Experte über Urteil

06. November 2019 20:05; Akt: 06.11.2019 21:25 Print

«Brians Daten deuten auf hohes Rückfallrisiko hin»

Die Richter schicken Brian alias «Carlos» in eine stationäre Therapie. Ein Forensiker sagt, was das für den Intensivstraftäter bedeutet.

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Am Mittwoch wurde das Urteil über Brian alias «Carlos» gefällt. Die Freiheitsstrafe von 4 Jahren und 9 Monaten wird zugunsten einer stationären Therapie aufgeschoben. Andreas Frei, Leitender Arzt der Psychiatrie Baselland, gibt eine Einschätzung zum gefällten Urteil. Brian musste sich vor dem Bezirksgericht Dielsdorf wegen 29 Delikten verantworten, die er in Strafvollzugsanstalten begangen haben soll. Dabei soll Brian im Gefängnis mehrmals Angestellte, Polizisten und Mitinsassen angegriffen, beschimpft und bespuckt haben. Der 24-Jährige muss sich deshalb wegen schwerer Körperverletzung, Gewalt und Drohung gegen Behörden und Beamte sowie Sachbeschädigung vor Gericht verantworten. Der auf zwei Tage angesetzte Prozess begann letzten Dienstag. Heute ist das Urteil gefallen. Bereits am ersten Tag Prozesstag war der 24-Jährige nicht anwesend: «Er war nicht bereit, ohne Gewaltanwendung zu kommen», sagte der Richter. Die Polizisten soll er in «Kampfposition» empfangen haben. Vor Gericht sagte ein Gutachter, er sehe eine sehr hohe Rückfallgefahr. Sowohl im Gefängnis als auch in Freiheit sei mit weiteren Gewaltdelikten zu rechnen. «Eine Therapie ist schwierig, aber möglich und nicht sehr wahrscheinlich.» Der Staatsanwalt fordert eine Freiheitsstrafe von 7,5 Jahren und eine ordentliche Verwahrung: «Es gibt keinen anderen Ausweg.» «Carlos» war durch einen SRF-Dokumentarfilm im Sommer 2013 landesweit bekannt geworden. Nach der Ausstrahlung entflammte eine hitzige Diskussion darüber, wie teuer die Behandlung junger Straftäter ist.

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Der Intensivstraftäter Brian, der als«Carlos» in der Schweiz bekannt geworden ist, wurde am Mittwoch vom Gericht der versuchten schweren Körperverletzung und zahlreicher weiterer Delikte für schuldig befunden. Er wurde zu einer Freiheitsstrafe von vier Jahren und neun Monaten verurteilt. Diese Strafe wird zugunsten einer stationären Therapie aufgeschoben.

Laut der Anklage hat Brian während seines Gefängnisaufenthalts 29 Delikte begangen und Angestellte, Polizisten und Mitinsassen angegriffen, beschimpft und bespuckt. Andreas Frei, Leitender Arzt der Psychiatrie Baselland, gibt eine Einschätzung zum gefällten Urteil.

Wie schätzen Sie das Urteil im Fall Brian ein?
Ich halte das Urteil für angemessen. Die Anordnung einer stationären Therapie (Art. 59, Ziffer 3 StGB) wird im Jargon auch kleine Verwahrung genannt. Diese kommt bei kritischen Fällen zum Zug. Und das trifft auf den jungen Straftäter Brian meines Erachtens zu.

Wann kommt er wieder frei?
Grundsätzlich sieht der betreffende Strafartikel fünf Jahre stationäre Therapie vor. Wenn Verbesserungen eintreten, kann ein neues Gutachten erstellt werden, was zu einer Verkürzung der Dauer führen kann. Allerdings ist in der heutigen Zeit mit dem extremen Sicherheitsdenken die Hürde sehr, sehr hoch, dass man wirklich rauskommt. Es braucht für einen Gutachter Mut, zu sagen, dass jemand sich stark gebessert hat und wieder entlassen werden kann. Deshalb wird diese Massnahme oft wiederholt.

Wie schätzen Sie die Therapie-Chancen für Brian ein? Bislang hat er jegliche Therapie verweigert.
Ich bin, ehrlich gesagt, kritisch nach dem Wissen, das ich über den Fall habe und aufgrund der Details der Begutachtung. Gewisse Prognose-Instrumente, die in solchen Fällen eingesetzt werden, sprechen nicht für eine baldige Verbesserung. In diesen Check-Listen werden Fakten aus der frühen Kindheit, das damalige Verhalten oder das Alter bei der ersten Straftat berücksichtigt. Die bei Brian bekannten Daten deuten auf ein hohes statistisches Rückfallrisiko hin.

Brian wurde immer und immer wieder straffällig. Wer hat hier versagt?
Ich weiss nicht, ob man hier von Versagen reden kann. Ich denke, es ist eine Verkettung von Umständen, die den Fall schwierig machen.

Wie läuft so eine Therapie genau ab?
Ich denke, Brian wird erst einmal in der Jusitzvollzugsanstalt Pöschwies bleiben. Dort wird versucht werden, eine Beschäftigung im Sinne eines Arbeitstrainings mit ihm durchzuführen. Dazu kommen Gruppengespräche mit anderen Straftätern, die gemeinsam einen anderen Umgang mit Mitmenschen üben. Oder man versucht, die schulischen Defizite aufzuarbeiten. Und natürlich stehen auch einzeltherapeutische Gespräche an. Ob in seinem Fall auch Psychopharmaka indiziert werden, kann ich nicht sagen.

Denken Sie, Brian wird einst nach der stationären Behandlung in Freiheit ein normales Leben führen können?
Wenn tatsächlich eine Verbesserung eintritt, ist vorstellbar, dass er einmal in eine andere Einrichtung kommt, wo er mehr Freiheiten hat. Moderne Therapieformen gehen immer ein bisschen in Richtung Trial and Error. Letztlich gehen die Richter aber davon aus, dass eine Besserung möglich ist, sonst wäre diese Massnahme nicht ausgesprochen worden. Aber der Weg ist lang.

(ihr)