China-Premier in der Schweiz

29. Januar 2009 07:12; Akt: 29.01.2009 10:36 Print

Tibeter landeten im Hooligan-Knast

von Adrian Müller - Eine «chinesische Mauer» aus Armeefahrzeugen, Tibet-Demonstranten werden in den Hooligan-Knast gesteckt. Selbst der Polizeikommandant zweifelt an der Verhältnismässigkeit des Einsatzes. Die Bündner schrecken nicht einmal vor der Beschlagnahmung tibetischer Symbole in Geschäften zurück.

Bildstrecke im Grossformat »

Zum Thema
Fehler gesehen?

Die Gruppe von etwa 50 Tibetern, darunter Frauen und Kinder, setzte gerade zum Gebet am Rande des Bundesplatzes an, als eine Heerschar von Polizisten den Protesten gegen den chinesischen Premier Wen ein Ende setzte. Die Beamten verhafteten 20 tibetische Staatsangehörige und einen US-Amerikaner. «Ich bin schockiert über das harte Vorgehen der Polizei», erklärte ein Aktivist via Handy, als er gerade in einen Kastenwagen verfrachtet wurde (siehe Diashow).

Knast-Schokolade als Entschädigung

Die verhafteten Tibeter landeten schliesslich im mobilen «Hooligan-Knast», welcher extra für die Euro 2008 konzipiert wurde. «In den Zellen flossen Tränen – einige fühlten sich durch die Verhaftung erniedrigt», schildert der festgenommene Tibeter die Situation hinter Gittern. Die Polizisten hätten sie allerdings sehr professionell und zuvorkommend behandelt: «Sie gaben uns sogar Schoggistängeli.»

Der äusserst harte Polizeieinsatz, welcher in einer «chinesischen Mauer», einer Sichtsperre durch Armeefahrzeuge, auf dem Bundesplatz gipfelte, zieht einen schalen Nachgeschmack nach sich. Selbst der Kommandant der Kantonspolizei Bern macht sich Gedanken: «Die Frage nach der Verhältnismässigkeit des Einsatzes ist gerechtfertigt», räumte Stefan Blättler gegenüber dem «Bund» ein.

«Beim Premierminister der Volksrepublik China handelt es sich um eine der meist gefährdeten Persönlichkeiten der Welt. Vertreter anderer Länder, so will es das Völkerrecht, haben im Gastland Anrecht auf Schutz», rechtfertigt Kapo-Sprecher Jürg Mosimann den Einsatz.

Die Polizei-Repression empörte auch die 20-Minuten-Online-User: In über 300 Kommentaren verschafften sie ihrem Ärger Luft. «Die Hoffnung auf ein Freihandelsabkommen ist dem Bundesrat wichtiger als Meinungsfreiheit», kritisierte etwa User S.

Bundessicherheitsdienst verantwortlich

Auch der Berner Gemeinderat Reto Nause, Direktor für Sicherheit, Umwelt und Energie, kann die Anliegen der Tibeter nachvollziehen. Die Stadt sei aber lediglich Bewilligungsbehörde für Kundgebungen; ein entsprechendes Gesuch sei bis Dienstag nicht eingegangen. Die Kantonspolizei habe jedoch in Absprache mit der Stadt den Tibetern den Waisenhausplatz für eine Platzkundgebung angeboten. Diesen Ort lehnten die Tibet-Aktivisten ab - und liessen drei Ultimaten verstreichen, den Bundesplatz zu verlassen.

Die Vorgaben zum Polizeieinsatz kamen laut Nause direkt vom Bundessicherheitsdienst, die Kantonspolizei habe diese lediglich umgesetzt. «Ich habe Verständnis für beide Seiten», erklärt er auf Anfrage von 20 Minuten Online. Für Nause ist es jedoch wichtig, dass in Bern zukünftig «die freie Meinungsäusserung stattfinden kann».

«In einer freien Demokratie sind Proteste eine Selbstverständlichkeit, sie gehören zur politischen Kultur der Schweiz.» Dies sollte auch der chinesische Premier zur Kenntnis nehmen können, sagt Mario Fehr, SP-Nationalrat und Vorsitzender der parlamentarischen Gruppe für Tibet.

