Fonds eingerichtet

15. April 2014 17:17; Akt: 15.04.2014 17:25 Print

Verdingkinder erhalten finanzielle Soforthilfe

In der Schweiz leben noch heute tausende Menschen, die als Kind verdingt oder Zwangmassnahmen ausgesetzt wurden. Nun sollen die Betroffenen Hilfe erhalten.

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Opfer fürsorgerischer Zwangsmassnahmen können ab Juni Gesuche für Soforthilfe einreichen. Die Delegierten der Opfer und die Glückskette haben am Montagabend eine Vereinbarung unterzeichnet, welche die Details regelt. Damit ist der Soforthilfefonds offiziell geschaffen worden.

Betroffene können die Gesuche an Luzius Mader richten, den stellvertretenden Direktor des Bundesamtes für Justiz (BJ) und Delegierten für die Opfer von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen, wie das Bundesamt am Dienstag mitteilte. Ein Ausschuss des Runden Tisches, dem Betroffene und Fachleute angehören, prüft die Gesuche.

Ab September sollen die ersten Auszahlungen erfolgen. Soforthilfen werden an Personen ausgerichtet, deren persönliche Integrität durch eine fürsorgerische Zwangsmassnahme verletzt worden ist und die sich heute in einer finanziellen Notlage befinden.

Geste der Solidarität

Vorgesehen sind einmalige Beiträge in der Höhe zwischen 4000 und 12'000 Franken. Es handle sich nicht um eine Entschädigung, sondern um eine Geste der Solidarität gegenüber Personen, die besonders darauf angewiesen seien, hält das BJ fest.

Es geht um ehemalige Verdingkinder sowie Personen, die von den Behörden wegen «Arbeitsscheu», «lasterhaften Lebenswandels» oder «Liederlichkeit» in psychiatrische Anstalten und Strafanstalten eingewiesen wurden.

Dass ein Soforthilfefonds geschaffen wird, war bereits bekannt. Es handelt sich um einen Beschluss des Runden Tisches, den Justizministerin Simonetta Sommaruga einberufen hatte. Nun sind die Details geregelt. Die am Montag unterzeichnete Vereinbarung enthält präzise Richtlinien: Geld soll erhalten, wer die Voraussetzungen erfüllt, die auch für die Gewährung von Ergänzungsleistungen erfüllt sein müssen.

Beiträge von Kantonen

Der Ausschuss, der die Gesuche prüft, klärt jeweils auch ab, ob andere Möglichkeiten zur Verbesserung der finanziellen Situation ausgeschöpft worden sind. Sind die Voraussetzungen für die Leistung von Soforthilfe erfüllt, leitet der Delegierte das Gesuch mit einem positiven Antrag an die Glückskette weiter. Diese entscheidet formell über das Gesuch und nimmt die Auszahlung vor.

Der Fonds wird auf freiwilliger Basis durch die Kantone, Städte und Gemeinden, andere Institutionen sowie Private unterstützt. Einen wesentlichen Beitrag werden die Kantone leisten. Der Runde Tisch rechnet damit, dass ein Gesamtbetrag in Höhe von 7 bis 8 Millionen Franken zur Verfügung stehen wird.

Definitive Lösung geplant

Der Soforthilfefonds ist als Überbrückungshilfe bis zur Schaffung einer definitiven finanziellen Regelung in Form eines Solidaritätsfonds gedacht. Für diesen braucht es eine Gesetzesgrundlage. Weil deren Schaffung drei bis vier Jahre dauern wird und viele Betroffene bereits betagt sind, beschloss der Runde Tisch den Soforthilfefonds.

Mit Blick auf die definitive Lösung haben Betroffene im März eine Volksinitiative lanciert. Sie verlangen einen mit 500 Millionen Franken dotierten Wiedergutmachungs-Fonds.

Politischer Druck mit Volksinitiative

Luzius Mader sieht den Runden Tisch nicht als Konkurrenz zur Volksinitiative, wie er am Dienstag vor den Medien sagte. Die Initiative könnte politische Unterstützung bringen, wenn das Parlament über den Solidaritätsfonds diskutiere.

Was den Fonds betrifft, könnte sich Mader beispielsweise vorstellen, dass alle Opfer eine bestimmte Summe zur Aufbesserung der AHV-Rente erhalten. Viele der Betroffenen müssen sich mit einer minimalen Rente begnügen, da sie während der Administrativhaft nicht einzahlen konnten.

Entschuldigung des Bundesrates

Bereits verabschiedet hat das Parlament ein Gesetz, mit dem das Unrecht anerkannt wird. Darin wird auch der Zugang zu Akten und die historische Aufarbeitung geregelt.

An einem Gedenkanlass vor rund einem Jahr hatte Sommaruga die Opfer fürsorgerischer Zwangsmassnahmen im Namen des Bundesrats um Entschuldigung gebeten. Gleichzeitig setzte sie einen runden Tisch ein, der eine erste Aufarbeitung in Angriff nehmen sollte.

Fürsorgerische Zwangsmassnahmen sind im 20. Jahrhundert in der Schweiz gegen mindestens 20'000 Menschen angeordnet worden. Erst 1981 wurde die Praxis der administrativen Zwangsversorgung aufgrund einer Gesetzesänderung gestoppt.

