«Gastro Toilet Award»

18. Oktober 2014 22:38; Akt: 18.10.2014 23:47 Print

Versiffter Punk-Schuppen führt bei WC-Wettbewerb

Studenten einer Tourismus-Fachhochschule suchen für ihr Projekt die originellste Toilette im Schweizer Gastrobetrieb. Eine Punk-Bar mit vollgespraytem WC hat die Führung übernommen.

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Man mag es eine Scheissidee nennen – wortwörtlich gesehen zumindest. Studenten der Hochschule für Technik und Wirtschaft Chur (HTW) im Studiengang Multimedia Production haben im Frühlingssemester das Projekt «Gastro Toilet» ins Leben gerufen und Gäste dazu aufgefordert, Fotos von Toiletten in Wirtshäusern einzuschicken. Via Internetvoting soll so bis Ende Oktober das originellste, schönste oder skurrilste WC der hiesigen Restaurants gefunden werden. Die Idee entstand in einem Hotel, als während eines Meetings mit dem Medienpartner «Best of Swiss Gastro» alle Anwesenden völlig begeistert von der Toilette zurückkamen, erklärt HTW-Studentin Isabel Racine. Das Projekt sei toll angelaufen, viele Leute hätten sich mit einem Foto gemeldet.

In den Wettbewerb um den «Gastro Toilet Award» hat sich kürzlich nun aber ein vermeintlicher Aussenseiter gemischt, der für mächtig Unruhe sorgt: Der Punk-Konzertschuppen «Box Davos» hat ein Bild von seinem kleinen, schäbigen WC hochgeladen, dessen Wände über und über vollgesprayt, verkritzelt und mit Aufklebern verziert sind – und führt damit seit rund einem Monat mit über 10'000 Stimmen deutlich.

«Spuren für die Ewigkeit hinterlassen»

Jürgli von der «Box Davos» («Nachnamen interessieren in der Punksszene niemanden») rechtfertigt ihre Teilnahme folgendermassen: «Die Gestaltung unserer WCs hat rund 15 Jahre gedauert.» Hunderte Gäste hätten an diesen Wänden Hand angelegt. «Dies zuzulassen, ist ein bewusster und riskanter Akt.» Bei der «Box Davos» wolle man den Punkfans die Möglichkeit geben, Spuren für die Ewigkeit zu hinterlassen – dies sei ungewöhnlich in der heutigen schnelllebigen Zeit.

Doch das unkonventionelle WC der «Box Davos» hat nicht überall Anklang gefunden. Roland Köppel, der für die Auslosung verantwortliche Dozent der HTW, habe versucht, die Wettbewerbsteilnahme der «Box Davos» zu unterbinden, sagt Jürgli. Die «Box» sei rechtlich gesehen ein Verein und kein Restaurant – da die ABG aber besagten, dass nur Gaststätten Fotos hochladen dürften, gäbe es ein Problem, schrieb Köppel in einer E-Mail, das 20 Minuten vorliegt. Die «Box» antwortete: «Da muss ich euch leider enttäuschen, wir verfügen wie alle Beizen über eine Gastrobewilligung.» Dies sei der Website nicht zu entnehmen, entgegnete Köppel daraufhin, er wünsche ihnen jedoch viel Glück.

Manipulationsvorwürfe führen zu Streit

Doch damit war die Geschichte nicht vom Tisch: Von der Konkurrenz wurde das Punklokal wenig später des Betrugs bezichtigt. Sie hätten Stimmen gekauft, hiess es zwischen den Zeilen. «Wie ihr es geschafft habt, in nur einem Tag einen Vorsprung von fast 1000 Stimmen zu bekommen, ist uns ein Rätsel», schrieben Susanne und Angelo von der Segantini-Hütte, die zu der Zeit den zweiten Platz belegten.

Auch Jürgli war überrascht vom rasanten Anstieg der Votes: Er glaubt aber den Grund dafür zu kennen. Die «Box» hatte einen Teil des Mailverkehrs mit Roland Köppel auf ihrer Facebook-Seite veröffentlicht. Dass die HTW sie vom Wettbewerb ausschliessen wollte, habe heftige Reaktionen ausgelöst. «Viele haben erst recht für uns gestimmt.» Eine Manipulation streitet er ab. «Wir haben einfach viele Fans, sogar aus dem Ausland wurde für uns gevotet.» Der Streit mit der Segantini-Hütte konnte mit diesen Argumenten jedoch nicht beigelegt werden. Der Schlagabtausch zwischen den zwei Konkurrenten erstreckt sich in immer rüpelhafter formulierten Anschuldigungen über mehrere Mails hinweg, von denen regelmässig Auszüge auf der Facebook-Seite der «Box Davos» auftauchten.

Am achten Oktober gipfelte die Auseinandersetzung schliesslich mit dem Rückzug der Segantini-Hütte: «Von uns wollte eh niemand mehr richtig mitmachen. Klopft euch auf die Schulter – wir langen uns an den Kopf», schreiben Susanne und Angelo. «Hebet’s guet! Und denkt in einer Zeit, in der jeden Morgen von Horrorzuständen in der Welt berichtet wird, vielleicht einmal darüber nach, ob sei ein ‹Scheiss-Wettbewerb› wirklich so wichtig ist.»

Ziel erreicht

Dass der Punkclub mit seinem versprayten WC auf derart starken Widerstand stösst, erstaunt Jürgli nicht: «Das ist typisch allgemeines Unverständnis, der Schönheitsbegriff wird in der Gesellschaft anders definiert.» Stören tut ihn das allerdings nicht, im Gegenteil: Genau aus diesem Grund sind die Punks überhaupt in den Wettbewerb eingestiegen. «Wir wollten einen Kontrast zu diesen Schickimicki-WCs setzen und die Leute etwas provozieren.»

Die HTW-Studentin Isabel Racine bestreitet, dass man die «Box» bewusst aus dem Wettbewerb auschliessen wollte. «Es war einfach ein Missverständnis, wir wollten klären, ob der Betrieb über eine Gastrolizenz verfügt.» Dass dieses Versehen dermassen eskaliert sei, bedaure sie. Ob bei den Abstimmungen gemogelt wurde, könne sie nicht ausschliessen: «Bei den heutigen Möglichkeiten mit dem Internet, ist es schwierig, das zu kontrollieren.» Die «Box» habe auffällig aktiv auf Facebook auf das Voting aufmerksam gemacht und offenbar äussert erfolgreich Anhänger mobilisiert. «Grundsätzlich ist es schon möglich, dass sie so viele Stimmen bekommen haben.»

Wer noch Fotos von seinem Beizen-WC einschicken möchte, hat bis am 31. Oktober Zeit. Am 17. November wird die Klo-Auszeichnung im Rahmen von «Best of Swiss Gastro Award» verliehen.

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