Datenklau

20. Dezember 2013 18:22; Akt: 20.12.2013 18:22 Print

Swisscom erteilt der NZZ einen Maulkorb

Auf den Bändern, die der Swisscom letztes Jahr geklaut wurden, befinden sich brisante Daten prominenter Schweizer. Jetzt stoppt das Unternehmen mit einer Verfügung die weitere Berichterstattung.

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Die Swisscom unterstellt der NZZ, die Datenbänder kopiert und weiter ausgewertete zu haben. (Bild: Keystone)

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Drei Monate nachdem die NZZ den Datendiebstahl bei der Swisscom publik gemacht hat, ist die Untersuchung der Staatsanwaltschaft zum Stillstand gekommen. In den Streit zwischen NZZ und Swisscom kommt dagegen Bewegung: Die NZZ veröffentlichte brisante Details, die Swisscom konterte mit rechtlichen Schritten.

«Wir haben vom Handelsgericht des Kantons Bern eine superprovisorische Verfügung erhalten, die uns weitere Veröffentlichungen zum Datenleck bei der Swisscom untersagt», sagte der Chefredaktor der «Neuen Zürcher Zeitung» (NZZ), Markus Spillmann, der Nachrichtenagentur SDA.

Grobes Instrument

Die NZZ werde diese Verfügung anfechten. «Wir sind erstaunt über diesen Schritt, weil wir in dieser Sache stets eng mit der Swisscom kooperiert haben». Die NZZ habe stets «seriös und sorgfältig» gearbeitet.

Man sei sich keiner Schuld bewusst. «Aus unserer Sicht sind die rechtlichen Argumente, die die Swisscom vorbringt, nicht valide». Unter anderem werde der NZZ in der superprovisorischen Verfügung vorgeworfen, sie habe Persönlichkeitsrechte verletzt. Ferner gebe es den Vorwurf der Wettbewerbsschädigung.

«Es ist zwar legitim, dass ein Unternehmen sich wehrt», sagte Spillmann, «doch eine superprovisorische Verfügung ist ein grobes Instrument».

Liste mit Prominenten

Stein des Anstosses war offenbar der Artikel der NZZ vom Freitag, wo diese unter anderem schreibt, dass unter den entwendeten Daten auch eine Liste mit Kontaktdaten von 972 Prominenten sei, darunter Bundesräte, National- und Ständeräte und Exponenten der Wirtschaft sowie Stars aus Sport, Kunst und Showbiz.

Zu den prominenten Kunden der Swisscom zählen unter anderen Roger Federer, Bundesrätin Doris Leuthard, Ikea-Gründer Ingvar Kamprad, Udo Jürgens und der deutsche Formel-1-Weltmeister Sebastian Vettel. Dazu kommen laut der NZZ weitere Sportler, Bundes-, National- und Ständeräte sowie Künstler, Showstars, Models, Missen und Wirtschaftsgrössen. Wer von ihnen vom Datenklau betroffen ist, ist derzeit nicht bekannt.

Demnach sind dort Wohn- und Mail-Adressen, Handy- und Festnetznummern sowie die Geburtsdaten der Prominenten festgehalten. Dabei nannte die «NZZ» auch einige Namen.

Swisscom-Sprecher Carsten Roetz wollte diese Angaben nicht kommentieren. Man sei noch daran, die von der NZZ der Swisscom übergebenen Bänder auszuwerten. «Nach unserem Kenntnisstand sind aber auf den Bändern keine heiklen Daten wie Passwörter oder Verbindungsdaten zu finden», fügte er an.

Swisscom: NZZ kopierte die Daten

Die Swisscom hatte nach eigenen Angaben im Herbst drei von vier gestohlenen Bändern zurückerhalten. Das vierte Band sei «angeblich durch die Quelle zerstört worden», wie die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft ergeben hätten.

Nach der neusten Veröffentlichung der Zeitung zum Inhalt der Bänder ist für die Swisscom klar, «dass die NZZ die Bänder kopiert und weiter ausgewertet hat». In einer Mitteilung forderte die Swisscom von der Zeitung deshalb «umgehend die Herausgabe der ihr noch vorliegenden Daten sowie den Verzicht auf weitere Publikationen».

