Mobilität 2025

22. Oktober 2013 07:06; Akt: 22.10.2013 10:04 Print

Teuer, cool, kurz: Die Zukunft des Pendelns

von Camilla Alabor - Im Zug Yoga machen, Partys feiern und für die Billette mehr bezahlen: So sieht die Bahn von morgen aus, sagt eine Studie des Gottlieb-Duttweiler-Instituts.

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Am Morgen fährt Tobias mit seinem Share-Velo zum Bahnhof. Im Zug rennt er eine halbe Stunde auf dem Laufband, bevor er im Bürowagen seine Mails checkt. Als er aussteigt und an einem Laden vorbeigeht, piepst sein Handy: «Schokolade und Früchte einkaufen», erinnert es. Nach dem Einkauf fährt er per Mitfahrgelegenheit ins Büro.

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Sollen die SBB einen Fitnesswagen anbieten?
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So wird in zwölf Jahren unser Alltag aussehen. Diese Zukunft jedenfalls skizziert die Studie «Mobilität 2025» des Gottlieb-Duttweiler-Institutes. Denn eins sei klar, sagt Co-Autor Frerk Froböse: «Weitermachen wie bisher – mit Staus und überfüllten Zügen – ist keine Option.» Fünf Beispiele, wie sich unser Leben verändern könnte.

Fitness- und Discozug

Die Bahn ist nicht mehr nur Transportmittel. «Die Leute wollen die Zeit unterwegs für andere Aktivitäten nutzen», sagt Frerk Froböse. So soll man darin Yoga machen können oder eine Party feiern. «Die Idee ist, dass die SBB den Passagieren einige neutrale Wagen zur Verfügung stellen. Private Anbieter entscheiden dann selbst, was sie im Wagen betreiben wollen.»

Auf bestimmten Strecken und zu bestimmten Zeiten gäbe es dann den Fitness- oder eben den Discozug. Was ist davon zu halten? Peter Kolbe von der Unternehmensentwicklung SBB gibt sich diplomatisch: «Wir richten uns nach den Bedürfnissen der Kunden. Das haben wir etwa mit dem Einbau von Steckdosen gezeigt, oder mit dem Aufstellen von Signalverstärkern für die Handys. Am wichtigsten ist uns aber, dass alle Kunden einen Sitzplatz haben.» Im Moment sei ein Fitnessstudio kein Thema. Ebenso wenig wie ein Discozug.

Doppelt so teure Tickets
Künftig werden die Leute vermehrt dort wohnen, wo sie arbeiten: in der Stadt und Umgebung. Dies, weil die Mobilität laut Froböse teurer wird. «Die Bürger werden eines Tages merken, dass wir das heutige Niveau auf Bahn und Strasse nicht halten können, wenn wir nicht mehr dafür bezahlen.» Er glaubt, dass ein Zugbillett bis 2025 mindestens doppelt so viel kosten wird. Dadurch werde das Pendeln viel weniger attraktiv. Gleichzeitig würde damit die Zersiedelung gestoppt.
«Der öffentliche Verkehr muss bezahlbar bleiben», hält Peter Kolbe von der SBB dagegen. Tariferhöhungen gebe es diesen Dezember keine.

Serviceabbau auf dem Land
Auf dem Land und in der Stadt würde nicht mehr der gleiche Service angeboten. «Wir gehen davon aus, dass sich die Unterschiede zwischen Stadt und Land verstärken», sagt Froböse. Das Land bliebe mehr Land, die Stadt würde mehr Stadt. Deshalb mache es auch keinen Sinn, Züge durchs Land fahren zu lassen, die ausserhalb der Stosszeiten fast leer sind. Auch das Auto werde weiter an Attraktivität verlieren, glaubt Froböse: «Die Gleichung Auto bedeutet Freiheit ist längst durch die Realität widerlegt. Stattdessen steht man jeden Morgen und Abend eine Stunde im Stau.»

Zu einem möglichen Serviceabbau auf dem Land sagt SBB-Unternehmensentwickler Peter Kolbe: «Die Kantone entscheiden zum grossen Teil, wie sie das Angebot auf dem Land ausgestalten.» Doch sei es gerade die Stärke des öffentlichen Verkehrs in der Schweiz, dass fast jedes Dorf erschlossen sei. «Den hohen Service auf dem Land muss man bewahren.»

SMS bei Verspätung

Die Autoren der Studie glauben, dass sich Züge, Autos oder Busse den individuellen Ansprüchen der Benutzer anpassen werden. So könnten Busse von ihrer vorgegebener Route abweichen, um einen Fahrgast eine Strasse weiter aufzulesen. Oder ein verspäteter Zug schickt den betroffenen Passagieren eine SMS. Wie Peter Kolbe von der SBB festhält, ist diese Forderung schon Realität: «Bereits heute werden Verpätungen von Zügen auf der SBB-App gemeldet.»

Damit die Vernetzung von Netz und Passagier auch Realität werden kann, müssten die Benutzer allerdings ihre Daten ins System einspeisen. Froböse glaubt, dass die Leute damit kein Problem hätten, solange sie davon profitierten: «Google Maps funktioniert ja genau so. Es kann uns sagen, wo es Stau hat, weil andere Benutzer ihre Daten an das System weiterleiten.»

