Datenschutz

20. Oktober 2018 10:41; Akt: 20.10.2018 11:04 Print

Verschwinden bald die Namen bei der Klingel?

von Noah Zygmont - In unseren Nachbarländern werden zum Schutz der Privatsphäre Namensschildern bei der Klingel abmontiert. In der Schweiz ist der Name weiterhin Pflicht.

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In Wien beschwerte sich ein Mieter bei seiner städtischen Hausverwaltung «Wiener Wohnen» (die grösste kommunale Hausverwaltung Europas), dass er sich wegen seines Namensschildes an der Hausklingel in seiner Privatsphäre verletzt fühle. Die Verwaltung erhielt von der Stadt Wien die Information, dass die Verbindung von Nachname und Wohnungsnummer gegen die EU-Datenschutzverordnung verstossen. Der Zürcher Rechtsanwalt Martin Steiger, Experte für Datenschutzrecht, kann sich gut vorstellen, dass gefährdete Personen auch hierzulande gerne auf ein Namensschild bei Klingen und Briefkasten verzichten würden. Er denkt etwa an Opfer von Stalking. Heute ist ein Türschild rechtlich vorgeschrieben. Ein Verzicht hätte laut Steiger aber Nachteile: In einem Notfall hätten etwa Sanitäter Schwierigkeiten, eine Person ausfindig zu machen. Auch verbiete die EU-Datenschutzverordnung Tür- oder Klingelschilder nicht: «Es fällt rein gar nichts unter das Datenschutzrecht. Die Grundverordnung ist nicht auf Tür- oder Klingelschilder anwendbar.» Der Datenschutz werde durch solche Meldungen lächerlich gemacht. Wenn man auf einen Handzettel einen Namen schreiben würde, würde dies laut Steiger auch nicht unters Recht fallen. «Es ist keine Bearbeitung von Personendaten. Man muss nichts anpassen und sich grundsätzlich einfach besser informieren.» Fritz Tanner, Datenschutzbeauftragter des Kantons Thurgau, sagt: «Gefährlich wird es dann, wenn man aus dem Türschild auf weitere persönliche Eigenschaften schliessen kann.» In einem Alters- und Pflegeheim musste einmal ein Fall so verhindert werden: «Die Namen von Bewohnern wurden nicht aufgeführt, damit man vermeiden konnte, dass Informationen zum Gesundheitszustand der Betroffenen an Dritte kommen.» Das «Abdecken» der Türschilder ohne Anlass sei aber übertrieben – zumal sich Personen auch über Kennnummern identifizieren liessen. Monika Sommer vom Hauseigentümerverband Schweiz sagt gar: «Ich fände es ein Armutszeugnis für die Gesellschaft, wenn wir nur noch Nummern wären und keine Namen mehr hätten.»

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In Wien beschwerte sich ein Mieter bei seiner städtischen Hausverwaltung Wiener Wohnen (die grösste kommunale Hausverwaltung Europas), dass er sich wegen seines Namensschildes an der Hausklingel in seiner Privatsphäre verletzt fühle. Die Verwaltung erhielt von der Stadt Wien die Information, dass die Verbindung von Nachname und Wohnungsnummer gegen die EU-Datenschutzverordnung verstossen.

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Sie reagierte auf den Einwand und entfernte prompt bei allen 220’000 Wohnungen in Wien die Schilder. Neu gibts am Eingang Nummern statt Namen. Auch in Deutschland empfiehlt ein Immobilieneigentümer-Verband seinen 990’000 Mitgliedern, dass sie entsprechende Wünsche der Mieter berücksichtigen. Grund dafür sei ein allfälliger Verstoss gegen die EU-Datenschutzverordnung, wie «Zeit Online» berichtete.

Im Interesse von Stalking-Opfern?

Der Zürcher Rechtsanwalt Martin Steiger, Experte für Datenschutzrecht, kann sich gut vorstellen, dass gefährdete Personen auch hierzulande gern auf ein Namensschild bei Klingeln und Briefkasten verzichten würden. Er denkt etwa an Opfer von Stalking. Heute ist ein Türschild rechtlich vorgeschrieben.

