Streitgespräch

22. August 2016 14:57; Akt: 22.08.2016 17:43 Print

Veganer gegen Karnivoren – das grosse Duell

von D. Waldmeier - 20 Minuten hat Proviande-Direktor Heinrich Bucher sowie den Veganer und Tierrechtler Tobias Sennhauser an einen Tisch gesetzt.

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Herr Sennhauser, was ist Ihr Lieblingsessen?
S.: Vegane Omeletten. Man kann sie süss machen oder salzig, das finde ich toll.

Und Ihres, Herr Bucher?
B.: Ich habe ein feines Ragout sehr gern, geschmort mit Pflaumen oder Zwetschgen und mit Polenta.

Was halten Sie von Sojageschnetzeltem Zürcher Art oder Fleischersatzprodukten wie veganen Würsten, Herr Bucher?
B.: Wenn die Leute diese gerne essen: kein Problem. Mich erstaunt aber immer, dass diese Produkte in Anlehnung an das Originalprodukt als «Würste» oder «Schnitzel» bezeichnet werden und dann auch noch so aussehen sollen. Da bevorzuge ich das Original, es schmeckt mir einfach besser.

S.: Wir sind in einer Gesellschaft aufgewachsen, wo es Würste, Schnitzel und Cordon Bleu gibt. Darum ist es naheliegend, dass man die Produkte zu imitieren versucht. Geschmacklich kommen sie nahe ans Original heran. Viele wissen aber auch einfach nicht, wie man Tofu richtig zubereitet, so dass es nach etwas schmeckt.

Sich vegetarisch oder vegan zu ernähren, liegt im Trend. Bereitet Ihnen das Sorgen, Herr Bucher?
B.: Derzeit wird viel über vegetarische Ernährung geredet, Detailhändler führen vegane Linien ein. Doch in den Konsumzahlen ist davon nichts zu sehen: Nach wie vor isst der Durchschnittsschweizer drei- bis fünfmal Fleisch in der Woche, im Jahr gut 50 Kilogramm. Ob es wirklich einen Trend gibt, wird die Zukunft weisen – ich mache mir keine Sorgen.

S.: Ich bin überzeugt, dass der Trend anhält und sich auch in einem Konsumrückgang niederschlagen wird. Die Leute, die jetzt vegan werden, sind jung und gut informiert. Einige werden ihre Ansichten in die Gesellschaft hineintragen.

Herr Sennhauser, was stört sie daran, dass Schweizer im Schnitt 50 Kilogramm Fleisch pro Kopf und Jahr konsumieren?
S.: Fleisch wächst nicht im Laden. Es kommt von Tieren, die ein kurzes Leben haben und schlecht gehalten, schliesslich getötet werden. In meinen Augen ist das eine riesige Gewaltkultur, die völlig unnötig ist, weil in einem Wohlstandsland niemand Fleisch braucht.

B.: Fleisch als Ausdruck einer Gewaltgesellschaft stelle ich entschieden in Abrede. Es stimmt nicht, dass man Tiere bei uns schlecht halten würde.

S.: Es gibt Mastanlagen mit bis zu 18'000 Hühnern, wo der Bauer am Morgen als Erstes die toten Hühner zusammensucht. Diese Poulet-Produktion wird den vielfältigen Bedürfnissen der Tiere in keiner Art und Weise gerecht. Sie wird vom Bund sogar noch subventioniert und als besonders tierfreundlich gelabelt. So werden die Konsumenten getäuscht. Das Tierschutzgesetz hält nicht, was es verspricht.

B.: Sie unterschätzen die Intelligenz der Konsumenten. Diese wissen sehr genau, wie die Tiere gehalten werden. Zudem gibt es Programme wie den Tag der offenen Ställe. Bei der Tierhaltung hebt sich die Schweiz klar vom benachbarten Ausland ab. Wir haben weltweit das strengste Tierschutzgesetz mit einem einzigartigen Standard in der Tierhaltung. Einzelfälle kann man immer kritisieren. Bei der angesprochenen Pouletmast etwa haben 92 Prozent einen Wintergarten. Das findet man sonst nirgends.

S.: Das klingt gut, auf die grüne Wiese können die Tiere deswegen aber nicht.

Herr Bucher, was halten Sie etwa von Webcams in Ställen, die dem Konsumenten zeigen, wie die Tiere gehalten werden?
B.: Tipptopp, digitale Medien sind eine weitere Gelegenheit, den Leuten aufzuzeigen, wie es in den Ställen aussieht.