Die Swisscom verurteilte ferner die Veröffentlichung der Namen. Dafür bestehe «kein öffentliches Interesse», sagte Roetz. Und die NZZ verletze damit die Persönlichkeitsrechte der Betroffenen.

Das Unternehmen prüfe rechtliche Schritte gegen die Zeitung, erklärte der Swisscom-Sprecher am Freitagmorgen. Doch bereits am Nachmittag traf bei der NZZ die superprovisorische Verfügung ein, wie Spillmann sagte.

Der Chefredaktor betonte, seine Zeitung habe «zu keinem Zeitpunkt sensitive Daten publiziert». Den Vorwurf, die NZZ habe die Daten kopiert, wollte Spillmann nicht kommentieren.

Verfahren sistiert

Bereits nachdem der Klau von Daten aus zwei Swisscom-Rechenzentren im Kanton Bern durch die NZZ aufgedeckt worden war, hatte die Swisscom im September Strafanzeige eingereicht. Doch die Suche nach dem Datendieb oder den Datendieben blieb offenbar ohne Ergebnis. «Auch weil die NZZ sich auf den Quellenschutz berufen hat», sagte der Swisscom-Sprecher.

Nun hat die Staatsanwaltschaft Bern-Mittelland das Verfahren gegen Unbekannt sistiert, wie der Infobeauftragte der Staatsanwaltschaft des Kantons Bern, Christof Scheurer, bestätigte.

«Zurzeit sind keine weiteren, verhältnismässigen Beweismassnahmen ersichtlich, welche zur Ermittlung der unbekannten Täterschaft führen könnten.» Doch der Straftatbestand des Diebstahls und möglicherweise der unrechtmässigen Aneignung stehe weiter im Raum, weshalb das Verfahren nicht eingestellt worden sei, sagte Scheurer.

Was war auf den Bändern?

Die vier Bänder enthalten Backups aus den Jahren 2008 bis 2010. Gemäss Swisscom befanden sich auf einem Band rund 40 firmeninterne Mail-Konten aus dem Zeitraum von 2004 bis 2008. Die meisten davon seien lückenhaft und der Inhalt der Mails nicht ersichtlich.

Auf einem zweiten Band seien zwei interne Swisscom-Testdatenbanken. Somit seien dort «keine Daten aus Systemen abgebildet, die wir für unsere Kunden betreuen», schrieb die Swisscom. Ein drittes Band sei unlesbar. Da sie das vierte Band nicht erhalten hat, kann die Swisscom nur mutmassen, «dass sich auf diesem Band Swisscom-Datenbanken befinden».

Die NZZ schrieb, auf den Bändern befänden sich rund 60 Millionen Datensätze, darunter firmeninterne E-Mails sowie weitere Internas des grössten Schweizer Telekom-Anbieters.

(bee/sda)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • meccano am 20.12.2013 19:05 Report Diesen Beitrag melden

    saubere firma

    die swisscom hat anscheinend einiges zu verbergen, das nie an die öffentlichkeit gelangen darf, sonst würden sie kaum derart rigoros reagieren. eigentlich müsste denen klar sein, dass sie mit diesem vorgehen argwohn erwecken.

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  • Ivo Steinmann am 21.12.2013 00:04 Report Diesen Beitrag melden

    Interesse jetzt noch grösser

    Mit diesem Vorgehen wird das Interesse an den Daten ja nur noch grösser. Die Swisscom hat einfach kein Feingefühl für sowas. Jetzt wird überall darüber geschrieben und alle warten nur darauf, bis die Verfügung ein Ende hat. Und hat sie kein Ende, bin ich mir sicher leaked ein NZZ Angestellter die Daten an irgendwen.

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  • Bernerin am 20.12.2013 22:55 Report Diesen Beitrag melden

    Swisscom selber schuld

    wenn die Bänder nicht genügend gesichert waren.. Nun wird NZZ ein Maulkorb verpasst?!? Wo ist denn da das Vertrauen..

Die neusten Leser-Kommentare

  • Luminoso am 21.12.2013 19:48 Report Diesen Beitrag melden

    Erneute Verletzung des Datenschutzes!

