Nach Streik in Bern

07. Mai 2011 08:51; Akt: 07.05.2011 09:25 Print

Unia hat ein Problem mit der Frauenquote

von Ronny Nicolussi - Wenn es darum geht, für Frauenquoten in Firmen einzustehen, ist die Unia Spitze. Intern besteht derweil Aufholbedarf. Beim Streik in Bern könnte dies eine Rolle gespielt haben.

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Frauen haben in der Unia nicht viel zu sagen. Hier an einer Kundgebung gegen antigewerkschaftliche Kündigungen im Februar 2010. (Bild: Keystone/Lukas Lehmann)

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Ob Natalie Imboden in irgendeiner Funktion der Gewerkschaft Unia erhalten bleibt, ist offen. Die 40-Jährige hat sich wenige Tage nach ihrem Rücktritt als Regionalleiterin Bern noch nicht entschieden, wie sie auf Anfrage von 20 Minuten Online sagt. Die Unia-Geschäftsleitung will Imboden eine Stelle auf der Zentrale anbieten. Doch die Enttäuschung und der Vertrauensverlust könnten zu gross gewesen sein.

Was ist passiert? Seit Jahren kämpfen die drei Berner Unia-Sektionen gegen Mitgliederschwund. Dem Problem begegnen wollte Imboden mit einem Strukturumbau. Gewerkschaftssekretärinnen und -sekretäre sollten spezialisierter und fokussierter agieren. Während im Berner Oberland die Bemühungen erste Früchte zeigten, kam es in den Sektionen Bern und Oberaargau/Emmental zu Spannungen. Besonders der Berner Sektionsleiter Roland Herzog habe sich beratungsresistent gezeigt, so Imboden. Dabei verlor seine Sektion weiterhin Mitglieder.

Die Geschäftsleitung entschied deshalb in Absprache mit Imboden und ihrem Co-Regionalleiter, den 59-Jährigen von seiner Funktion abzusetzen und bis zur Pensionierung ins Zentralsekretariat zu versetzen. Dies löste sofort einen für Schweizer Gewerkschaften einmaligen Vorgang aus. Die Untergebenen des «Duke», wie Herzog wegen seines Nachnamens auch genannt wird, traten in den Streik. Dieser wurde immer stärker personalisiert und richtete sich zusehends gegen die Person Imbodens. Am Ende bewirkten die Duke-Anhänger, dass Herzog vorläufig im Amt bleiben darf und nur sukzessive seine Macht abgeben muss.

Alte Männer, junge Frauen

Natalie Imboden hingegen wurde von der Unia-Leitung alleine im Regen stehen gelassen. Auf Anfrage von 20 Minuten Online sagt sie: «Ich hätte mir einen anderen Ausgang des Konflikts gewünscht.» Anfang Woche war für sie klar, dass «in diesem vergifteten Klima» eine konstruktive Zusammenarbeit nicht mehr möglich ist. Dass es soweit gekommen ist, dafür macht sie den «roten Patriarchen aus dem letzten Jahrhundert» verantwortlich. «Es kommt immer wieder vor, dass Männer, die kurz vor der Pensionierung stehen, Mühe bekunden, sich etwas von einer jüngern Frau sagen zu lassen. Bei Herzog war das offensichtlich auch ein Problem.»

Dieser will den Vorwurf nicht auf sich sitzen lassen. «Mit Ihrer Meinung steht Imboden alleine da», so der Duke, «ich habe bestimmt kein Problem mit Frauen, sonst hätte ich sie nicht unterstützt, als sie 2008 für die Geschäftsleitung kandidierte.» Die Probleme zwischen der Sektions- und der Regionalleitung seien ganz andren Ursprungs gewesen. Wessen will Herzog jedoch nicht sagen: «Wir haben entschieden, die Vielfalt der Problematik intern zu regeln.»

Kaum Frauen in Führungspositionen

Intern heisst in erster Linie: unter Männern. Denn unabhängig ob beim Streit in Bern Sexismus eine Rolle gespielt hat oder nicht, dass Frauen in der Unia kaum Führungspositionen inne haben, schleckt keine Geiss weg. Mit dem Rücktritt Imbodens verbleiben die 14 Unia-Regionalleitungen praktisch in Männerhänden. Lediglich die Leitung in Neuenburg und eine Co-Leitung in Basel sind von Frauen besetzt. Noch desolater sieht es bei den 40 Unia-Sektionen aus. Dort können die Frauen in Führungspositionen an einer Hand abgezählt werden. Nur in der Unia Geschäftsleitung wird die vorgegebene Quote von 30 Prozent Frauen knapp eingehalten.

Hat ausgerechnet die Unia, die immer laut ist, wenn es darum geht, Frauenrechte und -quoten zu fordern, selbst ein Problem damit? Mitunter ja, räumt Fabienne Blanc-Kühn ein, die in der Geschäftsleitung für Frauenfragen verantwortlich ist: «Für junge Frauen ist es sehr schwierig, in Gewerkschaften Führungspositionen einzunehmen.» Sie ist überzeugt, je höher die Position, desto sexistischer das Umfeld. Allerdings sei das nicht ein ausschliessliches Problem der Gewerkschaften.

