Überhöhte Ticketpreise

13. November 2018 13:16; Akt: 13.11.2018 13:16 Print

«Ticket-Anbieter müssten prozessieren»

von B. Zanni - Zweithändler ziehen Kunden oft mit überrissenen Ticketpreisen über den Tisch. Ein IT-Rechtler sagt, was gegen den Graumarkt hilft.

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IT-Rechtsanwalt hält ein Verbot von Ticket-Zweithändlern für übertrieben. Die Konsumenten dürfe man nicht unterschätzen und für dumm halten, sagt er. «Sie können sich dank dem Internet sehr einfach über Preise informieren und Vergleiche anstellen.» Richtig absurde Ticketpreise fand man auf Viagogo erst vor wenigen Tagen. So verlangte der Ticketzweitverkäufer umgerechnet über 90'000 Franken Eintritt für eine Veranstaltung in London, an der Michelle Obama eine Rede halten sollte. Besonders absurd: Der ursprüngliche Ticketpreis beläuft sich auf rund 40 bis 160 Franken. Leser S. H.* wollte letzte Woche sechs Tickets für das Rammstein-Konzert in Zürich vom 16. November ergattern. Nachdem er bei Starticket keinen Erfolg hatte, suchte er einen anderen Anbieter. Auf Viagogo fand er schliesslich Tickets für 200 Franken pro Stück, die er sofort kaufte. Kurze Zeit später erhielt er eine Kaufbestätigung von Viagogo für einen Betrag von über 4930 Franken. Unter dem Slogan «Viagogo – NO GO!» schreibt der Circus Monti: «Lassen Sie sich nicht von massiv überhöhten Preisen und Buchungsgebühren täuschen.» Bis zu 20 Franken Gebühren pro Ticket soll Viagogo in die eigene Kasse fliessen lassen. «Viagogo ist ein Ticketanbieter, der ein Betrüger ist. Sie zahlen Google eine Million pro Jahr, damit sie in der Suchmaschine zuoberst sind. Wenn sie ihr Ticket-Kontingent verkauft haben, posten sie ‹ausverkauft› – was nicht wahr ist», sagt Komikerin Stephanie Berger in einem privaten Video. Zahlreiche Musikfans erhielten nach dem Ticketkauf bei Viagogo keinen Einlass zu den beiden Konzerten von Ed Sheeran im Hallenstadion. Im offiziellen Vorverkauf waren nur personalisierte Tickets verkauft worden. Die Tickets des Zweithändlers Viagogo waren folglich mit dem Namen des Erstkäufers versehen und wurden deshalb vor Ort als ungültig erklärt. Die Freude war gross, als die Spice Girls für nächstes Jahr eine Reunion und eine gemeinsame Tour ankündigen. Die Ernüchterung folgte vor drei Tagen, der Ansturm auf die Tickets war riesig und bald schon waren diese offiziell ausverkauft. Dafür tauchten sie auf Zweithändlerseiten wie Viagogo auf. Über Viagogo ärgern sich laut dem «Beobachter» momentan auch die Fans des Berner Fussballclubs Young Boys (YB). Viele von ihnen erhielten kein Ticket für die Champions League Spiele ihres Vereins. Die Fifa hat Viagogo angeklagt: Die Firma habe Tickets für das Eröffnungsspiel zwischen Russland und Saudiarabien verkauft – für mehr als das Doppelte des üblichen Preises. Bereits für den WM-Final 2014 in Rio soll Viagogo Tickets für rund 35'000 Franken verkauft haben.

Zum Thema
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Herr Steiger, das Ticketportal Viagogo verkauft Tickets zu massiv überhöhten Preisen. Ist das legal?
Ja. Das Prinzip von Zweithändlern ist immer dasselbe. Ein erster Anbieter verkauft etwas, worauf der Zweithändler ein Angebot zu einem mehr oder weniger hohen Preis wie denjenigen des Ersthändlers macht. In der Wirtschaft ist der Weiterverkauf von Dienstleistungen und Produkten alltäglich. So kann ein Weiterverkauf zum Beispiel auch positiv sein und zu besseren Angeboten führen.

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Haben Sie schon einmal überteuerte Tickets gekauft?

Ein Leser kaufte kürzlich auf Viagogo für ein Rammstein-Konzert sechs Tickets für total 1200 Franken. In der Tat hatte Viagogo ihm aber fast 5000 Franken von der Kreditkarte abgezogen, wie der Leser in der darauffolgenden Kaufbestätigung erfuhr. Ist der Kunde in solchen Fällen einfach selber schuld?
Nein. In diesem Fall kann unlauterer Wettbewerb vorliegen. Der Anbieter muss dem Kunden den effektiven Preis im Prozess von der Bestellung bis zum Verkauf transparent machen.

Was würden Sie dem Kunden raten?
An seiner Stelle würde ich einen Strafantrag wegen unlauteren Wettbewerbs stellen. Aber auch die Tickethändler könnten ihre Kunden besser schützen.