Es gibt Forderungen, der Staat müsse den Fleischkonsum mit einer Fleisch-Steuer eindämmen – der Umwelt und der Gesundheit der Bevölkerung zuliebe.
B.: Wir haben verglichen mit dem Ausland bereits heute doppelt so hohe Fleischpreise. Würde das Fleisch weiter verteuert, würden die Leute einfach noch mehr im Ausland einkaufen. Zudem würde der Konsument bevormundet. Staatliche Massnahmen, die den Leuten den Menüplan diktieren, sind nicht statthaft.

Ist Fleisch zu billig, Herr Senhhauser?
S.: Ja, der Preis deckt in keinster Weise die tatsächlichen Kosten. Aus pragmatischen Gründen bin ich gegen die Fleisch-Steuer, weil sie in unserem Parlament nicht durchkommen würde. Mich erstaunt aber, dass Sie so kritisch gegenüber einer Lenkung durch den Staat sind, Herr Bucher. Immerhin ist Proviande wesentlich durch den Staat subventioniert.

B.: Wir bekommen vom Bund Mittel im Rahmen der Absatzförderung. Das ist ein politischer Entscheid.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) warnte vor rotem, verarbeitetem Fleisch. Zu Recht?
B.: Die WHO musste inzwischen zurückrudern. Ein Kausalzusammenhang zwischen dem Konsum von rotem Fleisch und einer höheren Krebsrate ist nicht bewiesen. Fleisch hat im Rahmen einer ausgeglichenen Ernährung seine Berechtigung – es ist ein Lieferant von hochwertigem Eiweiss, Vitaminen und Spurenelementen.

S.: Das sind die Standardargumente gegen die Studie. Aber es sieht tatsächlich so aus, als sei es gesünder, vegan zu leben. Das Einzige, was man supplementieren muss, ist Vitamin B12. Es besteht auch die Vermutung, dass pflanzliches Eiweiss gesünder ist als tierisches. Aber gesunde Ernährung muss natürlich ausgewogen sein – nur veganen Pudding sollte man nicht essen.

Herr Sennhauser, Sie wollen eine Welt ohne Schlachthäuser und befürworten Laborfleisch. Ist das eine echte Alternative zum Kotelett?
S.: Wenn die Psychologie recht hat, dass der Mensch ein träges Tier ist, das Gewohnheiten nur ungern ändert, dann kann kultiviertes Fleisch tatsächlich eine Alternative sein. In den nächsten fünf bis zehn Jahren wird es deutliche Fortschritte geben. Das Produkt wird deutlich billiger sein, frei von Antibiotika-Rückständen, ökologischer, und es müssen keine Tiere sterben. Und vielleicht wird es einst gar im Backofen gedruckt.

B.: Wir haben nichts gegen neue Produkte, die Entscheidung liegt beim Konsumenten. Ein Naturprodukt zu imitieren ist schwierig. Ich bezweifle darum, dass Laborfleisch so schnell kommen wird, vorher kommen noch eher Insekten. Nicht vergessen sollte man aber, dass zwei Drittel der landwirtschaftlichen Fläche in der Schweiz gar nicht für den Ackerbau taugen. Ohne Tierhaltung würde das Wiesen- und Weideland nicht mehr für die Nahrungsmittelproduktion genutzt und einfach verganden, was einer Verschleuderung hochwertiger Ressourcen gleichkäme.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • L.R. am 22.08.2016 15:05 Report Diesen Beitrag melden

    Erzählen

    Ich hab kein Problem mit Veganer oder Vegetarier. Aber was mich an denen nervt, ist dass sie das allen erzählen müssen. Ich erzähle den Leuten ja auch nicht wie gut mein Steak gestern geschmeckt hat. ;-)

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  • Realist am 22.08.2016 15:13 Report Diesen Beitrag melden

    Fleisch ist Natur

    Alle die das nicht in Ordnung finden (gute Haltung und adequate Schlachtung vorausgesetzt) haben schlicht keine Ahnung von der Natur. Die Natur ist viel brutaler.

  • Adrian am 22.08.2016 15:42 Report Diesen Beitrag melden

    Hört endlich auf.