Günstigere Stehplätze
Um für mehr Preisgerechtigkeit zu sorgen, schlägt Froböse zudem vor, für Sitze und Stehplätze verschieden teure Tickets anzubieten. «Während einer Fahrt von 20 Minuten braucht man nicht unbedingt zu sitzen.» Es würde deshalb Sinn machen, Billette für Stehplätze zu verkaufen. «Bereits heute ist es ja so, dass man den ganzen Preis zahlt, obwohl man am Morgen vielleicht nicht sitzen kann.» Doch die SBB winken auch hier ab: «Unser Ziel ist es, Sitzplätze anzubieten; keine Stehplätze.»

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • John Ramm am 22.10.2013 08:39 Report Diesen Beitrag melden

    Witzig

    Fitness im Zug... Yoga im Zug... Bin ich im falschen Film? Das Einzige realistische ist vermutlich die Preiserhöhung.

    einklappen einklappen
  • Blödian am 22.10.2013 07:27 Report Diesen Beitrag melden

    Fortschreitende Verblödung

    Experten. Umfragen. Institut. Alles Kandidaten für das UNWORT des Jahres. Können diese Leute auch mal über etwas nützliches reden? In 20 Jahren werden wir alle rückwärts gehen, weil das die Absätze schont ?!

    einklappen einklappen
  • Marc Tschan am 22.10.2013 09:00 Report Diesen Beitrag melden

    Unrealistische Studie

    Ich denke nicht, dass die Studie des Gottlieb-Duttweiler-Institutes wirklichen Bedürfnissen entspricht. Und dann wäre da noch das Thema «Sicherheit»: In welches andere Fitnessgerät knallts denn den Tobias, wenn der Zug eine Notbremsung macht...

Die neusten Leser-Kommentare

  • James Forever am 24.10.2013 01:10 Report Diesen Beitrag melden

    SBB träumt in höheren Sphären..

    Ja, unbedingt! Finde auch, dass die SBB endlich mal mehr Action in ihren Zügen bieten sollten. Im internationalen Vergleich humpelt die Schweiz da ja wirklich noch hintennach und verzichtet weitgehend auf den damit einhergehenden kommerziellen Ertrag! # Wenn wir schon dabei sind: Wie wär's mit Kinowagen , mit Popcorn, Glacé und Bildschirmen zur individuellen Videowahl im Sitz des Vordermanns? Macht irrsinnig Spass, besonders mit 3D in den allseits beliebten Neigezügen!

  • Valnes am 23.10.2013 10:16 Report Diesen Beitrag melden

    Utopie

    Jaja, Fitnesscenter im Zug...und wo duscht man? Woher will man den Platz nehmen, wo doch der ÖV bereits jetzt an seiner Kapazitätsgrenze läuft. Näher beim Arbeitsplatz wohnen ist auch nicht so einfach. Ausserhalb von Zürich zu wohnen lohnt sich finanziell auch dann noch, wenn die ÖV-Preise auf das zehnfache steigen würden. Abgesehen davon, dass die Städte gar nicht genügend Wohnraum für alle Pendler haben. Von den explodierenden Mieten ganz zu schweigen.

  • naja am 23.10.2013 10:15 Report Diesen Beitrag melden

    wer soll das Bezahlen

    Was diese (Sinnlose) Studie wohl gekostet hat? und wer bezahlt es? alle die, die SBB nutzen! klar bringt es Vorteile, wenn wir die Zeit beim Pendeln besser nutzen könnten. ABER wieso soll das Pendeln attraktiver werden? macht es nicht mehr Sinn, das Pendeln wenn möglich zu umgehen? Pendeln belastet nicht nur die Menschen, sonder hauptsächlich die Umwelt. Mit der heutigen Technik benötigen wir meistens keine fixen Arbeitsplatz. in meinem Job könnte ich sicher 4 von 5 Tagen von Zuhause arbeiten. Spart: Zeit, Pendlerkosten und Bürofläche. Mein Chef könnte das Büro um sicher die hälfte reduzieren.

  • B.Stäger am 22.10.2013 22:53 Report Diesen Beitrag melden

    überhaupt nicht unrealistisch

    ich habe auch schon diese Gedanken gehabt, dass die SBB einen Wagen z.B. m.Hometrainer +Crosstrainer anbieten sollte.Auch wünschte ich z.B. für Fusspflege o.ä. Ich verbrate in 3 Tagen über Std. 7-8 nur mit Pendeln. Es ist oft verlorene Zeit, ich mag auch nicht immer im Zug arbeiten oder lesen. Hingegen wäre ich froh, wenn ich z.B.35 Min. auf dem Hometrainer trainieren könnte.Ich bin auch bereit, bsp.für eine Fusspflege z.B. zw. ZH-BE die normale Summe wie bei einer Kosmetikerin zu zahlen. Die Nachfrage wäre ganz sicherlich da.Um diese Pendlerei zu stoppen muss d. Politik handeln!

  • Schreiber am 22.10.2013 22:16 Report Diesen Beitrag melden

    Völlig durchgeknallt

    Wie kann man nur auf so realitätsferne Fantasien kommen? Die Leute pendeln nicht, weil es ihnen Spass macht oder weil es zu billig ist, sondern weil sie an ihrem Lebensmittelpunkt keine Arbeit finden und deswegen gezwungen sind, weite Strecken auf sich zu nehmen, wenn sie Familie und Freundeskreis nicht verlassen wollen, um in der Ferne alleine eine neue Existenz aufzubauen. Es braucht keine Disco-Züge, pendeln ist nicht cool, es braucht keine Share-Velos und Mitfahrgelegenheiten werden Ausnahmen bleiben. Zahlen sollen die Mobilität die Arbeitgeber, die den Fünfer und das Weggli wollen.