Vierfachmord von Rupperswil

06. Februar 2019 11:45; Akt: 06.02.2019 11:45 Print

Anwältin von Thomas N. bekommt weniger Geld

Das Obergericht Aargau hat der Verteidigerin des Vierfachmörders von Rupperswil das Honorar gekürzt. Für die Berufungsverhandlung kriegt sie 6000 Franken.

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In einem Rucksack, den die Polizei bei der Durchsuchung im Haus des Täters fand, fanden sich eine Pistole, Fesseln und Klebeband. (13. Mai 2016) Die Gerichtszeichnung zeigt Thomas N. zusammen mit Verteidigerin Renate Senn (rechts). Das Bezirksgericht Lenzburg tagt in den Räumlichkeiten der Mobilen Polizei in Schafisheim – unweit des Tatorts in Rupperswil. Strenge Eingangskontrolle: Hier gibt es einen Personen-Check wie am Flughafen. Dienstag, 7 Uhr: Eintreffen der Prozessteilnehmer. Dienstag, 6.30 Uhr: Zugangskontrolle für die Prozessteilnehmer am Bezirksgericht in Schafisheim. Der Prozess wird von in- und ausländischen Medien verfolgt. Nur kurz erhellte sich am frühen Morgen der Himmel. Danach war es wieder kalt und nass. Die Journalisten warten gebannt, bis die privaten Personen eintreffen, die den Prozess live verfolgen werden. Der Prozess um den Vierfachmord von Rupperswil findet im Gebäude der Mobilen Polizei in Schafisheim AG statt. Aus Platzgründen verhandelt das Bezirksgericht Lenzburg den Fall in diesem Saal. Neben 65 akkreditierten Medienvertretern verfolgen 35 Privatpersonen die Verhandlung. Der heute 34-jährige Schweizer Thomas N. hat die Tat nach seiner Festnahme im Mai 2016 gestanden. Amtliche Pflichtverteidigerin: Die Aargauer Rechtsanwältin Renate Senn ist Spezialistin für Strafrecht und verteidigt den geständigen Täter. Bekannte beschreiben ihn als Einzelgänger: In diesem Haus in Rupperswil wohnte der Täter. Thomas N. wurde fünf Monate nach der Tat gefasst: Barbara Loppacher, leitende Staatsanwältin, informiert in Schafisheim über die Festnahme. (13. Mai 2016) Die Tat: Am 21. Dezember 2015 wurden in Rupperswil AG eine Mutter, ihre 13- und 19-jährigen Söhne und die 21-jährige Freundin des älteren Sohnes ermordet. Kriminaltechniker am Tatort. Ein Brand sollte die Spuren am Tatort verwischen. (21. Dezember 2015) Zuvor hatte der Täter die 48-jährige Carla S. gezwungen, an einem Bancomaten 10'000 Franken abzuheben. (21. Dezember 2015) Eine Sonderkommission aus rund 40 Ermittlern bearbeitete den Fall. Barbara Loppacher und Markus Gisin, der Leiter der Aargauer Kriminalpolizei. (18. Februar 2016) Die Polizei tappte lange im Dunkeln: Die Aargauer Behörden setzten eine Prämie von 100'000 Franken aus für Hinweise, die zur Festnahme des Täters führen könnten. (18. Februar 2016) Die Tat schockierte die Gemeinde Rupperswil: Bewohner gedenken der Opfer mit Kerzen. (24. Dezember 2015)

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Das Aargauer Obergericht hat im Fall des Vierfachmörders von Rupperswil das Honorar der amtlichen Verteidigerin für die Berufungsverhandlung deutlich reduziert. Der Verteidigerin sollen nur 27 Stunden statt wie gefordert 46 Stunden bezahlt werden.

Die Verteidigerin soll für ihre Arbeit mit 6000 Franken entschädigt werden, wie aus der schriftlichen Urteilsbegründung des Obergerichts hervorgeht. Die Zeitungen der CH Media zitierten am Mittwoch aus dem Urteil, das auch der Nachrichtenagentur Keystone-SDA vorliegt.

Gemäss Obergericht war die amtliche Verteidigerin mit dem Sachverhalt und den sich in tatsächlicher und rechtlichen Hinsicht stellenden Fragen bereits aus dem erstinstanzlichen Verfahren «bestens vertraut». Für das Verfahren vor Bezirksgericht Lenzburg betrug das Honorar 155'112 Franken und 60 Rappen.

Drei Stunden für Besprechung mit Mörder

«Eine neue Strategie ist nicht verfolgt worden», heisst es in der Begründung des Obergerichts. Die eingereichte Kostennote von insgesamt rund 46 Stunden sei «deutlich überhöht».

Ein Aufwand von 27 Stunden erscheine «angemessen». So gesteht das Obergericht der amtlichen Verteidigerin einen zeitlichen Aufwand von drei Stunden für «notwendige Besprechungen und Kontakte mit dem Beschuldigten» zu.

Mehrere Strafverteidiger kritisieren in den Zeitungen der CH Media die Honorarkürzung durch das Obergericht und warnen vor einer Zwei-Klassen-Justiz. Pflichtverteidiger würden darauf getrimmt, ihren Auftrag nur noch scheinbar zu erfüllen, wird der Solothurner Anwalt Konrad Jeker zitiert.

Im Berufungsverfahren vor Obergericht im Dezember ging es um die Frage der ordentlichen oder lebenslänglichen Verwahrung sowie um die Anordnung eines lebenslänglichen Tätigkeitsverbots. Das Obergericht bestätigte die ordentliche Verwahrung des 35-jährigen Schweizers. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Der Vierfachmörder hatte sich gegen diese Verwahrung gewehrt. Die lebenslängliche Freiheitsstrafe wegen mehrfachen Mordes und verschiedener anderer schwerer Delikte hatte der Täter akzeptiert. Die Staatsanwaltschaft hatte eine lebenslängliche Verwahrung gefordert.

Genau geplante Tat

Der brutale Vierfachmord war genau geplant gewesen. Am 21. Dezember 2015 hatte sich der damals 32-Jährige mit einem gefälschten Schreiben Einlass in ein Einfamilienhaus in seiner Nachbarschaft in Rupperswil verschafft. Er hatte es vor allem auf den dort lebenden 13-jährigen Knaben abgesehen.

Unter Drohungen mit einem Messer brachte er den Buben, dessen Mutter, den noch schlafenden älteren Bruder und dessen Freundin in seine Gewalt. Er fesselte sie, verklebte ihnen die Münder und nahm ihnen die Handys weg. Die Mutter schickte er zum Geld abheben. Dann verging er sich aufs Schwerste an dem 13-Jährigen.

Anschliessend tötete er alle vier Personen, zündete das Haus an und ging weg. Kurz danach suchte er im Internet nach weiteren Knaben, spähte deren Familien aus und bereitete eine neuerliche Tat vor. Im Mai 2016 wurde der Mann in Aarau verhaftet.

(sda)