    Habe den Eindruck, dass einige Leser gleiche Sachverhalte "mit unterschiedlichen Ellen" messen - geklaute Bankdaten im Steuerstreit sind nicht okay, geklaute Swisscom-Daten aber schon? Kann kein öffentliches Interesse an einer Veröffentlichung erkennen - und geklaut bleibt geklaut. Dass hier die Swisscom bezügl. Daten-Sicherheit Unzulänglichkeiten hatte, gibt der NZZ doch nicht das Recht, daraus Kapital zu schlagen und vertrauliche Informationen zu veröffentlichen - bin schwer enttäuscht von der NZZ!

  • Kude am 21.12.2013 16:17 Report Diesen Beitrag melden

    Journalismus ade ...

    Zu meinen, man müsse einen Missstand aufdecken, o.k., darüber kann man geteilter Meinung sein. Das gestohlene Gut aber auch noch auszuwerten und publik zu machen, dass ist nicht okay. Ein renommiertes Blatt wie der NZZ absolut unwürdig. Mein Abo ist auf jeden Fall gekündigt.

  • Peter Forster am 21.12.2013 15:02 Report Diesen Beitrag melden

    Fragwürdig

    s ist schon sehr fragwürdig wenn man nicht Berichten darf über den Inhalt der verschwundenen Bänder. Die Swisscom behauptet sie weiss nicht wer die Bänder entwendet hat, sie haben angeblich alle geprüft welche Zugriff auf die Bänder hatten. Doch es sein extrem kompliziert die Bänder zu zerstören und es gebe keine Verdächtigen. Aud Erfahrung weiss ich das man solche Bänder innerhalb von Sekunden unbrauchbar machen kann. Hier wird etwas verschwiegen.

    • T. Tanner am 21.12.2013 17:38 Report Diesen Beitrag melden

      Diebstahl und Daten

      Die NZZ sollte über den Diebstahl, nicht aber über die Daten berichten. Ein kleiner, aber wichtiger Unterschied!

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  • Hans Klarsicht am 21.12.2013 14:47 Report Diesen Beitrag melden

    Wovor fürchtet sich die Swisscom?

    Vor Rufschädigung? Ah ja darum muss man sofort das Gericht einschalten, um seine Unzulänglichkeiten noch mehr zu beweisen. Schön hat Swisscom bewiesen, dass die Daten von einfachen Bürgern noch weniger Wert sind: "Nach unserem Kenntnisstand sind aber auf den Bändern keine heiklen Daten wie Passwörter oder Verbindungsdaten zu finden." Aber direkt mit Kanonen auf Spatzen schiessen, grandiose Taktik um zu zeigen, dass in Punkto Datenschutz -sicherheit versagt wurde. Bravo.

    • unverschämt! am 21.12.2013 15:24 Report Diesen Beitrag melden

      @Hans

      eh nein mein lieber hans, hast du schon mal was von Datenschutz gehört? Jede Firma die einfach mal blind zulässt, dass die Zeitung interne oder gar externe Daten veröffentlicht ist 0 aber wirklich 0 Vertrauenswürdig!

    • berny60 am 21.12.2013 16:48 Report Diesen Beitrag melden

      Deine Daten auch öffentlich ...??

      Wenn Deine Daten hier auch darauf wären, würdest Du Dir wahrscheinlich überlegen, ob Du nicht die Swisscom deswegen verklagen kannst. Deshalb muss sich die Swisscom eben so verhalten ....

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  • Hans am 21.12.2013 09:41 Report Diesen Beitrag melden

    Journalismus?

    Was hat dies mit Journalismus zu tun? Die Medien sollten sich dafür interessieren, wie das Band abhanden gekommen ist und nicht was darauf war. Da aber der Durchschnittsleser wahrscheinlich eher an der Farbe der Unterhose von Tina Turner interessiert ist, wird eine seriöse Berichterstattung wohl schwierig werden.

    • Hans Klarsicht am 21.12.2013 14:45 Report Diesen Beitrag melden

      Nein, jetzt wirds echt recht spannend.

      Dieses Provisorium zeigt ganz klar und deutlich, dass hier Swisscom vor irgend etwas Angst hat und deshalb ist der Inhalt eben so wichtig. Es sollte zeigen wie schlampig die Swisscom hier war, dies ist nur möglich wenn man wenige Details preis gibt, die dazu gehören um Druck auf die Swisscom zu üben. Denn wenn schon "geheime" Daten von "besseren" Menschen abhanden kommen, wie sehr sind dann Daten von "normal" sterblichen geschützt?!

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