Nach Influencerin Diaz

13. Januar 2020 04:54; Akt: 13.01.2020 07:56 Print

Vergewaltigungsopfer brechen ihr Schweigen

Nach Influencerin Morena Diaz trauen sich immer mehr Opfer von Vergewaltigung, ihre Geschichte zu erzählen. «Wir müssen darüber reden», sagt eine Expertin.

Bildstrecke im Grossformat »

Zum Thema
Fehler gesehen?

«Ich wurde vergewaltigt»: Mit diesen Worten machte Influencerin Morena Diaz auf Instagram publik, was sie bisher niemandem zu sagen getraut hatte. Sie löste damit eine schweizweite Debatte über das Tabuthema aus. Ihr Gang an die Öffentlichkeit bewirkte auch, dass zahlreiche weitere Vergewaltigungsopfer ihr Schweigen brechen. Bei 20 Minuten haben sich über 70 Frauen und Männer gemeldet, die ihre Geschichte aus ihrer Perspektive erzählen (siehe Bildstrecke). Sie geben den laut Schätzungen über 400’000 Betroffenen in der Schweiz eine Stimme.

Umfrage
Soll Vergewaltigung höher bestraft werden?

Diese Frauen brachen ihr Schweigen

«Je mehr Betroffene über ihre Erfahrung sprechen, desto mehr ermutigen sie damit andere, dasselbe zu tun», sagt Beat Gerber, Sprecher von Amnesty Schweiz. Es sei extrem wichtig, dass die Gesellschaft von den vielen Schicksalen erfahre und das Leid der Opfer anerkenne.

Viele Fälle würden totgeschwiegen und auch nicht angezeigt: aus Scham, aus Angst, den Tatbestand vor Gericht nicht zu erfüllen (siehe Box), oder weil man das Trauma verdrängen will. Auch Corina Elmer, Leiterin der Frauenberatung sexuelle Gewalt, sagt: «Es ist wichtig, dass die Betroffenen darüber reden können, wir hinhören und ihnen glauben.» Vergewaltigungen würden immer noch tabuisiert. «Dies lässt sich nur bekämpfen, indem man immer und immer wieder darüber redet.»

Unterschiedliche Schicksale

20 Minuten hat den Experten alle Fälle vorgelegt. Drei davon ordnet Corina Elmer ein. Sie sagt, was für Lehren aus ihrer Sicht Opfer, Angehörige oder Behörden daraus ziehen sollten.

Sandrina (19)

«Ich wurde als 13-Jährige von einem 14- und einem 17-jährigen Mitschüler vergewaltigt. Wir hatten uns immer gut verstanden. Als sie mich zu sich nach Hause einluden, stand einer der beiden auf und schloss die Tür ab. Ich hatte grosse Angst. Sie fingen an, mich auszuziehen und mich anzufassen. Ich schrie um mein Leben. Doch keine Hilfe kam. Ich fühlte mich so hilflos. Ich hatte solche Schmerzen, da ich noch Jungfrau war. Zu Hause stellte ich mich direkt unter die Dusche. Ich stand unter Schock. Als ich realisierte, was geschehen war, brach ich zusammen. Einer Freundin vertraute ich das Verbrechen an. Sie sagte nur, dass ich doch übertreiben würde. Von diesem Zeitpunkt an verschloss ich mich. Erst zwei Jahre später konnte ich es meiner Mutter erzählen. Eine Therapie half mir dabei.»

«Ich schrie um mein Leben. Doch keine Hilfe kam.»


Corina Elmer: «Mädchen und junge Frauen sind relativ häufig betroffen von sexueller Gewalt. Die 13-Jährige hat ihren Mitschülern vertraut. Sie fühlte sich möglicherweise wie gelähmt, ein sogenanntes «Freezing» trat ein. Viele Opfer haben nach einer solchen Tat starke Gefühle von Scham und Schuld. Manchmal können sie sich den Gewaltakt nicht einmal eingestehen. Deshalb schweigen sie oder verstummen ganz, wenn ihnen nicht geglaubt wird. Trotzdem geben sie versteckte oder offene Hinweise, gerade an Gleichaltrige. Dann ist es wichtig, dem Opfer zu glauben und es zu motivieren, sich Hilfe zu suchen.

