Larissa (26) stirbt bei Unfall

02. April 2019 15:02; Akt: 03.04.2019 13:10 Print

«Für uns hat sich am 18. Januar alles geändert»

von D. Krähenbühl - Larissa Caviezel (26) starb, weil ein bekiffter Autofahrer beim Überholen frontal mit ihr kollidierte. Heute musste er vor dem Richter aussagen.

Heinz Caviezel, der Vater der beim Unfall tödlich verunglückten Larissa, sagt, wie er den Prozess erlebt hat. (Video: D. Krähenbühl / P. Stirnemann)
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Am Dienstagmorgen fand im Bezirksgericht Imboden in Domat/Ems der Prozess gegen P.F.* statt. Dieser erschien mit Turnschuhen und hellblauem T-Shirt vor Gericht. Der 1977 geborene Italiener war am 18. Januar 2017 noch vor Sonnenaufgang mit seinem Audi Q5 von Domat/Ems nach Chur unterwegs gewesen und bei einem Überholmanöver frontal mit einer Rollerfahrerin zusammengeprallt. Die damals 26-jährige Larissa Caviezel wurde 43 Meter weggeschleudert und erlag noch am Unfallort ihren Verletzungen.

Laut Anklageschrift war der damals 39-Jährige F. mit 115 statt der geltenden 80 km/h unterwegs. Der langjährige Cannabis-Konsument hatte zudem die dreifache Menge der erlaubten THC-Konzentration im Blut. F. hatte am Vorabend einen Joint geraucht.

Todeslenker: «Ich ging durch die Hölle»

Daher habe er wohl auch den entgegenkommenden Roller nicht gesehen, sagte er vor dem Richter. «Ich kann aber nicht sagen, dass ich ein schlechter Autofahrer bin», so F. weiter. Er sei an jenem Morgen unter Zeitdruck gestanden, da er das Auto aufgrund der Minustemperaturen «warm fahren» und «aus dem Tiefschlaf holen» wollte, da er seine Frau und zwei Töchter aufwecken und dann die Frau zur Arbeit nach Chur bringen wollte. Der Beschuldigte sprach mit leiser Stimme, wurde er vom Richter unterbrochen, rechtfertigte er sich andauernd. Er betonte, er habe selbst nicht allzu schöne Jahre hinter sich. «Ich ging durch die Hölle.»

Bekiffter Autofahrer soll ins Gefängnis

Der Richter liess sich nicht auf die Begründung ein. «Es ist nicht nachvollziehbar, wieso Sie wegen einigen Minuten Zeitersparnis ein derart waghalsiges Manöver wagten», sagte er. Der Richter betonte, dass der Cannabiskonsum entgegen den Aussagen des Beschuldigten F. wahrscheinlich eine grosse Rolle gespielt habe. «Es ist bekannt, dass man bei regelmässigem Cannabiskonsum praktisch nie in fahrtüchtigem Zustand ist», sagte auch der Staatsanwalt.

Dass F. behauptet, er habe die Rollerfahrerin nicht gesehen, sei eine reine Schutzbehauptung. So habe ein Gutachten gezeigt, dass F. beim Überholmanöver über sechs Sekunden Zeit gehabt hätte, das Motorrad wahrzunehmen. «Eine unglaublich lange Zeit», so der Staatsanwalt. Der Beschuldigte habe zwei Autos – einen Suzuki und einen Saab – überholen wollen, um seine fahrerische Überlegenheit zu zeigen, «koste es, was es wolle». Man dürfe das Verhalten von F. auch nicht als unverantwortlichen Leichtsinn abtun. «Er hat den Tod von Larissa in Kauf genommen.»

Sechs Jahre Gefängnis gefordert

In ihrem Plädoyer forderte die Staatsanwaltschaft daher eine Freiheitsstrafe von sechs Jahren und einer Geldstrafe in Höhe von 60 Tagessätzen à 90 Franken aufgrund eventualvorsätzlicher Tötung, qualifizierter grober Verletzung von Verkehrsregeln und Fahrens in fahrunfähigem Zustand. Von einem Landesverweis sehe die Staatsanwaltschaft ab, weil der Beschuldigte in der Schweiz aufgewachsen und Vater von zwei schulpflichtigen Kindern sei.

Der Verteidiger von F. forderte dagegen eine bedingte Freiheitsstrafe von 16 Monaten und eventuell eine Busse. Sein Plädoyer quittierten die Hinterbliebenen des Opfers mit Kopfschütteln. «Aus der Sicht der Familie wäre eine bedingte Strafe ein Schlag ins Gesicht», sagt der Anwalt der Opferfamilie. Es sei zumindest zu hoffen, dass F. nie mehr ans Steuer eines Fahrzeugs gelassen werde.

Notorischer Verkehrssünder

F. ist nicht zum ersten Mal in einen Unfall verwickelt. Seit einem Autounfall im Jahr 1997, bei dem eine Person starb, bezieht er aufgrund der Unfallfolgen eine 100-prozentige IV-Rente. Das hinderte ihn nicht daran, sich am 5. Juli 2002 ein Autorennen mit einem schwarzen BMW zu liefern. Ein entgegenkommendes Motorrad konnte im letzten Moment ausweichen.

Weil er für mehrere Verkehrsunfälle verantwortlich war, wurde der gelernte Maurer F. mehrmals verurteilt und musste viermal sein Billett abgeben. Die Taten gelten jedoch als verjährt und spielten im heutigen Gerichtsprozess keine Rolle. Wie der Verteidiger von F. anmerkte, habe dieser «keine Vorstrafen» und eine «weisse Weste».

Laut dem Gerichtspräsidenten zeigte ein psychologisches Gutachten, dass F. «impulsiv ungesteuert» sei und er sein «eigenes Fehlverhalten überwiegend externalisiert». Das heisst, dass er die Schuld bei anderen sehe. Für F. sei der Unfall gemäss dem Psychiater nicht seine Schuld, sondern «eine Verkettung unglücklicher Zustände». Im Gespräch habe er zum Ausdruck gebracht, dass der Unfall nicht passiert wäre, hätte die Rollerfahrerin «besser aufgepasst».

«Dass er meiner Tochter eine Mitschuld gibt, ist verletzend»

Heinz Caviezel schluckte bei dieser Antwort leer. Stoisch verfolgte der Vater der getöteten Larissa die Gerichtsverhandlung mit seinen Angehörigen und Freunden. Bei einigen Aussagen F.s schüttelte er den Kopf, einmal fuhr er sich über die Augen. Als er am Schluss der Verhandlung das Wort ergriff, wendete er sich an F. Dieser solle ehrlich sein und endlich Verantwortung für sein Handeln übernehmen. «Für uns hat sich an diesem 18. Januar alles geändert. Dass er meiner Tochter aber noch die Mitschuld am Unfall gibt, ist sehr verletzend.» Echte Trauer für das, was passiert sei, habe F. nie gezeigt. Caviezel hoffe daher auf eine möglichst hohe, unbedingte Freiheitsstrafe, um endlich Gerechtigkeit für Larissa zu erfahren.

Ganz zum Schluss entschuldigte sich der Beschuldigte: Er habe selber zwei Töchter. Noch jetzt denke ich immerzu an Larissa und ihre Angehörigen. «Ich will nicht jemandem anderes die Schuld geben. Ich habe immer behauptet, es ist meine Schuld. Es tut mir leid, was passiert ist. Aber es liegt jetzt nicht mehr in meiner Macht, das rückgängig zu machen.» Das Urteil wird am Mittwochabend eröffnet.

* Name der Redaktion bekannt