«Krankenkasse light»

24. März 2019 15:29; Akt: 24.03.2019 16:02 Print

Wer keine Chemo will, soll weniger Prämien bezahlen

Mit einer 100-Franken-Krankenversicherung soll die Prämienlast gemindert werden, fordert eine SVP-Nationalrätin. Der Vorschlag ist umstritten

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Die Krankenkassenprämien werden immer häufiger zur Schuldenfalle: Über sechs Prozent der Schweizer Bevölkerung lebt mittlerweile in einem Haushalt, der mindestens einmal die Prämien nicht bezahlen konnte. Das geht aus Zahlen der Schuldenberatung Schweiz hervor. «Vor allem der Mittelstand leidet stark unter den hohen Krankenkassenprämien», schreibt die Luzerner SVP-Nationalrätin Yvette Estermann in einer Motion, in der sie eine «Krankenkasse light» fordert. Das berichtet die «Zentralschweiz am Sonntag».

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Diese Krankenkasse hätte einen stark eingeschränkten Leistungskatalog. Nur wer von vorneherein auf teure Eingriffe verzichtet, soll weniger Prämien bezahlen müssen. Kosten für Notfälle und lebensrettende Massnahmen sollen zwar abgedeckt sein., aber weder Chemotherapie bei einer Krebserkrankung noch eine allfällige Organtransplantation wären in der Grundversicherung abgedeckt.

«Viele Menschen wollen und brauchen keinen solch umfangreichen Leistungskatalog. Da sie nicht bei jeder Grippe zum Arzt rennen, sollen sie mit tieferen Prämien belohnt werden. Höchstens 100 Franken soll eine entsprechende Versicherung kosten», so Estermann zu 20 Minuten. «Um die heutigen Prämien bezahlen zu können, sparen viele beim Essen oder bei den Ferien – das kann doch nicht sein.»

Therapien nur für Reiche

Für die CVP-Nationalrätin Ida Glanzmann öffnet der Vorschlag von Estermann der Zweiklassenmedizin Tür und Tor: «Der Solidaritätsgedanke wird ausgehöhlt. Therapien gibt es so nur noch für Reiche.» Dass gerade jüngeren Personen, die wenig zum Arzt gehen, billigere Prämien versprochen werden, sei fatal.

Glanzmann sagt: «Was, wenn diese Personen wirklich krank werden? Muss dann der Steuerzahler einspringen oder lassen die Krankenkassen diese Patienten einfach sterben?» Bei den Prämien dürfe nicht auf dem Buckel des Patienten gespart werden.

«Kategorische Ablehnung»

Kritik äussert auch der Gesundheitsökonom Heinz Locher. Der Vorschlag von Estermann sei «kategorisch abzulehnen». Die SVP habe bereits gefordert, Asylsuchende und Sans-Papiers in einer separaten Krankenkasse mit reduziertem Grundleistungskatalog zu versichern.

«Diese Art der Apartheidmedizin hat in der Schweiz nichts verloren», echauffiert sich Locher. Der SVP fehle der Mut, zu sagen, was sie wirklich wolle: «Nämlich die Abschaffung des Krankenkassenobligatoriums.»

(dk)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Yvonne am 24.03.2019 16:03 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    So ei Wahnsinn

    Wer kann schon zum Vornhinein entscheiden dass er nie eine Chemo will? Ich lebte gesund, ohne Laster, fühlte mich gut, bis 45 . Da bekam ich Krebs. Meine Kinder waren in der Pubertät. Sollte ich da auf Therapie verzichten? Ich lebe jetzt seit 4 Jahren mit dieser Krankheit, habe das 2. Mal Chemo, aber ich lebe und erlebe meine Kinder; Konfirmation, Matura etc.

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  • Barbara S. am 24.03.2019 16:01 Report Diesen Beitrag melden

    Aha ...

    wer weniger Prämie bezahlen möchte oder kann "unterschreibt" bei z.B. Krebs das Todesurteil resp. das Umfeld inkl. Arbeitgeber/Unternehmen leidet unter der fehlenden Möglichkeit der wirtschaftlichen Genesung von Patienten? Sorry, klingt für mich echt nach: "entweder Du hast Geld oder es tut mir leid für Dich". Nein Danke!

