Zu viel Stress?

24. Juni 2016 21:35; Akt: 26.06.2016 10:30 Print

Uni-Professor hält Studenten für Jammeris

von B. Zanni - Professor Jörg Rössel findet, dass Studenten keinen Grund haben, sich über zu grossen Druck zu beklagen. Das sehen deren Vertreter gänzlich anders.

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Sie hetzen von einer Vorlesung zur nächsten, dazwischen schreiben sie Arbeiten und Prüfungen. Völlig erschöpft schleppen sie sich zum Psychologen. Immer wieder stöhnen Studenten über ihr hartes Leben. Schuld soll das verschulte System der Bologna-Reform sein.

Umfrage
Sind die Studenten gestresst?
18 %
3 %
7 %
14 %
4 %
23 %
8 %
10 %
13 %
Insgesamt 7733 Teilnehmer

Der Zürcher Soziologieprofessor Jörg Rössel hat kein Mitleid mit den Studenten. Das Klagen sei blanker Unsinn, schreibt er in der Online-Ausgabe des Magazins «NZZ Campus». Studien würden belegen, dass heute gleich viel Zeit für das Studium aufgewendet werde wie früher. Sein Fazit: «27 Stunden Arbeitszeit tönt nach einem lässigen Leben.»

«Für alles braucht es eine Prüfung»

Studentenorganisationen widersprechen. Adrian Mangold, Präsident der Studentischen Körperschaft der Universität Basel, sagt: «Pro Woche beträgt der Aufwand mit Sicherheit mehr als 27 Stunden.» Schliesslich müssten die Studierenden für alles einen Leistungsnachweis in Form von Arbeiten oder Prüfungen erbringen.

Auch Simone Widmer, Geschäftsleiterin des Verbands der Schweizerischen Studierendenschaften, sagt: «Viele Studenten sind heute sehr gestresst.» Da das Bachelor- auf sechs und das Masterstudium in der Regel auf vier Semester beschränkt ist, werde in kurzer Zeit viel Stoff «reingebuttert». Lernen und daneben noch arbeiten oder sich freiwillig engagieren, sei schwierig. Christophe Aeby, Zentralpräsident des Schweizerischen Studentenvereins, berichtet: «Unsere älteren Mitglieder haben oft Mitleid mit ihren jungen Kollegen.» Sie würden dann sagen: «Unser Studentenleben war noch schön.»

Mit Lernen am Anschlag

Laut den Studenten-Vertretern müssen die Hochschulgänger viele Pflichtfächer belegen und teilweise für mehrere Fächer gleichzeitig Arbeiten und Prüfungen schreiben. «Es gibt einige, die Tag und Nacht am Lernen sind», so Simone Widmer. Aeby berichtet von Studenten, die beim Lernen an ihre Grenzen stiessen. «Sie wussten weder ein noch aus, weil der Prüfungsstoff pro Fach teilweise drei dicke Ordner füllte.» Auch der Leistungsdruck macht zu schaffen. Mangold: «Durch den Kampf auf dem Arbeitsmarkt reichen heute nur noch sehr gute Noten für die Chance auf einen Job.» Zusätzlich belastend sei, dass in den Studiengängen immer stärker selektioniert werde.

Das European Credit Transfer System mache das Studieren noch ungemütlicher. «Es könnte auch Punktesammeln genannt werden», sagt Widmer. Mangold spricht von einem wirtschaftlich ausgerichteten System vergleichbar mit den Coop-Superpunkten. «Wissen wird nur noch konsumiert.» Laut den Vertretern kommt die Zeit, sich mit einer Materie vertieft zu befassen, zu kurz. Widmer: «Dadurch besteht die Gefahr, dass viele Studenten Minimalisten werden.»

«Nicht jeder muss Wissenschaftler werden»

Jörg Rössel beharrt dennoch auf seinem Standpunkt. Die Ergebnisse verschiedener Studien im In- und Ausland würden übereinstimmen: «Man bräuchte sehr gute Evidenz, um diese Studien als falsch zu erweisen.»

Zudem ist er der Ansicht, dass die Studenten früher auch nicht öfter über den Tellerrand geschaut hätten. Sie hätten immer schon das getan, was für das Studium nötig gewesen sei. «Es ist gar nicht der Sinn eines universitären Studiums, dass am Ende alle Studierenden Wissenschaftler werden.» Recht gibt Rössel den Studenten aber in einer Sache: «Die Prüfungen könnten über einen grösseren Zeitraum verteilt sein.»

