10 Millionen Franken

30. Oktober 2017 16:23; Akt: 30.10.2017 16:23 Print

Verpuffen beim Milch-Marketing Steuergelder?

von D. Krähenbühl / P. Michel - Jährlich investiert der Bund Millionen von Steuerfranken in die Milchwerbung. Der Konsum sinkt trotzdem.

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Mit zahlreichen Aktionen versucht Swissmilk, der Branchenverband der Schweizer Milchproduzenten, der Schweizer Bevölkerung den Konsum von Milch schmackhaft zu machen. Da besonders Städter den Milchkonsum hinterfragen, verstärken die Milchproduzenten ihr Marketing nun in den urbanen Gebieten. Trotz der Marketing-Offensive mit den Millionen aus dem Steuertopf sank der Trinkmilchkonsum pro Kopf in der Schweiz in den letzten fünfzehn Jahren kontinuierlich: Von 84,4 Liter im Jahr 2001 auf 53,3 Liter im Jahr 2016. Auch der Bundesrat hielt in einem Bericht fest: «Trotz der 200 Millionen Franken, die seitens Produzenten und Bund in die Absatzförderung von Milchprodukten investiert worden sind, ist eine nachhaltige Wirkung in Bezug auf das Konsumverhalten nicht festzustellen.» Das ineffiziente Milchmarketing sorgt denn auch für Kritik. «Mit Steuergeldern Milch zu vermarkten, die offenbar von den Konsumenten immer weniger nachgefragt wird, ist Verschwendung», sagt Patrick Dümmler, Agrarexperte bei der wirtschaftsnahen Denkfabrik Avenir Suisse. Auch SP-Nationalrat Beat Jans sagt: «Tanzende Kühe sind lustig, bewegen aber niemanden zum Milchtrinken», sagt Jans. Reto Burkhardt, Sprecher von Swissmilk, verteidigt die Investitionen ins Milchmarketing. Trotz des sinkenden Trinkmilchkonsums würden die Gelder effizient eingesetzt: «Ohne unsere Bemühungen und Kampagnen wäre der Rückgang beim Milchkonsum noch viel stärker ausgefallen». Er sieht den Grund für die kontinuierlichen Abnahme des Trinkmilchkonsums bei der Kulturveränderung der Schweizer. «Der klassische Zmorge mit der Familie ist weniger wichtig geworden, man isst nicht mehr am Tisch, sondern unterwegs», sagt er.

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Werbespots im TV und im Kino oder Auftritte an Openairs und Sportanlässen: Mit dem Label Swissmilk macht der Verband Schweizer Milchproduzenten der Bevölkerung den Konsum von Milch schmackhaft. Da besonders Städter den Milchkonsum hinterfragen, verstärkt Swissmilk nun sein Marketing in den urbanen Gebieten, wie der «Schweizer Bauer» schreibt.

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Sollen Steuergelder ins Milchmarketing investiert werden?

Die bisherigen Bemühungen waren allerdings nicht von Erfolg gekrönt: Zwar erhielt Swissmilk im Rahmen von Massnahmen zur Absatzförderung und Kampagnen für Trinkmilch jährlich bis zu zehn Millionen Franken vom Bund. Trotz der Marketing-Offensive mit den Millionen aus dem Steuertopf sank der Trinkmilchkonsum pro Kopf in der Schweiz in den letzten fünfzehn Jahren kontinuierlich: Von 84,4 Liter im Jahr 2001 auf 53,3 Liter im Jahr 2016.

Trotz Werbung keine Änderung des Konsumverhaltens

Auch der Bundesrat hielt in einem Bericht fest: Trotz der 200 Millionen Franken, die in zehn Jahren in die Absatzförderung von Milchprodukten investiert worden sind, sei eine nachhaltige Wirkung in Bezug auf das Konsumverhalten nicht festzustellen.

Ein Teil der Gelder fürs Milchmarketing kommt neben dem Bund von den Landwirten selbst. Auch wenn ein Milchbauer nicht Mitglied von Swissmilk ist, muss er einen Beitrag von 0,5 Rappen pro Liter Milch für das Marketing abliefern.

Die Verwendung der Gelder sorgt denn auch für Kritik. «Mit Steuergeldern Milch zu vermarkten, die offenbar von den Konsumenten immer weniger nachgefragt wird, ist Verschwendung», sagt Patrick Dümmler, Agrar-Experte bei Avenir Suisse.

Es sei offensichtlich, dass sich die Konsumgewohnheiten verändert hätten. Für Dümmler dienen die Gelder, die im Rahmen der Absatzförderung vom Steuerzahler aufgewendet werden, dazu, die bestehenden Strukturen im Milchmarkt zu zementieren. «So wird der nötige Strukturwandel hinausgezögert.»

«Werbekampagnen nicht Sache des Staates»

Stossend ist laut Dümmler weiter, dass die Milchlobby auch die Bauern selbst zur Kasse bittet. So fliesse weiter Geld ab, das die Bauern besser in eigene, innovative Ansätze investieren würden. «Vereinzelt versuchen Bauern und ihre Milch-Genossenschaften, aus dem bestehenden Korsett auszubrechen», sagt Dümmler. Einige lancierten erfolgreich neue Käsesorten, Labels oder verkauften ihre Spezialitäten direkt an Konsumenten.

