Tabuthema Co-Sleeping

21. Oktober 2017 20:31; Akt: 22.10.2017 15:44 Print

Teenager schlafen mit Mami und Papi im Bett

von B. Zanni - Nicht nur Kinder übernachten manchmal bei den Eltern. Fachleute berichten von über 12-Jährigen, die ständig in deren Bett kriechen.

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Ihr Bett bleibt nachts regelmässig leer. Verraten würden die Mädchen und Jungen dies aber nicht einmal ihren besten Freunden. Co-Sleeping sei ein Tabuthema, sagt Jürgen Feigel, Familientherapeut und Mediator in der Praxis Sinnform. «Die Teenager schämen sich extrem dafür. Vereinzelt suchen Eltern bei mir Rat, weil die 12- bis 14-jährigen Kinder in ihrem Bett schlafen.» Vor fünf Jahren habe er solche Fälle nie erlebt.

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Co-Sleeping beginne schleichend, so Feigel. Ein 12-Jähriger etwa sei zuerst nur manchmal zu den Eltern ins Bett gekrochen. «Doch irgendwann wurde es zur Gewohnheit. Weil sich der Junge über Einschlafprobleme zu beklagen begann, liessen sie am Schluss zu, dass er jede Nacht unter ihre Decke schlüpfte.» Auch der Familientherapeut Henri Guttmann sagte jüngst in der Coop-Zeitung: «Kürzlich überzeugte ich einen 12-Jährigen, dass er jetzt im eigenen Bett schlafen müsse.»

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Kollegiales Verhältnis als Grund

Als möglichen Grund für Co-Sleeping sieht Jürgen Feigel das kollegiale Verhältnis zwischen Eltern und Kindern. Viele Eltern seien heute weniger autoritär und durchsetzungsfähig als früher. «Manche Mütter und Väter haben es eventuell verpasst, ihre Kinder rechtzeitig an das Schlafen im eigenen Bett zu gewöhnen.»

Ähnliches beobachtet Henri Guttmann: Selbstverständlich dürften Kinder im Falle von Angst oder Krankheit zu den Eltern ins Bett schlüpfen. «Wenn aber 6-, 8- oder 13-jährige Kinder dauernd im Bett der Eltern stationiert sind, dann haben sie bald einmal das subjektive Gefühl, sie seien hierarchisch gleichgestellt.»

Aber auch der Druck unter Gleichaltrigen spielt eine Rolle. «Messen sich Pubertierende mit den tollen Bildern, die ihre Freunde in den sozialen Medien teilen, löst dies bei einigen Zweifel aus, sodass das Selbstwertgefühl abnimmt und sie das Gefühl haben, in der Gesellschaft nicht zu genügen», sagt Jürgen Feigel. Durch das verminderte Selbstvertrauen suchten Teenager vermehrt elterliche Geborgenheit. «Manchmal führt es dazu, dass sie wieder bei den Eltern unter die Decke schlüpfen.»

«Eltern schenken Kindern zu wenig Zeit»

Die Fachpersonen haben zudem den Eindruck, dass Kinder heute zunehmend später allein schlafen. «Ich berate häufig Eltern von Kindern im Primarschulalter, die immer bei den Eltern schlafen wollen», sagt Susanna Fischer, Familientherapeutin in der Familienpraxis Stadelhofen. Grund dafür sei mangelnde Aufmerksamkeit. «Die emotionale Verfügbarkeit der Eltern hat extrem abgenommen. Mehr Zeit als dem Kind schenken sie dem Handy», so Fischer. Dies habe zur Folge, dass sich Kinder nachts die Nähe einholten, die sie am Tag nicht spürten.

Philipp Lütolf, Psychotherapeut in der Praxix Lütolf, hingegen beobachtet: «Haben Eltern ihren Kindern mit zehn Jahren das Übernachten in ihrem Bett noch nicht abgewöhnt, hören die Kinder im Jugendalter von sich aus selbst damit auf.» Nur Teenager mit traumatischen Erlebnissen wie dem Verlust von Angehörigen oder Gewalterfahrungen schliefen vorübergehend bei den Eltern. Auch Krankheiten könnten Auslöser sein. «Wenn Jugendliche oder deren Eltern selber schwer erkrankt sind, können sie die Nähe zu Mutter und Vater nachts besonders suchen.»

