«Bildungsoffensive»

03. September 2019 11:10; Akt: 03.09.2019 11:29 Print

Türsteher sollen Kurse in Psychologie besuchen

von N. Knüsel - Private Sicherheitsleute sollen Kurse in Psychologie oder erster Hilfe besuchen müssen, findet die Gewerkschaft Unia. Dem Branchenverband geht das zu weit.

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Private Sicherheitsleute haben oft ein Rowdyimage. Der Grund sind Erfahrungen wie jene des 21-jährigen Nicola*: «Wir sassen zu dritt vor einem Club in Luzern und redeten. Der Security sagte uns, wir sollten flüstern. Wir hörten nicht wirklich auf ihn und verhielten uns in diesem Moment etwas provokant.»

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Sie hätten in normaler Lautstärke weitergeredet, worauf der Türsteher auf die Gruppe zugekommen sei. «Er fragte: ‹Findest du das lustig?›», erzählt Nicola. Der Mann habe dabei seinen Arm hinter dem Rücken gehalten. «Als er direkt vor mir stand, sprayte er mir aus 15 Zentimetern Entfernung unvermittelt Pfefferspray ins Gesicht.» Nicola machte eine Anzeige bei der Polizei. Der Türsteher habe eine Busse von mehreren hundert Franken zahlen müssen.

Im Schwitzkasten nach draussen geschleift

Auch der 20-jährige Elia* aus Zürich wurde schon unsanft aus einem Club in Winterthur befördert. «Ich war ein wenig angeschwipst und setzte mich auf ein Sofa, um mich zu sammeln.» Als er kurz die Augen schloss, kam laut Elia sofort ein Security auf ihn zu. «Er dachte, ich hätte geschlafen, und sagte, ich müsse den Club verlassen. Obwohl ich ihm zu vermitteln versuchte, dass das nicht stimme und ich noch bei Verstand sei.» Dennoch habe der Türsteher auf stur geschaltet. «Ich sagte ihm, er solle weggehen, und es sei wohl mein gutes Recht, meine Augen kurz zu schliessen», so Elia.

«Der Security fackelte nicht lange und nahm mich in den Schwitzkasten», erzählt Elia weiter. «Ich bekam keine Luft, also befreite ich mich und wurde ebenfalls laut.» Sofort seien zwei weitere Türsteher dazugekommen. Sie hätten ihn im Schwitzkasten nach draussen geschleift. Konsequenzen habe der Vorfall keine gehabt.

Und erst Mitte August prügelten in Langenthal BE an einem Volksfest private Sicherheitsleute auf einen Asylbewerber ein, der sich renitent verhalten haben soll. Die Gewerkschaft Unia fordert nun wegen solcher Fälle eine «Bildungsoffensive» für Mitarbeiter privater Sicherheitsfirmen, damit sie in Konflikten cooler reagieren. Konkret will sie laut der Zeitschrift «Work» etwa einen Mindeststandard für die Basisausbildung. «Diese braucht mehr Zeit und ein klares Programm, unter anderem mit Kursen in Psychologie, erster Hilfe und Waffenrecht», so Unia-Sprecherin Leena Schmitter.

Auch Türsteher in der Pflicht

Das soll nicht nur für die grösseren Sicherheitsfirmen gelten. Auch Türsteher, die gemäss Schmitter meist direkt bei den Clubs oder Bars angestellt sind, sollen sich besser bilden: «Die Unia ist grundsätzlich für einen Ausbau der Ausbildung. Die Tätigkeit der Sicherheitskräfte – egal wo – verlangt vielfältige Fähigkeiten und ist nicht ungefährlich.»

In den Verhandlungen zum neuen Gesamtarbeitsvertrag, der am 1. Januar 2020 in Kraft tritt, hätten die Arbeitgeber aber die allermeisten ihrer Forderungen abgelehnt, klagt die Unia.

«Gut Ausgebildete kosten etwas»

Man solle nicht von jedem Vorfall sofort allgemeine Rückschlüsse ziehen, sagt dagegen Matthias Fluri. Er ist Generalsekretär des Verbands Schweizerischer Sicherheitsdienstleistungsunternehmen (VSSU), zu dem der Grossteil der privaten Sicherheitsfirmen der Schweiz gehört. «Doch natürlich gibt es Fälle, in denen das Personal nicht so reagiert hat, wie wir uns das wünschen würden», sagt er. Das könne mit mangelhafter Ausbildung zusammenhängen.

«Wir haben grosses Interesse an einer guten Ausbildung des privaten Sicherheitspersonals», so Fluri weiter. Man biete seit Jahrzehnten einen Fachausweis an, und der Ausbildungskatalog sei erst kürzlich erweitert worden. Zudem habe der Verband Empfehlungen für die Basisausbildung auf seiner Website. Aber gut ausgebildete Leute kosteten auch etwas, sagt Fluri: «Leider kommt es bei Ausschreibungen – auch öffentlichen – vor, dass das Preisargument zu stark dominiert.»

Soll es eine Lehre geben?

Noch weiter würde L.A.* gehen, der seit 16 Jahren im Sicherheitsbereich arbeitet: «Von Türsteher über Einsatzleitung bis zu Personenschutz habe ich das meiste in dieser Branche schon einmal gemacht.» Er wünscht sich eine staatliche Ausbildung, am besten eine Berufslehre. «Derzeit setzt der VSSU sich selber die Standards, sie werden also von Privaten bestimmt.»