Auch SP-Nationalrat Beat Jans sagt: «Tanzende Kühe sind lustig, bewegen aber niemanden zum Milchtrinken.» Die Fördermittel sollten viel eher dazu genutzt werden, um das Projekt «Schule auf dem Bauernhof» auszubauen. Dieses will allen Kindern mehrmals in ihrem Schulleben die Gelegenheit geben, einen Bauernhof zu besuchen. «Werbekampagnen sind nicht Sache des Staates», findet Jans. «Würde man das Geld direkt den Bauern geben, hätten sie mehr davon.»

Schweiz als Grasland auf Ressourcen angewiesen

Reto Burkhardt, Sprecher von Swissmilk, verteidigt die Investitionen ins Milchmarketing. Trotz des sinkenden Trinkmilchkonsums würden die Gelder effizient eingesetzt: «Ohne unsere Bemühungen und Kampagnen wäre der Rückgang beim Milchkonsum noch viel stärker ausgefallen.» Zwar führe Swissmilk eine Erfolgskontrolle über die Marketingmassnahmen durch. Die Wirkung von Marketing zu messen, sei aber generell schwierig. Daher würde auch der Bund und externe Berater das Controlling überprüfen.

Burkhardt sieht den Grund für die kontinuierliche Abnahme des Trinkmilchkonsums bei der veränderten Esskultur. «Der klassische Zmorge mit der Familie ist weniger wichtig geworden, man isst nicht mehr am Tisch, sondern vermehrt unterwegs.» Burkhardt betont, dass die Schweiz als Grasland darauf angewiesen sei, diese Ressourcen auch zu nutzen – und dafür sei die Milchwirtschaft am besten geeignet. Da die Schweizer Milch somit zur Ernährungssicherheit beitrage und ein wichtiger Bestandteil einer ausgewogenen Ernährung sei, sei es wichtig, dass der Bund sich für die Absatzförderung starkmache.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Garry trinkt am 30.10.2017 16:30 Report Diesen Beitrag melden

    Sicher nicht notwendig

    ich kaufe meine Milch frisch vom Bauern. Dieser hat einen 24h Automat. Der Liter für Fr. 1.20 ist fast doppelt so teuer als im Discounter dafür weis ich von wo diese ist. Steuergelder für Milchwerbung sicher nicht.

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  • mine am 30.10.2017 16:30 Report Diesen Beitrag melden

    Ichauch

    Ich habe auch ein Produkt das ich verkaufen möchte. Wo sind meine Steuermillionen? Ich zahle auch 0.05 CHF für jedes verkaufte Stück :-)

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  • Point Man am 30.10.2017 16:32 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Milch und Zucht

    Ist auch Gut so. Der Menschliche Körper braucht keine Milch mit Ausnahme von Neugeborenen und Kälbli.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Komentarlesender Milchbauer am 31.10.2017 22:50 Report Diesen Beitrag melden

    Bei diesen Kommentaren fällt mir nur ein...

    Landwirtschaft ist die Kunst, Geld zu verlieren, während man 400 Stunden pro Woche arbeitet, um Menschen zu ernähren die denken, dass man sie Vergiften will.

  • Hildi am 31.10.2017 17:06 Report Diesen Beitrag melden

    Angebote nach Bedarf richten

    ...und nicht umgekehrt! Käse, Rahm, Butter besteht auch aus Milch, und wenn auch da der Bedarf sinkt, akzeptieren und neu orientieren. Weshalb soll etwas vermehrt konsumiert werden, nur weil es jemand verkaufen will? Viel zu viele lassen sich duesbezüglich eh schon durch Werbung manipulieren und einreden, was sie scheinbar brauchen.

  • triantas am 31.10.2017 15:51 Report Diesen Beitrag melden

    Konsum

    Tiere die nur zur Produktion leben, werden sogenannt lustig dargestellt. Das ist nicht lustig, es ist geschmaklos. Keine Kuh findet es lustig, nur um viel zu viel für den Menschen zu produzieren. Wenig Fleisch wenig Milch konsumieren. Das ist der einzig richtige Weg aus der Sackgasse. Was die Kuh nicht alles auf dem Pukel tragen muss ist unglaublich. Wir Konsumenten und Konsumentinnen steuern das Wohl oder das Leid der Tiere. Wir können mit dem Kauf etwas tun.

  • AntiSPE am 31.10.2017 13:57 Report Diesen Beitrag melden

    Ganz einfach:

    Nicht deine Mutter = nicht deine Milch. Lasst einfach die Tiere endlich in Ruhe! Widerlich dass ich Tierquälerei mit meinen Steuern mitfinanzieren muss!

  • Sonja W. am 31.10.2017 13:51 Report Diesen Beitrag melden

    Kein Mensch braucht eine andere

    Milch als die Muttermilch. Wenn also Bauern, Verarbeiter, Vermarkter inkl. Werbeagenturen und der Handel weiter auf Milch setzen wollen, dann sollen sie auch die Kosten selbst tragen. Milch und Milchprodukte sind eigentlich Luxusgüter, da sie der Mensch anerkannter Weise ja nicht zum Leben benötigt. Seit einer Ewigkeit geistern Halb- und Unwahrheiten über die Milch herum, welche von der Milchlobby kräftig gefördert werden.

    • Alerta am 31.10.2017 13:55 Report Diesen Beitrag melden

      @Sonja

      Bei Fleisch ist es leider haargenau so.

    • gesundie am 31.10.2017 17:55 Report Diesen Beitrag melden

      Kuhmilch mit Kälberwachstumshormonen

      Kuhmilch förder das Kälberwachstum mit Wachstumshormonen drin - ist das wirklich etwas, das erwachsene Menschen benötigen, um "gesund" zu bleiben? Hat es etwa deshalb soviele Kalbsköpfe da draussen?

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