionen und die psychische Gesundheit gesprochen. Die Individualisierung hat dazu beigetragen, dass die Menschen offener über ihre Gefühlswelt zu sprechen.

Als Trendforscherin haben Sie sich dem Thema «Sick Style» gewidmet. Warum?
Ich habe in den sozialen Medien beobachtet, dass Menschen immer offener über ihre Emotionen und Krisen im Leben berichteten. Das hat mich fasziniert, nicht zuletzt aus eigener Betroffenheit. Ich habe einen Hang zur Hochsensibilität, und je älter ich wurde, desto mehr Schwierigkeiten bekam ich, den Stress in meinem Leben zu bewältigen. Das äusserte sich schliesslich in einer Angststörung und Depressionen. Heute habe ich das sehr gut im Griff. Aber als Jugendliche war es schwierig, meine Gefühlswelt Aussenstehenden zu erklären. Ich hatte oft den Eindruck, als faul oder überempfindlich wahrgenommen zu werden. Darum auch mein Appell, Kindern möglichst früh Strategien beizubringen, damit sie lernen, mit ihrer mentalen Gesundheit umzugehen. Eine Strategie kann es sein, das Schweigen zu brechen und sich mit anderen auszutauschen – zum Beispiel in den sozialen Medien.

Was genau findet man zum Thema «Sick Style» alles im Netz?
Das Spektrum ist riesig. Es gibt von prekären bis zu flauschigen, soften Inhalten alles. Oft geht es um Selfcare und Selflove. Aber es begegnen einem auch Insta-Storys aus der Psychiatrie – und auch Suizidankündigungen. Wenn ich eine solche Ankündigung als ernst gemeint einschätze, melde ich sie. Die «Sadicals» zeigen ihre radikale Traurigkeit, posten Bilder direkt aus dem Spital und zeigen ihre vernarbten Unterarme. Einige konzentrieren sich auf das Positive, zeigen sich in der Natur oder beim Kochen. Wieder andere geben psychisch Kranken Ratschläge, weil sie selbst bereits wieder gesund sind und genau wissen, was die anderen durchmachen.


Flavia (21) leidet an einer Borderline-Störung und spricht darüber auf Instagram. (Video: F. Naef)

Warum teilen Menschen auf Social Media ihren Schmerz, posten gar Bilder von aufgeritzten Unterarmen?
Grundsätzlich wollen die Menschen verstanden werden. Das Internet ist ein halbanonymer Raum, in dem man sich austauschen kann, ohne dass man die Leute treffen muss. Es gibt ein grosses Bedürfnis nach Zugehörigkeit und Identifikation – aber auch nach Aufmerksamkeit.

Gleichzeitig kann man in der Anonymität leichter Hass und Shitstorms auslösen. Für psychisch angeschlagene Menschen vermutlich besonders schlimm?
Genau. Viele löschen deswegen ihre Accounts immer wieder oder machen Pausen. Sie berichten von Privatnachrichten oder Kommentaren, die sie sehr treffen. Auch den Druck, produktiv zu sein, empfinden mental Angeschlagene häufig als besonders stark. Social-Media-Content zu produzieren, ist letztlich aber auch eine Form von Leistung.

Ist das Zelebrieren von Leid eine Gegenreaktion auf die perfekte Welt auf Instagram?
Nein. Social Media ist der Spiegel unser Gesellschaft. Alles hat dort Platz, nicht nur Gesundheit, sondern auch Krankheit.

Kann der «Sick Style» zur Enttabuisierung beitragen und positive Auswirkungen haben?
Ja, das hat er zu einem grossen Teil bereits schon. Früher wurden Menschen mit psychischen Krankheiten eher verachtet. Der «Sick Style» trägt viel dazu bei, das ganze Spektrum an Individuen in einer Gesellschaft öffentlich zu zeigen. Viele Betroffene fühlen sich erleichtert, zu wissen, dass sie mit ihrem Leid nicht allein sind.