Für die tibetischen Aktivisten ist der unfreiwillige Ausflug in den Hooligan-Knast glimpflich ausgegangen. Nur eine der 21 verhafteten Personen erhält eine Anzeige. Am frühen Abend konnten sie das Gefängnis bereits wieder verlassen. Einige nahmen die Sache mit Humor: «Ich habe den Knast das erste mal von innen gesehen - und nicht einmal einen Schuh geworfen», schrieb ein Aktivist als Status-Meldung auf seinem Facebook-Profil.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • hanswerner blaser am 31.01.2009 11:40 Report Diesen Beitrag melden

    Kaputte ReGIERung

    Es ist bezeichnend für unsere kaputte, vom niedergang geprägte ReGIERung. Wenn es eine Palestinenser Flagge gewesen wäre, hätte das niemanden gestört. Aber eben, die Tibeter sind im gegensatz zur Hamas , keine Terroristen. Merke: Mit Anstand kommt mann nicht mehr weit Heutzutage !

  • Christian Kummer am 27.01.2009 17:24 Report Diesen Beitrag melden

    repression etwas neues?

    die repression der ordnungshüter gegen demonstrantInnen, die von ihrem recht der freien meinungsäusserung gebrauch machen, ist absolut nichts neues. auch letzten samstag in solothurn. wieso hat es da nicht so hohe wellen geworfen?

  • Räuber Hotzenplotz am 29.01.2009 09:33 Report Diesen Beitrag melden

    Schande über das ganze Bundeshaus

    Einmal mehr zeigte uns die Bundesbern Politiker Ihr wahres Gesicht. Wirtschaft ist wichtiger als die freie Meinungsäusserung und das Recht eines ganzen Volkes auf Selbstverwaltung. Dieser Tag geht für mich als "Schande von Bern" in die Geschichte. Ich kann es im besten Willen nicht verstehen...

Die neusten Leser-Kommentare

  • informi am 03.02.2009 13:04 Report Diesen Beitrag melden

    das problem china tibet ist nicht unser

    alle jammern und sind gegen die chinesen aber trotzdem profitieren alle von den chinesen wollen mal schauen wenn die chinesen als touristen oder als export land wegfiele wieviele dann jammern würden

  • Ernst Bühlmann am 03.02.2009 00:44 Report Diesen Beitrag melden

    Wir warten auf das Parlament

    Wann gedenkt die Bundesversammlung, diesem Chaos und Trauerspiel endlich ein Ende zu bereiten? Sie haben diese Typen gewählt, sind somit Mitschuldig am Niedergang der Schweiz !! Auch Feige & Korrupt ?

  • Hans Zemp am 02.02.2009 10:12 Report Diesen Beitrag melden

    Charakterlos wie immer der Bundesrat

    Die Bundesratsmarionetten hoffen auf ein Freihandelsabkommen mit den Chinesischen Schlächtern. Dazu sind ihnen alle Mittel recht. Vom Kotau bis zur Selbstverleugnung. Wenns nur Kohle für die Abzocker gibt. Der Souverän sollte sich bei jeder Abstimmung daran Erinnern.

  • Reto Lautner am 02.02.2009 10:02 Report Diesen Beitrag melden

    Bundesrat packtiert mit Mördern

    Ein Freihandelsabkommen mit den Chinesischen Massenmördern. Das möchte die Moralisch am Boden liegende Regierung abschliessen. Noch tiefer sinken geht kaum .

  • Peter Odermatt am 01.02.2009 20:52 Report Diesen Beitrag melden

    das alte Lied

    nach der Erfahrung vom letzten Besuch ist man (Bundesrat) erheblich über das Ziel hinausgeschossen, Beschämend was die Behörden da abgezogen haben. Ich schäme mich für eine Regierung ohne Rückgrat und klare Linie. Wie immer gehen die wirtschaftlichen Interessen über alles andere ..