(sda)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Leser am 15.04.2014 21:55 Report Diesen Beitrag melden

    Lächerlich wenig

    Das ist lächerlich wenig - man muss es so drastisch formulieren. Für kriminelle Jugendliche und gewisse andere Verbrecher werden, ohne mit der Wimper zu zucken, monatlich locker 20'000, 30'000 oder noch mehr Franken ausgegeben und die gleichen Politiker im gleichen Land wollen Opfer von staatlich geduldetem oder gar unterstütztem Missbrauch bloss gegen Gesuch und bei Armut mit einer einmaligen Zahlung abspeisen, die kleiner ist, als das, was man für viele Kriminelle im Monat ausgibt. Das soll mal einer verstehen.

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  • Edith Zelllweger am 15.04.2014 19:08 Report Diesen Beitrag melden

    Die Schweiz ein Schurkenstaat!

    Mein Vater wurde im Alter von 5 Jahren vom Schweizer Staat als Arbeitssklave an Bauern verkauft. Er wurde zusammengeschlagen und musste im Schweinestall schlafen und essen! Als sein Vater durch einen Unfall verstarb,bekamen er und seine Geschwister einige tausend Franken ausbezahlt. Alles aber auch gar alles wurde ihnen in der Verdingung gestohlen. Mein Vater hat später darüber zwei Tagebücher geschrieben. Eins musste ich mir per Anwalt erstreiten. Das zweite ist im Besitze des Kantons AG und die Behörden weigern sich,mir dieses auszuhändigen.

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  • Anonym am 15.04.2014 20:26 Report Diesen Beitrag melden

    Alptraum

    Bin bald 60 Jahre, werde meine Jugendzeit nie Vergessen, Vor ca 50 Jahren hätte ich Soforthilfe gebraucht. Wurde von meinen Eltern abgeschoben wie ein Stück Sch. wurde für x Arbeiten wie ein Maultier eingesetzt. Meine Jugendzeit war geprägt durch Schläge und Arbeit in fremden Familien. Meine Kindheit wurde durch tägliche Alpträume, Ängste, Bettnässen begleitet. In der Schule gab es von den Lehrern mangels Lernfähigkeit Strafen und Schläge in Hauf. Liebe Steuerzahler habt keine Angst, Euer Geld Interessiert nicht und schon gar nicht eine Entschuldigung von unsern Politiker.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Rick am 16.04.2014 10:27 Report Diesen Beitrag melden

    Hätte es sich um Ausländerfamilien

    gehandelt, wäre die Aufarbeitung zu einem Jahrhundertprojekt geworden. Mit der SP als an vorderster Front...und das Ausland hätte natürlich auch mit dem Finger auf uns gezeigt. Aber so ist das Leben. Es ist nicht entscheidend dass etwas verbrochen wurde, sondern wer, wie davon profitieren kann....

  • Beobachter am 16.04.2014 09:31 Report Diesen Beitrag melden

    Wo sind die Bauern?

    Der schweizerische Bauernverband will sich finanziell nicht beteiligen (stand in der Zeitung). Die Bauern haben von den Verdingkindern profitiert, sie haben sie ausgenutzt bis hin zum Missbrauch, aber die viel zu grosse Bauernlobby im Bundeshaus und in den Verbänden, sind sich keiner Schuld bewusst. Die Bauern hätten die Chance ein Zeichen zu setzen, finanziell oder/und ein markantes Denkmahl für die Geschundenen in Bundesbern zu spenden, damit die Opfer oder auch Helden wie Adrian von Bubenberg oder Andere für ewig in Erinnerung bleiben.

  • Susanne Weiss am 16.04.2014 09:25 Report Diesen Beitrag melden

    Was soll die Diskusion

    Es ist eine Frage der Ehre, dass diese Menschen entschädigt werden. Die eigentlichen Drahtzieher können sich glücklich schätzen, dass sie nicht in den Knast müssten, aber es waren ja nur Kinder und das auch nur aus Familien die ja eh nichts wert waren, nicht wahr.

  • Kariny am 16.04.2014 09:17 Report Diesen Beitrag melden

    Moderne Verdingkinder

    Es ist absolut schrecklich dass es sowas überhaupt gab. Aber die Geschichte sollte uns lehren, dass sich alles wiederholt. Hrite, 30 Jahre später gibt es wieder Verdingkinder. Jene, deren Eltern irgendwann durch eine Lappalie in die Maschinerie gekommen sind und unser Sozialromantikertum diese nicht mehr gehen lässt...... Oder Liebenden Eltern, die wegen einer Meinungsverschiedenheit die Kinder weggenommen werden! (Zb med. behandlungen)

  • Wähler am 16.04.2014 08:18 Report Diesen Beitrag melden

    Aus den Augen, aus dem Sinn

    Lieber Bund. Meine Vorfahren wurden im Circus Maximus den Löwen zum Frass vorgeworfen. Bekomme ich jetzt auch eine Entschädigung. Oder muss ich den Onkel Berlusconi fragen? Es ist so lächerlich, wie lange die Schweiz braucht, um sich zu entscheiden, ob oder ob nicht. Es wird solange zugewartet, bis der letzte Betroffene im Grab liegt. Voilà Problem gelöst. Wenn Politiker in der Schweiz Eier in der Hose hätten, brauchte man nicht 60 Jahre mit so was zuzuwarten.