Konzertticket für 5000 Franken

13. November 2018 18:08; Akt: 13.11.2018 19:19 Print

So soll Ticketverkäufern Handwerk gelegt werden

von D. Pomper/ J. Käser - Tickets zu massiv überhöhten Preisen: Konsumentenschützer und Ticketvertreiber sagen Viagogo den Kampf an.

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70’000 Pfund für ein Ticket, das ursprünglich höchstens 125 Pfund kostete: Wer auf der umstrittenen Ticket-Plattform Viagogo ein Ticket für den Auftritt von Michelle Obama in der Royal Festival Hall in London kaufen wollte, traute seinen Augen nicht. Der Ticket-Wiederverkäufer mit Sitz in Genf sorgt auch in der Schweiz zunehmend für verärgerte Konsumenten. Die Firma erwirbt Tickets im grossen Stil, sobald sie in den Verkauf kommen, und verkauft sie später zu höheren Preisen weiter – laut dem «Beobachter» mithilfe bezahlter Käufer und Roboter-Software.

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Nun aber kündigt sich organisierter Widerstand an.

• Kampagne «Ticket Check»
Ende Oktober hat der Westschweizer Konsumentenschutz FRC eine Aufklärungskampagne mit dem Titel «Ticket Check» lanciert. Die FRC kooperiert mit Kultur- und Sportveranstaltern, Organisationen und Erstmarkt-Ticketverkaufsplattformen. «Der Weiterverkauf von überteuerten Tickets sind ein grosses Ärgernis für Ticketkäufer und die Veranstalter», sagt Marc Boehrer von Starticket, das wie 20 Minuten zu Tamedia gehört. Bei schnell ausverkauften Events würden die Ticketpreise auf den Zweitmärkten in die Höhe getrieben und zu einem Vielfachen des Originalpreises angeboten, teils auch als erhöhte Gebühren getarnt. «Neben überteuerten Tickets gibt es dabei zudem keine Einlassgarantie», sagt Boehrer. Teure Eintrittskarten könnten sich als gefälscht oder gesperrt erweisen. «Wir stellen fest, dass Nutzer vermehrt mit einem Fake-Konto Tickets bei Starticket erwerben. Diese Tickets sind zwar gültig, aber wir können nicht sicherstellen, dass sie nicht zehnmal kopiert und weitergeschickt werden.» An den Event gelange dann nur die Person, deren Ticket als erstes gescannt wird. Mit der Kampagne wolle man das Bewusstsein der Öffentlichkeit für das Problem schärfen.

• Klagen
Im Juni 2018 hat die Fifa bei der Genfer Staatsanwaltschaft Strafanzeige gegen Viagogo wegen unlauteren Wettbewerbs eingereicht. Auch in München läuft ein Verfahren gegen Viagogo.

Das Staatssekretariat für Wirtschaft erhielt seit dem 1. Januar 2016 über 800 Beschwerden. Das Seco hat am 21. September 2017 eine Zivilklage beim Handelsgericht Zürich gegen Viagogo eingereicht. Die Klage ist immer noch hängig. Mit der Zivilklage wolle man erreichen, dass die Ticket-Wiederverkaufsbörse weltweit transparenter werde. Viagogo solle «den tatsächlich zu bezahlenden Preis beziehungsweise den Endpreis der Tickets auf ihrer Website klar bekannt geben». Dieser müsse die Mehrwertsteuer und andere nicht optionale Zuschläge wie Service- und Liefergebühren einschliessen. Ferner solle Viagogo verpflichtet werden, auf seiner Website klar anzugeben, dass es sich um eine Plattform für den Wiederverkauf von Tickets handelt.

• Technische Lösungen: Marc Boehrer von Starticket glaubt nicht, dass Viagogo mittels rechtlicher Mittel in die Schranken gewiesen werden kann. Stattdessen müsse man auf technische Lösungen setzen. «Personalisierte Tickets verunmöglichen Ticketwiederverkäufer das Geschäft», sagt Boehrer. Zum Event gelange man nur mit dem Ausweis. Ausserdem müssten Ticketverkäufer auch den Verifizierungsprozess für die Kontoeröffnungen mit zusätzlichen Kontrollen versehen. Prüfenswert sei auch ein kurzfristiges und flexibles Preisanpassungssystem (dynamic pricing), wie es sich etwa in der Flugbranche schon längst etabliert hat. Bitcoin-Technologie sei ein weiterer Ansatz, der im Mobile Ticketing immer mehr zum Tragen komme.

• Weiterverkauf von Tickets verbieten
In Frankreich sind im Gegensatz zur Schweiz Ticketweiterverkäufe verboten. Dies forderte auch SVP-Nationalrat Sebastian Frehner in einer Motion: «Die stark überteuerten Ticketpreise bei Anbietern wie Viagogo manipulieren den Markt.» Die entstehenden Preise seien keine fairen Wettbewerbspreise, sondern viel höher. Der Bundesrat beantragte dem Parlament die Ablehnung der Motion mit folgender Argumentation: Betroffene hätten das Klagerecht bezüglich unlauteren Wettbewerbs. Gemäss Frehner ist dieses wirkungslos – wegen 60 Franken würden die wenigsten Einzelpersonen vor Gericht gehen. Die Motion wurde vom Parlament abgelehnt.

• Beschwerde bei Google
Sucht man auf Google nach Tickets, erscheint Viagogo meist als erster Eintrag. Dies, obwohl sich seit Anfang des Jahres offizielle Ticketverkäufer bei Google registrieren müssen. «Entgegen unseren Erwartungen hat Google Viagogo aber weder entfernt noch zumindest eingeschränkt», sagt Marc Boehrer von Starticket. Man habe bei Google eine Beschwerde eingereicht. Zur Veranschaulichung: Das Mindestgebot für die obersten vier Positionen für die Begriffe «Rammstein» und «Konzert» liegt bei 1.83 Franken pro Klick.

Viagogo hat auf eine Medienanfrage von 20 Minuten bis Redaktionsschluss nicht geantwortet.