Sexy Kleidung

07. Juni 2019 12:51; Akt: 13.06.2019 20:28 Print

Verraten Cheerleader den Feminismus?

von Zora Schaad - Cheerleader feuern an Sportevents in sexy Outfits die Fans an. Ihr Aufzug nervt Feministinnen. Doch was sie leisten, ist weit mehr als Po-Wackeln.

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Die Disziplin gross, das Röcklein kurz, das Shirt bauchfrei: Die Cheerleader des FC St. Gallen erfüllen das Klischee der vor allem auf Sexyness gestylten Tänzerinnen auf den ersten Blick total. In einer etwas versteckt gelegenen Halle in einem Industriegebiet in St. Gallen trainieren die rund 100 jungen Frauen und Mädchen (sowie ein Junge) in knapper Uniform ihre Choreografien, mit denen sie an Meisterschaften auftreten und an Heimspielen des FC St. Gallen die Zuschauer anfeuern.

Auf den Matten stehen auch vier junge Frauen der Green Lightning. Schon 15-mal hat das Senior-Team der St. Galler Cheerleader mit seinen akrobatischen Einlagen und Pyramiden die Schweizer Meisterschaften gewonnen. Was nach Leichtigkeit und Dauerlächeln aussieht, ist das Resultat harter Arbeit. Lorena Amno ist seit neun Jahren bei den Green Lightning dabei. Jeden Montag, Mittwoch, Donnerstag trainiert die 16-Jährige mit ihrer Gruppe. Die Choreos sind sportlich und technisch anspruchsvoll. «Zeit für andere Hobbys bleibt nicht mehr», so die 16-Jährige.

«Dass Kinder ihren Körper zur Schau stellen, ist problematisch»
Ein männlich dominiertes Publikum, das vor dem Einlaufen von Pompons schwingenden Minirock-Trägerinnen in Stimmung gebracht wird? Feministinnen wie Valérie Bolliger vom Schweizerischen Verband für Frauenrechte lässt allein die Vorstellung leer schlucken. «Indem junge Frauen in knappen Kleidern im Stadion die Fans anfeuern, damit die männlichen Fussballer vor einem möglichst frenetischen Publikum auflaufen können, werden sie in Rollenstereotype gedrängt, die einfach nicht mehr zeitgemäss sind.» Würden Männer Frauenteams auf die gleiche Weise bejubeln, würde man sie auslachen, ist sich die ehemalige Sportlehrerin sicher. Und: «Dass Cheerleader, oft Minderjährige und sogar Kinder, mit der sexy Uniform ihren Körper zur Schau stellen sollen, ist höchst problematisch.»

Die Kritik an ihrem Sport lässt Lorena kalt. «Uns interessiert nicht, was andere über uns denken. Jeden, der sagt, Cheerleading sei Popo-Wackeln und kein Sport, lade ich gerne ins Training ein», so die angehende Dentalassistentin im Video.

Lorena betont, dass allzu körperbetonte Bewegungen wie Twerken oder Hüftschwung explizit nicht zum Repertoire der Cheerleader gehören. Aufreizende Fotos der Frauen in der offiziellen Kleidung seien nicht erlaubt. Es ist nicht die einzige Verhaltensregel: Auch das Rauchen oder Trinken im Dress ist aus Image-Gründen verboten. Beim Verdacht auf Cannabis-Konsum können die Mitglieder zum Drogentest aufgefordert werden. «Fällt dieser positiv aus, werden die Frauen ausgeschlossen», sagt Andrea Meyer, Präsidentin des Cheerleader-Vereins. «Schliesslich sind wir Vorbilder.»

Sexy Outfits treffen auf prüde Moralvorstellungen
«Ich finde diese Verhaltensregeln irritierend: Auf der einen Seite werden die Cheerleaderinnen angehalten, ‹brave Mädchen› zu sein und sich prüden Moralvorstellungen zu unterwerfen. Auf der anderen Seite müssen sie Uniformen tragen, die mehr zeigen als verhüllen», sagt Gina La Mantia. Die Tessiner SP-Grossrätin führt in ihrem Kanton einen ähnlichen Kampf. Sie macht sich stark gegen die lokale Turnvereinigung, die für Frauen an Wettkämpfen knappe Outfits vorschreibt, für Männer dagegen auch lange Hosen erlaubt. Für die Tenues der Cheerleaderinnen hat La Mantia wenig übrig. «Der Minirock und das bauchfreie Top lenken von der sportlichen Leistung ab, die die jungen Frauen erbringen.» Problematisch finde sie dies, weil die Uniform Pflicht sei. «Das sorgt für Gruppendruck», ist sich die Politikerin sicher. «Weil ihnen das Cheerleading Spass macht, ziehen sich auch Mädchen und Frauen die Uniform über, die lieber nicht in solchen Kleidern auftreten würden.»

«Wer sagt, dass hautenge Kleider nur für Models sind?»
Kira Perez ist National-Assistenzchoach der Schweizer WM-Teilnehmerinnen. Die 29-Jährige kann die Vorurteile über ihren Sport nicht mehr hören. «Die Meinungen darüber, was sexy sind, gehen auseinander. Für uns sind bauchfreie Tops praktisch, weil wir auf nackter Haut weniger abrutschen als auf Stoff, wenn wir Pyramiden bilden. Auch flattern darf nichts, weil wir hängen bleiben könnten. Cheerleading gilt als eine der gefährlichsten Sportarten.» Sie betont zudem, dass die Teams bei den Uniformen variieren können. Lange Hosen und Bodys etwa gehören bei vielen Clubs zur Garderobe.

Und klar, die Outfits seien körperbetont. «Aber wer sagt denn, dass hautenge Kleider nur für Frauen mit Modelmassen gedacht sind? Cheeren dürfen alle, unabhängig von der Figur. Wir sagen den Frauen: ‹Das ist dein Sport. Das ist deine Uniform. Und du bist gut, so wie du bist.›»