Ein Verzicht hätte laut Steiger aber Nachteile: In einem Notfall hätten etwa Sanitäter Schwierigkeiten, eine Person in Not ausfindig zu machen. Auch verbiete die EU-Datenschutzverordnung Tür- oder Klingelschilder nicht: «Es fällt rein gar nichts unter das Datenschutzrecht. Die Grundverordnung ist nicht auf Tür- oder Klingelschilder anwendbar.» Der Datenschutz werde durch solchen Schwachsinn lächerlich gemacht. Auch wenn man auf einen Handzettel einen Namen schreibe, würde dies laut Steiger ebenfalls nicht unters Recht fallen. «Es ist keine relevante Bearbeitung von Personendaten. Man muss keine Schilder anpassen und sollte sich grundsätzlich besser informieren.»

«Wie würde sich der Pizzakurier bemerkbar machen?»

Fritz Tanner, Datenschutzbeauftragter des Kantons Thurgau, sagt: «Gefährlich wird es dann, wenn man aus dem Türschild auf weitere persönliche Eigenschaften schliessen kann.» In einem Alters- und Pflegeheim musste einmal ein Fall so verhindert werden: «Die Namen von Bewohnern wurden nicht aufgeführt, damit man vermeiden konnte, dass Informationen zum Gesundheitszustand der Betroffenen an Dritte kommen.»

Das «Abdecken» der Türschilder ohne Anlass sei aber übertrieben – zumal sich Personen auch über Kennnummern identifizieren liessen. Monika Sommer vom Hauseigentümerverband Schweiz sagt gar: «Ich fände es ein Armutszeugnis für die Gesellschaft, wenn wir nur noch Nummern wären und keine Namen mehr hätten.» Bei einer grossen Überbauung würden sich fehlende Beschriftung als riesiges Problem herausstellen: «Wie würde sich ein Pizzakurier zum Beispiel bemerkbar machen? Wenn man auf Besuch käme, müsste man sich via Handy anmelden», sagt Sommer.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Markus D. am 20.10.2018 13:08 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    weitere Punkt:

    ich will keine Autonummer mehr, fühle mich in meiner Privatsphäre verletzt, wenn ich von der Polizei eine Busse erhalte. Naja, der Pösteler kann diese ja eh nicht mehr zustellen, denn mein Briefkasten ist ja nicht mehr angeschrieben. Gats no???

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  • Heinz am 20.10.2018 12:58 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Bescheiden

    Wie bescheiden ist die Gesellschaft inzwischen geworden. Im Internet überall sichtbar (Twitter, Facebook) Einfahrt in eine Einstellhalle, usw. aber an der Klingel geht gar nicht.

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  • luc de luc am 20.10.2018 13:02 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schweiz Pflicht?

    Quatsch! Guckt mal die Briefkasten und Klingel wo die reichen wohnen. Sei es Bruderholz oder Züriberg. Da steht gar nichts.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • rene am 21.10.2018 14:25 Report Diesen Beitrag melden

    ich will das trikot mit nr 9!

    wie geil ist denn das? dann kennt man die nachbarn noch weniger. guten tag.. ich bin die nr. 9 aus dem 3ten.

  • herr türschlosser am 21.10.2018 13:52 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    datenschutz schwafel vs. türschwafel

    gut wäre wenn man die wahl hat.. anoym oder nicht.. eins muss ich dazu sagen.. mutwillige klingelei um 5 uhr morgens gezielt gegen jemanden gerichtet ist schon sehr nervend.. hier schon zwei oder dreimal passiert.. dann habe ich heute kaum noch besuch.. wenn es also klingelt ist es sicher etwas unangenehmes.. eingeschriebene.. aufdringliche sekten schwafler.. andere nervesägen.. ich frage mich schon.. denn wie gesagt wir reden nicht vom briefkasten.. sondern von der doofen klingel ! ich kann dabei wenig negatives erkennen

  • Thomas Eckert am 21.10.2018 13:50 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Datenschutz ad absurdum

    Ihr solltet mal meine neuen, datenschutzkompatibelen Visitenkarten sehen!

  • renato am 21.10.2018 13:16 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    gute idee

    für pizza und sanität ist eine nummer genauso einfach zu finden wie ein name - bei vielen namen wäre die nummer viel einfacher und der patient im notfall schneller gefunden. zudem müssten nie mehr neue namensschilder gemacht werden. kann mich mit der idee aus praktischen gründen durchaus anfreuden. das mit dem datenschutz ist aber quatsch!

  • Namen loser am 21.10.2018 13:08 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Absurdistan lässt grüssen

    Der Datenschutzwahn treibt mit zunehmender Geschwindigkeit Richtung Absurdistan. Nächster Schritt sind die namenlosen Individuen.