    Gähn, mich langweilt dieses unsäglich langweilige Thema langsam. 1% (EIN) Prozent der Schweizer sind Veganer kommen noch 3 % Vegetarier dazu, aber die führen sich auf als müssten sie bestimmen was wir 96% Essen dürfen. Ich kanns nicht mehr hören. Warum müssen sich Veganer/Vegetarier dermassen aufspielen? Ich liebe Fleisch, am liebsten jeden Tag, mag aber auch Früchte/ Käsekuchen usw. Aber nur von Soja, Mandelmilch usw. ernähren mag ich mich nicht. Darum liebe Veganer/ Vegetarier lasst uns doch einfach mal in Ruhe, ihr seit keine besseren Menschen.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • President Camacho am 23.08.2016 22:01 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Fleisch ist mein Gemüse

    Und in drei Minuten ist mein Filet fertig gegart :-P

  • Bündner Mami am 23.08.2016 13:20 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Lebe wie du willst

    Leben und Leben lassen, bitte hört endlich auf mit dem Quatsch!!! Ich bin eine Fleisch Esserin und störe mich auch nicht an den Körnli picker, mir fällt einfach auf das die möchte gern Weltverbesserer uns Ihren Willen aufdrängen möchten, wir lassen sie aber in Ruhe.....

    • Remo Scholz am 23.08.2016 19:30 Report Diesen Beitrag melden

      Naja...

      @ Bündner Mami: Genau, hör endlich auf mit dem Quatsch - Leben und Leben lassen - dieser Meinung bin ich auch. Jedes Lebewesen will leben! Leider ist Ihre Meinung dann doch nicht so tolerant, wie Sie es gerne möchten - wenn Sie sich ernsthaft mit dem Thema Veganismus auseinandersetzen würden, wüssten Sie natürlich, dass wir viel mehr als nur "Körnli picken".

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  • Chääsbrötli am 23.08.2016 10:25 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Missionieren

    Wir haben einen Vegetarier in unserem Freundeskreis und wenn wir zusammen grillieren, dann klappt alles prima und wir haben eine gute Zeit. Warum das wohl so ist? Na weil wir ihm seinen Grillkäse machen lassen und er unsere Steaks. Leben und leben lassen sollten sich ein paar wiedermal ganz dick hinter die Ohren schreiben.

    • Erik McGregor am 23.08.2016 12:16 Report Diesen Beitrag melden

      Leben und Leben lassen

      Du sagst es ja selbst. Du lasst aber die Tiere nicht leben, wenn du sie isst.

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  • SaoiAebi am 23.08.2016 10:10 Report Diesen Beitrag melden

    David gegen Goliath

    Wie so häufig: David wirkt gegen Goliath immer sympathischer. ;-) Und wie in der Geschichte gewinnt auch hier David den (Argumentations)Kampf - allerdings nicht mit einer Steinschleuder, sondern mit den rationaleren, schlüssigeren Argumenten.

  • N.Bickel am 23.08.2016 10:00 Report Diesen Beitrag melden

    Ungleiche Diskusionen

    Grundsätzlich habe ich auch nichts Gegen Veganer oder Vegetarier aber Fleischproduktion ist nur Schlimm die Leute die Fleisch essen sind Mörder Vegan zu essen nicht.?..... ?Durchleuchtet doch mal genauer ,die Produktion von Soja und Co... Sterben da wirklich keine Tiere z.B. für die Produktionsfelder? Wird da wirklich nicht Boden von Leuten weggenommen . Wie viel Gift ec. braucht es bis das Vegischnitzel auf dem Teller landet?. Wenn Diskutiert wird ,dann bitte Fair!

    • katze am 23.08.2016 10:09 Report Diesen Beitrag melden

      N. Bickel

      Klar jedes Leben ob Vegan oder Fleischesser tötet, aber man hat die möglichkeit es so gering wie möglich zu halten :-) Das Problem ist, dass einige veganer einfach zu extrem sind in der Ausdrucksweise, das ist ihr fehler...aber das gleiche sehe ich auch bei den Fleischessern, die sind auch nicht immer besser :-)

    • J.Bracco am 23.08.2016 11:49 Report Diesen Beitrag melden

      Ungleiche Wahrnehmung

      Die grösste Menge an Soja wird immer noch von unseren "Nutztieren" gegessen, welche dann wiederum auf dem Teller landen. Als Fleischesser tötet man so indirekt nochmals mehr Tiere. Wenn diskutiert wird, dann bitte fair, da haben Sie Recht Herr Bickel.

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