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Chris am 21.10.2017 20:46 Report Diesen Beitrag melden

    Wo liegt das Problem?

    Das muss jede Familie selber wissen.

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  • baba am 21.10.2017 20:40 Report Diesen Beitrag melden

    sie fordern zeit

    das kenn ich vonmeinem 2-jährigen. Hatte ich den Tag durch viel zu tun und konnte nicht so viel mit ihm direkt spielen, dann fordert er dies am Abend ein wenn er ins Bett muss. Er muss dann meine Hand halten bis er eingeschlafen ist. Das ist für mich ok wenn er dafür in seinem eigenen Bett schläft.

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  • Witwer am 21.10.2017 23:17 Report Diesen Beitrag melden

    Als meine Frau starb

    War der Grosse 12 und die Kleine 10. Ich hatte den Eindruck es hat ihnen gut getan und geholfen ihre Verlustangst zu überwinden. Sie haben mich immer festgehalten. Nach einem knappen Jahr sind sie wieder in ihre Betten. Ich habe mich nur machmal verdrückt. Bequem ist das nicht mit Zwergen im Bett.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Anonym am 22.10.2017 20:03 Report Diesen Beitrag melden

    Ich würde das nicht wollen

    Weder tagsüber noch nachts würde ich von dieser Generation zu viel Nähe wollen - und diejenigen hier, die sagen, sie können sich einfach die Nähe einfordern, die sie brauchen, sind auf dem Holzweg: Was ist denn mit dem Freiraum der Eltern? Es gibt Momente, da gehören Jael & Co.einfach nicht dazu/dazwischen sondern ihnen gehören klare Grenzen gesetzt.

  • Ly am 22.10.2017 18:04 Report Diesen Beitrag melden

    Elternbett

    Ich finde das ist kein Problem. Kinder schlafen auch gerne beieinander das gibt Geborgenheit. Alleine schlafen, ein eigenes Zimmer das gabs Jahrhunderte nicht. Auch bei Naturvölkern schläft man in der Nähe ohne räumliche Trennung. Zudem hören die Kinder auch Jugentliche selber damit auf wenn sie es nicht mehr benötige.

  • Mutter am 22.10.2017 17:54 Report Diesen Beitrag melden

    Co-Sleeping

    Und was ist mit den vielen Erwachsenen, die nicht ohne ihren Partner/in schlafen können? Ein weiteres Tabuthema? Oder ist Co-Sleeping ab einem gewissen Alter wieder erlaubt und normal?

  • Das innere Kind am 22.10.2017 17:34 Report Diesen Beitrag melden

    Nähe kaum zum aushalten

    Kinder lernen von den Eltern auf eine Art, die keine bestimmte Sprache benötigt. Eltern sind die Vorbilder. Vertragen Eltern, solche Nähe, wenn sie die Ansprüche an sich selbst und die Umwelt so hoch gelegt haben, dass sie sich selbst nicht akzeptieren können? Versucht man dann in den Kindern ein Idealbild zu verwirklichen, das mit dem eigene Wesen, der eigenen Geschichte nicht übereinstimmt? Unsere Kinder sind Spiegel unserer eigenen Kindheit. Eine Gelegenheit, mit sich selbst und den eigenen Erfahrungen Frieden zu schliessen.

  • Mai Wallace am 22.10.2017 17:27 Report Diesen Beitrag melden

    Laxismus

    der Kinder zu liebe, sollten diese von Geburt an in ihren eigenen Betten schlafen. Sie werden es Ihnen später danken. Meine beiden Mädchen (16mnt. differenz) sind jeden Abend 20h und 20h30 in Ihren Bett am schlafen. Man sollte keine Ausnahme machen sonst hat man schon verloren. Wenn meine in der Nacht zu mir ins Bett kommen, kuscheln wir, Schlaflied singen etc. Dann aber bringe ich sie zurück ins Bett. Und alle schlafen friedlich weiter. wûnsche allen Väter und Mütter alles gute