Wie?
Starticket oder Ticketcorner untersagen den gewerblichen Wiederverkauf in ihren Allgemeinen Geschäftsbedingungen zwar. Damit solche Verbote auch nützen, müssten die Anbieter Musterverfahren gegen die Zweithändler anstrengen, sobald ihnen Informationen zum Beispiel wegen unlauteren Wettbewerbs vorliegen.

Wäre ein Verbot solcher Geschäfte nicht am einfachsten?
Ein Verbot wäre übertrieben. Die Konsumenten darf man nicht unterschätzen und für dumm halten. Sie können sich dank dem Internet sehr einfach über Preise informieren und Vergleiche anstellen. Auch kann der Konsument von seinem Klagerecht Gebrauch machen. Man darf ausserdem nicht vergessen, dass manche Konsumenten bereit sind, für ein Ticket überrissene Preise zu bezahlen. Will jemand ein Ticket unbedingt, ist es unsinnig, die Person davon abzuhalten.

Wie könnte man den Graumarkt weniger attraktiv machen?
Am einfachsten gelöst wäre das Problem, wenn die Anbieter ihr Ticketangebot vergrössern würden. Die Anbieter sind aber selbst gefangen. Je mehr Tickets sie anbieten können, desto weniger können sie pro Stück verlangen. Konzerte würden für sie zu wenig rentieren. Personalisierte Tickets hingegen wären eine realistische Möglichkeit, um den Graumarkt zu unterbinden.


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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Alice am 13.11.2018 13:46 Report Diesen Beitrag melden

    Personalisierte Tickets

    Rammstein hat wieder mal bewiesen, dass auch personalisierte Tickets nichts bringen, man brauchte für den Ticketkauf sehr viel Geduld und Glück, längst konnten nicht alle ein Ticket ergattern. Die Personalisierten Tickets können gegen Gebühr ab April umgeschrieben werden, da bringt es leider auch nicht viel.

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  • Avenarious am 13.11.2018 14:11 Report Diesen Beitrag melden

    Xiao nao

    So gut ist keine Band oder Show, dass ich überrissene Preise zahlen muss. Wer mehr zahlt, soll das. Ist auch gut für die Wirtschaft. Die Dummen sind die, welche betrügen. Irgendwann kommt alles zurück, gell!

  • Ordnas am 13.11.2018 14:12 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wiegeht das?

    Wie kann es sein, dass diese zweitanbieter zu so vielen Tickets kommen? Es ist ja als Einzelperson schön schwierig an ein einziges Ticket zu kommen? Das zeigen bekannte Bands ja immer wieder,... innerhalb von Minuten ist alles weg. Wie kann es also sein, dass gewisse Firmen zu so vielen Tickets kommen, um dann kurz nach dem Offiziellen Verkauf anbieten zu können?

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Die neusten Leser-Kommentare

  • El Billete am 14.11.2018 14:44 Report Diesen Beitrag melden

    Beschneidung der Recht

    Mit dem Kauf eines Tickets, kauft man sich auch das Recht, darüber voll zu verfügen. Wenn ich es plötzlich nicht weiter veräussern dürfte oder es einfach jemandem schenken kann, egal wem, dann ist das Ticket auch nicht mehr soviel wert wie ursprünglich. Von mir aus personalisiert die Tickets, aber dann muss der Preis auch runter.

  • Advocatus Diaboli am 14.11.2018 09:01 Report Diesen Beitrag melden

    Personalisieren ja, aber...

    Personalisierte Tickets sind ja schön und gut, aber dann muss bei Verhinderung auch ein bedingungsloses Rückgaberecht mit minimalen bzw. ohne Bearbeitungsgebühren drin liegen. Und natürlich ohne, dass man vorher eine spezielle Versicherung oder dergleichen abschliessen muss. Ansonsten bringt der ganze Spass auch nichts.

  • Andreas Gertsch Grover am 14.11.2018 05:22 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Veranstalter besitzen Sekundärplatformen

    Der wirkliche Grund wieso die grossen Konzertveranstalter sich einen Deut um eine Lösung scheren ist weil sie alle einen Sekundäranbieter besitzen der massiv Geld macht. Live Nation (einer der grössten Konzert/Event-Veranstalter weltweit) besitzt ticketmaster/Ticketcorner und auch Seatwave. Natürlich wollen die lieber 5000 anstatt 1200. Und solange Leute es zahlen und Bands dabei mitmachen, wird sich nichts ändern. Technische Lösungen gäbe es allemal.

  • Daniel am 14.11.2018 00:02 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Direkt Verkau

    Darum finde ich es super das Massive Attack die Karten über ihre HP verkaufen. Besser geht es nicht.

  • Ewald am 13.11.2018 21:40 Report Diesen Beitrag melden

    Solala

    Nennt sich Angebot und Nachfrage