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Pascal am 24.06.2016 21:45 Report Diesen Beitrag melden

    Man muss differenzieren

    Nunja, kommt immer darauf an was man studiert. Soziologie würde ich nun eher nicht zu den "harten" Studiengängen zählen. Dafür eher Maschinenbau und Elektrotechnik

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  • Patrick am 24.06.2016 21:48 Report Diesen Beitrag melden

    Soziologe

    Naja, in der Soziologie hat er vielleicht recht. Der sollte aber mal bei einem anderen Studiengang vorbeischauen, bevor er verallgemeinert ;)

  • Nakedonthemoon am 24.06.2016 21:47 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Viel Stress!

    Die meisten Studenten haben zwischen 20-35 Lektionen Unterricht und haben Nebenjobs 20-40% (Migros, Starbucks, Aushilfe, was auch immer). Abends nach der Uni und dem Arbeiten muss noch gelert und vor/nachbereitet werden. Irgendwo hat man noch Familie und Freunde und andere organisatorische Dinge zu tun. Studenten haben sehr wohl viel Stress weil sie niemals abschalten können und mehr wissen müssen denn jemals zuvor. Studenten können am Abend nicht einfach vor den Fernseher sitzen und nichts machen...

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Die neusten Leser-Kommentare

  • selber Schuld am 25.06.2016 21:53 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    So en Seich

    Es hat sie niemand dazu gezwungen ein Studium zu beginnen. Wer ein Ziel vor Augen hat, sollte nicht jammern. Andere arbeiten bis zu 60 Stunden die Woche (wie mein Vater zB) Also höred uf chlöne vowege Stress, ziänd eues Ding dure oder lönds bliibe!

  • sandy am 25.06.2016 21:37 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Job

    stehe jeden tag um 5 Uhr auf und gehe um 22 Uhr ins Bett. sieben Tage die Woche. bin Mutter und Hausfrau. ..

  • Erre I. am 25.06.2016 21:36 Report Diesen Beitrag melden

    Wohl von sich auf alle geschlossen

    Wer sich erlaubt von sich auf den Rest der Menschen zu schliessen muss wohl solche zwanghafte Äusserungen von sich geben. Es sin dnicht alle Fakultäten gleich locker, denn z.B. ein Jus oder Soziologie Studium sind nicht zu vergleichen mit Architektur oder Ingenieurwissenschaften !!!

  • Peter am 25.06.2016 21:19 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Sicher kein bisschen mehr Arbeit

    Auch ich war mal Student. Wenn ich den Vergleich ziehe mit meinen Kindern, die momentan ihr Studium absolvieren, komme ich zum Schluss, dass sie kein bisschen mehr arbeiten müssen. Heutzutage wird fast alles mit dem Computer erledigt. Zu meiner Zeit wurde alles von Hand geschrieben und für Nachforschungen mussten wir uns von einer Bibliothek zur anderen begeben. Kein googeln vom gemütlichen Sessel aus. Dafür wurden wir nicht durch unnötige Medien (Facebook etc.) vom Lernen abgehalten.

  • Joachim am 25.06.2016 20:41 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Uni vs FH

    Zu der Uni/FH Diskussion finde ich nicht, dass das eine besser/schlechter oder schwieriger/einfacher ist. Ich kenne beide Seiten und würde sagen, dass das eine System dem einen Typ Mensch eher zusagt und das andere einen anderen Typen. Es gibt nun mal Leute, welche sich lieber mit Grundlagen auseinandersetzen, forschen, Dinge bis ins letzte Detail verstehen und nachvollziehen wollen. Andere wiederum schätzen das begleitete Studium mit praxisnahen Diskussionen in der Klasse und direkter Anwendung im Job. Es gibt FH Studenten die würden kläglich an einem Uni Studium scheitern und vice versa. Jedem das Seine.

    • Altherr am 25.06.2016 20:53 Report Diesen Beitrag melden

      @Joachim

      Exakt so ist es. Und in der Praxis braucht es beide Profile.

    • Fränzi Treier am 25.06.2016 22:39 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Joachim

      Gut gesprochen. Ebenfalls sollten wir froh sein, das ein Studium doch noch mit etwad Arbeit und Können verbunden ist. Sonst wäre ein Masterabschluss auch Nichts mehr wert wenn ihn Jeder ohne jeglichen Stress erlangen könnte. Kurz: Es ist richtig, dass es anspruchsvoll und in gewissen Phasen stressig ist. Jedoch sind die Themen sicher komplexer und tiefer als vor 80 Jahren, was man auch ruhig zugeben darf.

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