Noch nicht am Ziel

Das sieht auch Unia-Sprecher Nico Lutz so. Zudem findet er, dass sich bei einem Anteil von 20 Prozent Frauen unter den Mitgliedern, die Frauenquote bei den Angestellten durchaus zeigen lasse: «57 Prozent der 965 Unia-Angestellten sind Frauen, bei den Kadern sind es insgesamt 49 Prozent.» Bei den Regions- und Sektionsleitungen sei man hingegen tatsächlich noch nicht dort, wo man sein möchte, aber es werde einiges dafür getan, dass sich das künftig ändern werde. Für Natalie Imboden wird das zu spät sein.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Dirk am 07.05.2011 14:47 Report Diesen Beitrag melden

    Gut Ding will Weile haben...

    In ein paar Jahren ist die Gleichberechtigung garkein Thema mehr. Ich bin jetzt selber im Studium und habe den Aufstieg der Frauen in meiner Erziehung selber miterlebt. Frauen sind generell besser in der Schule, besser im Studium und könnten diese Energie sicher auch in die Arbeitswelt transportieren. Aktuell gibt es noch nachteile für Frauen, aber spätestens wenn "meine" Generation am Drücker ist, werden Frauen sicher ernst genommen und respektiert. Die ganze Herumschreierei (u.a. Quoten, welche schon vom Bundesgericht korrekt als Verfassungswidrig deklariert wurden) ist eigentl. überflüssig.

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  • Karin am 07.05.2011 10:38 Report Diesen Beitrag melden

    Bewunderung und Respekt den Frauen

    Ohne Quote gehts im Moment leider nicht. Weil die Männer ihre Posten hüten wie ihre heiligen Extremitäten und es aufgrund von Verlustängsten den Frauen so unbequem wie möglich machen. Ich jedenfalls hab den Nerv nicht, mich solch permanenten Erniedrigungen auszusetzen. Drum hab ich zig Angebote abgelehnt. Ich bewundere die Frauen und respektiere sie zutiefst, die sich in diesen patriarchalen Sumpf wagen und sich für eine fairere Welt einsetzen.

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  • Daniel am 07.05.2011 09:23 Report Diesen Beitrag melden

    Keine Frauenquote

    Eine Quote ist schädlich!

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Die neusten Leser-Kommentare

  • H.T. Sektionsvorstand Unia am 12.05.2011 11:58 Report Diesen Beitrag melden

    Befehlsgeberin Imboden

    Traurig ist, dass Natalie Imboden die Opferrolle als Frau einnimmt. Dies obwohl sie die demokratischen Strukturen der Gewerkschaft regelrecht umgehen wollte und ihre Position dazu missbrauchte und diese zwei besagten Sektionen sich nicht ihrer Macht orientierter Führung beugen wollten. Nicht nur die Männer sondern auch Frauen waren gegen Natalie, aber nicht weil sie eine Frau war sondern wegen ihrer Antidemokratischen Haltung. Sie wollte keine Zusammenarbeit, sondern das strikte Gehorchen der Sektionen. Nicht so in der Unia!

  • Nemo am 09.05.2011 15:24 Report Diesen Beitrag melden

    Unia ist ja SP

    Und wenn ich so an SP Frauen denke wie Lachenmeier, Fetz, Aslan und sonstige, da kann ich sehr gut verstehen, warum man solche nicht in der Führungsriege haben will. Resp. gebrauchen kann!

  • S.K. Regiovorstand Unia am 09.05.2011 13:35 Report Diesen Beitrag melden

    Herzog hat aus seinem Fehler gelernt

    Der einzige Fehler den Herzog gemacht hat, war Imboden in ihrem Vorhaben, in die Regioleitung gewählt zu werden, zu bekräftigen und zu unterstützen.Imboden ist der Beweis dafür, dass auch eine Frau, mit Macht in den Händen, nicht zwingend halt macht vor hinterhältigen Handlungen, wenn sie nicht bestimmte Charakterzüge besitzt. Weil Herzog immer noch daran glaubt, dass Frauen im Kader zu unterstützen sind, hat er Barbara Rimmel als seine Nachfolgerin gewählt. Nur hat er diesmal auch darauf geachtet, dass sie fair und aufrichtig ist, nebst ihrer Motivation und ihren Fähigkeiten.

  • dani am 09.05.2011 05:33 Report Diesen Beitrag melden

    Wer wird diskriminiert?

    Was soll denn das wieder, Frauen sind in der Arbeitswelt genug vertreten. Hört auf jetzt.

  • Hans Nötig am 08.05.2011 10:55 Report Diesen Beitrag melden

    UNIA wie andere, arme Schweiz

    Alle Politischen Organisationen sind gleich: Reden, versprechen, sich selber nicht daran halten... weshalb sollte UNIA da anders sein? Als Gewerkschaft sollte ja mal die Lohnentwicklung der 'Topleute' und des Durchschnittes ein Thema sein - man liest es... toll! Oban absahnen und es reicht mit allen Ausreden für unten für nichts mehr. Und die Krankenkassenprämien steigen...