Die heute vorgeschriebene firmeninterne Basisausbildung von 20 Stunden sei sogar bei seriöser Ausführung das absolute Minimum, sagt der 37-Jährige: «Aber ich kann mir vorstellen, dass kleine Firmen das nicht machen.»

*Namen bekannt

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Jäni am 03.09.2019 11:23 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Eher andersrum

    Vielleicht sollten die Leute wieder mehr Anstand und Respekt gegenüber Sicherheitsleuten haben. Wenn man ermahnt wird und das anschliessend auch befolgt, hat man keine Probleme!

    einklappen einklappen
  • Ladieda am 03.09.2019 11:27 Report Diesen Beitrag melden

    Verstehe ich nicht

    Ich hatte auch schon diverse Begegnungen mit Türstehern, aber bei keiner hat mich der Türsteher angegriffen oder geschlagen. Und bei den Vorfällen bei denen die Türsteher eingreifen mussten, war der Einsatz von Gewalt immer gerechtfertigt und der Situation angemessen. Ich verstehe das Rumhacken auf diesen Leuten nicht. Ausserdem glaube ich keinem der mal eine von nem Türsteher gewischt gekriegt hat, dass er "gar nichts gemacht habe". Sicher gibt es schwarze Schafe auch unter Türstehern, aber wo gibts die nicht. Man kann auch alles überregulieren.

  • David am 03.09.2019 12:40 Report Diesen Beitrag melden

    Türsteher

    Nein sollen sie nicht, sondern die Clubbesucher sollen wieder etwas an Anstand und Respekt gegenüber dem Sichetheitspersonal und dem Club gewinnen. Ich arbeite selbst seit Jahren in einem Club im Kanton Zürich als Türsteher und die Menge an Respektlosigkeit die wir jeden Abend von vielen Gästen erhalten weil die glauben die dürfen sich alles erlauben, hat schon längst die Normalität überschritten. Da müssen sich diese Leute nicht wundern wenn hin und wieder eine härtere Umgangsform des Türstehers als Antwort kommt und dann müssen sie sicher nicht dem Türsteher alles anfechten.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Franks am 04.09.2019 13:40 Report Diesen Beitrag melden

    Genau

    ohne Studienabschluss hat man die Fähigkeiten die ein Türsteher braucht auf keinen Fall.

  • Marc. M am 04.09.2019 13:33 Report Diesen Beitrag melden

    Gesellschaftliches Phänomen

    Viele Leute haben heute einfach ein Problem im Umgang mit Respektspersonen und haben gelinde gesagt Mühe Ansagen folge zu leisten. Davon können viele Einsatzkräfte bis hin zum Bademeister ein Lied singen. Wieso auch immer wächst die Anzahl von Personen welche davon ausgehen, dass Regeln und Gesetze für Sie nicht gelten. Ein Club und das da zugehörige Gelände ist Privateigentum. Der Besitzer hat somit das Recht einen Gast ohne Angabe von Gründen vor dir Tür zur stellen. Der Clubbesitzer könnte diesbezüglich einen Gast der sich verweigert anzeigen wegen Hausfriedensbruch.

  • pat am 04.09.2019 13:13 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ich höre immer nur Türsteher...

    In unserem Business gibt es in der Schweiz inzwischen über 24000 Sicherheitsagenten die in verschiedenen Bereichen tätig sind... Das paar mehr als das gesamte Schweizer Polizeichor (rund 20000)... Klar gibt es auch schwarze Schafe in unserem Business wo gibts die nicht... Es gibt viele von uns die geben Herzblut in diesem Job, halten den Kopf hin, ihr Leben usw. für ein Taschengeld... Viele Auftraggeber wollen nichts mehr bezahlen... Der minimal Lohn ist zwischen 22 und 23 SFr. in Deutschland z.b. 7 bis 10 Euro... Das ist weniger als eine Putzfrau verdient... Der VSSU ist ein Witz wird von Mitglieder der Securitas geleitet... Zahlt viel Mitgliederbeitrag aber machen tun sie nichts... Ich bin der Meinung das wie in anderen Ländern vom Staat reguliert werden sollte... Vielleicht regelt sich dann gewisse Probleme von selbst...

  • Partyfreak am 04.09.2019 11:50 Report Diesen Beitrag melden

    oft Pfeifen

    die meisten Türsteher gehen oft über ihre Kompetenzen hinaus. Nicht selten mega arrogant und überheblich oder verweigern ohne Grund den Einlass. Wenn's dann mal "klöpft" dann liegen sie minutenlang am Boden. Discos und Lokale sollte Security-Leute einstellen, welche wirklich was drauf haben, und nicht solche die denken sie seien körperlich stark.

  • Skepticus am 04.09.2019 11:39 Report Diesen Beitrag melden

    Praxis

    Wenn schon gibt es spezielle Kurse wie man sich in aufgeladenen Situationen richtig verhält um die Situation zu entschärfen. Da gibt es verschiedene sehr gute Anbieter. So was würde für Sicherheitsleute schon Sinn machen, doch ein reiner Psychologiekurs bringt rein gar nichts.