Heinz* (48)

«Ich war 10 Jahre alt und kam von der Schule heim. Der Cousin meiner Mutter war mal wieder im Haus. Meine Mutter war Alkoholikerin und völlig besoffen. Der Cousin packte mich und vergewaltigte mich auf dem Küchentisch – im Beisein meiner Mutter. Ich vertraute mich kurze Zeit später meinem Vater an. Er gab mir eine Ohrfeige und sagte, dass ich nicht so einen Blödsinn reden solle. Das Gleiche musste sich auch meine Schwester anhören, nachdem sie vom Musiklehrer vergewaltigt worden war. Mit 35 Jahren brach ich den Kontakt zu meinen Eltern ab. Sie leugnen bis heute, dass ich und meine Schwester sexuelle Gewalt erfahren haben.»

«Mein Vater sagte, dass ich nicht so einen Blödsinn reden solle.»

Corina Elmer: «Das ist ein Fall von sexuellem Kindsmissbrauch, von dem auch Buben zu rund einem Viertel betroffen sind. Der Täter nutzte in diesem Moment die Schutzlosigkeit des Buben aus. Viele Täter haben dafür ein grosses Gespür. Der Cousin wusste, dass die Mutter nicht in der Lage war, ihren Sohn zu schützen. Auch der Vater glaubte seinem Sohn die Vergewaltigung nicht. Es kommt leider immer wieder vor, dass Eltern den Aussagen ihrer Kinder keinen Glauben schenken. Das verstärkt die Folgen der Gewalt für die Opfer und erschwert die emotionale Verarbeitung. Es ist die Verantwortung der Erwachsenen, die Hilferufe ihrer Kinder ernst zu nehmen und für ihren Schutz zu sorgen.»

Lara* (24)

«Ich hatte mit 17 Jahren laut ‹Nein› geschrien und mich gewehrt, aber der Bekannte war viel grösser und stärker. Nach der Vergewaltigung stalkte er mich, bedrohte mich und wollte mein ganzes Leben kontrollieren. Der einzige Ausweg war, eine Zeit lang ins Ausland zu gehen. Ich kam zurück, nachdem ich erfahren hatte, dass er nicht mehr in der Schweiz lebte. Obwohl sieben Jahre vergangen sind, kann ich Zürich-Altstetten nicht mehr betreten, ohne dass ich eine Panikattacke bekomme. Er hat mein Leben zerstört. Ich habe Anzeige erstattet, wurde aber nicht ernst genommen, die Polizei gab mir die Schuld. Das war das Schlimmste.»

«Der einzige Ausweg war, eine Zeit lang ins Ausland zu gehen.»

Corina Elmer: Panikattacken und Flashbacks sind häufige Symptome nach einem Trauma und als solche eine normale Reaktion auf ein abnormes Ereignis. Die Einvernahme bei der Polizei ist für die Opfer sehr belastend, und nicht selten führen die Auswirkungen kurz nach der Tat – etwa Erinnerungslücken oder Verwirrung – dazu, dass das Opfer fälschlicherweise als unglaubwürdig eingestuft wird. Daher ist es wichtig, dass Polizei wie Staatsanwaltschaft zu trauma- und opfersensiblen Einvernahmen geschult werden. Gerade im Falle einer Anzeige ist ein vorgängiges Gespräch mit einer Fachperson einer Opferhilfestelle von grossem Vorteil. Das Opfer wird über das Prozedere und seine Rechte informiert und ist so besser auf die Einvernahme vorbereitet.»

* Name der Redaktion bekannt


Hilfsangebote

Für Betroffene in der Schweiz gibt es zahlreiche Beratungsstellen und Hilfsangebote, zum Beispiel:
Opferhilfe Schweiz
147.ch (Hilfe für Jugendliche)

(jas/bz/pam)