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  • Caro Zürcher am 24.03.2019 16:08 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Lasst sie einfach liegen

    ach, die z. B. 30-jährige Mutter zweier Kinder stirbt dann einfach, weil sie Chemo nicht angekreuzt hat... sie hatte nicht erwartet mit 30 Krebs zu bekommen.. oder wie? So etwas kann man doch erst entscheiden, wenn man damit konfrontiert wird. Nur noch gut betuchte dürfen gesund werden. Solche Massnahmen führen in eine Katastrophe und in unzählige menschliche Tragödien.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Karina am 27.03.2019 14:28 Report Diesen Beitrag melden

    Gäbe bessere Ideen

    Sollte eher heissen wer keine Kinder will zahlt weniger. Oder wer keinen Risikosport ausübt zahlt weniger. Wer nicht Ski fährt usw. Im Modulsystem aufgebaut. Fände ich super. Aber das mit der Chemo ist schon schwer daneben.

  • Mike Müller am 27.03.2019 10:22 Report Diesen Beitrag melden

    So eine Unverschämtheit zu erwarten das

    jemand ein paar Tage Ferien opfert für die Gesundheit "Um die heutigen Prämien bezahlen zu können, sparen viele beim Essen oder bei den Ferien das kann doch nicht sein" Nein wie kann man auch nur erwarten dass jemand für seine Gesundheit auf ein paar Ferientage verzichtet. Also so eine böse Forderung. Ich zahle auch nicht gerne jedes Jahr mehr und auch wir müssen schauen dass wir die Prämien für die Familie bezahlen können aber für was soll man denn sonst wichtiges Geld ausgeben, wenn nicht für die Gesundheit?

  • Tintilia am 26.03.2019 19:54 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Dachschaden.

    Dachschaden! Die SVP hat einen Dachschaden. Mit solchen Schnapsideen daherkommen und sich dann wundern, das die WählerInnen abspringen?

  • Miggi am 26.03.2019 14:04 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wo liegt der Hase begraben?

    Das sollte man noch erweitern:wer keine Blutwäsche macht ,bekommt jede Woche eine Flasche Wei. Blinddarm selber entfernen wird mit zwei Spülen Bindfaden belohnt.Wer den grauen Star nicht operiert erhält einen Blindenstock. Jeder Arzt der pro Jahr fünfzig Prozent weniger Patienten behandelt erhält eine fetten Prämie. Jeder Chefarzt der sein Spital schliesst erhält ein fettes Gehalt bis zum Lebensende. Man könnte noch so viel machen was die Prämien senken würde ,nur nicht bei den überhöhten Medikamenten Preise oder den hohen Salären der Krankenkassen Bosse .Die sind tabu.

    • Mike Müller am 27.03.2019 10:38 Report Diesen Beitrag melden

      Wenn überhaupt müsste man den Vorschlag

      umkehren. Wer eine leichte Grippe Verstauchung Prellung und und und hat zahlt wenn er zum Arzt geht die 1 Sitzung selber. Muss er behandelt werden zahlt die Kasse. Dann bittet man die Richtigen zur Kasse. Die die wegen jeder Kleinigkeit den Arzt konsultieren. Dazu müsste dann der Arbeitgeber den Arzt bezahlen wenn er von seinen Mitarbeitern verlangt nach dem x ten Tag ein Attest zu bringen. Ich denke man kommt so nicht auf CHF 100 aber man würde dann das Märchen aus der Welt bekommen das die die wegen jeder Grippe zum Arzt rennen an den hohen Kosten schuld sind. Die fallen an anderer Stelle an

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  • hgf am 26.03.2019 09:13 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ich gehe davon aus...

    ... dass man da noch bei diversen anderen Behandlungen im voraus entscheiden kann. Bspw. Reha: Die lebensrettenden Massnahmen auf der IPS werden dann bezahlt, eine anschliessende Reha um wieder selbständig(er) zu werden bzw. Folge-Operationen o. ä. wird verweigert, da nicht versichert. Braucht der Patient dadurch bspw Dauerbetreuung, muss ja wohl jemand dafür aufkommen. Nur nicht die KK. Es ist mir unverständlich, wie eine Politikerin so einen Vorschlag machen kann einzig auf Basis eines völligen Klischeedenkens. Sie scheint über ein sehr geringes (medizinisches) Wissen zu verfügen. Leider!

    • Paul G. am 27.03.2019 07:19 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @hgf

      Frau Estermann ist eine Alternativmedizinerin ( Homöopathie u.a.) . Also was erwartest Du? Sie will Leistungskatalog ad absurdum beschneiden, wirksame, lebensrettende Therapien abschaffen aber dafür ihre " Kräuterparamedizin" drin lassen. Man stelle sich vor ein 20 Jähriger, naiver Mensch fällt drauf ein, verzichtet auf die Chemotherapie und mit 25 bekommt er Hodenkrebs.... mit Chemo gut heilbar.. aber er darf keine Chemo erhalten.. es sei denn er bezahlt selber... oder bezahlt diese Estermann dann für ihn? Oder müssen Steuerzahler einspringen????? Ich wäre auf ihre Antwort neugierig.

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