Eine Tiktokerin spricht über ihre Depressionen und Suizidversuche

random girl on TikTok

random girl(@__arandomgirl__) has created a short video on TikTok with music EVERYONE WHO USE THIS GETS FAME AND I DONT. Habt oder hattet ihr auch mal Depressionen? #foryou #fy


Was sind die Kehrseiten des «Sick Style»?
Bilder von Ritznarben oder detaillierte Schilderungen der eigenen Unzulänglichkeit bergen eine Triggergefahr: Junge Menschen, die sich in der Vergangenheit selbst verletzt haben, werden so wieder an ihr eigenes Verhalten erinnert. Für sie stellt der Besuch solcher Profile ein Risiko dar. Sie können rückfällig oder noch kranker werden. Bei jungen Menschen, die noch nicht sehr gefestigt sind oder keine gesunden Vorbilder haben, kann es auch zu einem Nachahmungseffekt kommen.

Schützt Instagram die User zu wenig vor solchen Bildern?
Bei Instagram gibt es Warnhinweise bei prekären Bildern oder Hashtags. Ausserdem kann man seinen Account so einstellen, dass einem ausgewählte Inhalte, zum Beispiel zu Essstörungen, nicht angezeigt werden. Ich finde es wichtig, dass die Kinder schon in der Primarschule über die Gefahren der sozialen Medien aufgeklärt werden und Lehrer mit ihnen auch über den «Sick Style» sprechen.

Wer sind diese Personen, die auf Social Media über ihre Probleme sprechen?
Es sind Menschen aus allen sozialen Gruppen. Auf Youtube und Instagram findet man ganz unterschiedliche Accounts zu Mental-Health-Themen, etwa solche von älteren Männern, die Tipps zu Panikattacken geben. Insgesamt wirkt es so, als sprächen mehr junge Frauen über diese Themen. Man vermutet einen Zusammenhang mit dem Themenbereich Body Positivity.

Ist offenes Sprechen über psychische Krankheiten ein Gesellschaftstrend?
Es gibt nicht mehr psychische Krankheiten als früher. Heute weiss man aber mehr dazu, es gibt Begriffe dafür und mehr Austausch darüber. Parallel dazu sind die Krankheiten auch auf Social Media sichtbarer geworden. Neu ist die starke Individualisierung: Du mit deinem Gesicht berichtest von deiner Krankheit auf deinem Account. Das Zeigen von Krankheiten ist heute wesentlich individueller und diverser.

Werden psychische Krankheiten in der Schweiz tabuisiert oder stigmatisiert?
Die Schweizer sind eher reserviert und leistungsorientiert. Viele sehen es als negativ, wenn man über seine Gefühle und sein Leid spricht. Mein Team und ich haben acht qualitative Interviews, die bis zu zwei Stunden dauerten, durchgeführt. Da fanden wir heraus, dass Teenager es unglaubwürdig und störend finden, wenn User ihre Krankheiten und Probleme zu stark zeigen.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • kk8000 am 27.02.2020 20:47 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schlechte Entwicklung!

    Wer in der psychiatrischen Klinik ist, hat sicher nicht die Kraft, noch auf den sozialen Medien irgend etwas zu posten. Ich weiss, von was ich rede. War selber schon stationär. Man kann mit geritzen Armen, Selbstmordgedanken, usw. auch negativ gefährdete Personen beinflussen. Ich finde es absolut nicht gut!

  • Alexander Hirzel am 29.02.2020 16:22 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden
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  • Alexander Hirzel am 29.02.2020 16:23 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden
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  • kk8000 am 27.02.2020 20:47 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schlechte Entwicklung!

    Wer in der psychiatrischen Klinik ist, hat sicher nicht die Kraft, noch auf den sozialen Medien irgend etwas zu posten. Ich weiss, von was ich rede. War selber schon stationär. Man kann mit geritzen Armen, Selbstmordgedanken, usw. auch negativ gefährdete Personen beinflussen. Ich finde es absolut nicht gut!