SVP-Fuchs

06. November 2013 08:27; Akt: 06.11.2013 14:07 Print

Viele bringen «schwul» nicht über die Lippen

von J. Büchi - Er ist SVP-Mitglied, homosexuell und engagiert sich gegen die Sexualkunde-Initiative seiner Parteikollegen. Im Interview mit 20 Minuten erklärt Thomas Fuchs, weshalb er das tut.

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Sonst voll auf der SVP-Linie, stellt sich Thomas Fuchs bei der Sexualkunde-Initiative gegen seine Parteikollegen. (Bild: Keystone/Samuel Truempy)

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Das Komitee, das hinter der Initiative «Zum Schutz vor Sexualisierung in Kindergarten und Primarschule» steht, besteht überwiegend aus Mitgliedern der SVP sowie anderer national- und christlich-konservativer Kräfte. Sie als SVP-Vertreter sind jedoch dagegen. Weshalb?
Thomas Fuchs: Die Initiative geht in vielen Fragen zu weit und ist verklemmt. Es kann nicht sein, dass Kinder erst mit zwölf in den obligatorischen Sexualkundeunterricht müssen – gerade heute, wo sie per Handy oder Internet so früh mit Pornografie in Kontakt kommen. Ich stimme den Initianten jedoch zu, dass es im Kindergarten noch zu früh für Aufklärung ist. Ein Gegenvorschlag und der Rückzug der Initiative wäre wohl die beste und schnellste Lösung.

Umfrage
Braucht es eine Initiative gegen die «Frühsexualisierung» der Kinder?
41 %
56 %
3 %
Insgesamt 5296 Teilnehmer

Sie sind Mitglied der Interessengruppe für eine «vernünftige Sexualkunde». Wie soll die Aufklärung aus Ihrer Sicht vonstattengehen?
Natürlich sollen die Eltern ihre Kinder selbst aufklären. Spätestens ab acht, neun Jahren braucht es in der Schule aber einen obligatorischen Sexualkundeunterricht, von dem niemand dispensiert werden darf, auch Muslime nicht.

Ein Unterricht inklusive Sexboxen, wie sie im Kanton Basel-Stadt zur Anwendung kommen?
Nein. Aufklärung heisst, mit Taktgefühl zu arbeiten. Dieses fehlte bei dieser Kampagne gänzlich. Die Ausgestaltung dieser Sexboxen war ein Steilpass für die Initiative! Die Verantwortlichen waren sich nicht bewusst, dass es in der Schweiz Regionen gibt, die eben etwas verklemmter sind. Man überschätzte die Offenheit und die Toleranz der Bevölkerung. Viele Leute leben doch noch hinter dem Mond – Homosexualität kennt man dort gar nicht. Ich kenne Erwachsene, die das Wort «schwul» nicht über die Lippen bringen.

Wie wurden denn Sie selber aufgeklärt?

Eben nicht (lacht). Über Sex wurde weder in der Schule noch zu Hause gesprochen. Ich habe das Gefühl, das ist auch heute noch bei vielen Kindern so. Die Folge: Sie können mit niemandem über Probleme und Ängste sprechen und müssen schwerwiegende Entscheidungen unter Umständen alleine treffen.

Sie sprechen von Ihrem eigenen Coming-out?
Nicht nur. Natürlich war das schwierig. Aber dasselbe Problem tritt auch auf, wenn es um Schwangerschaften oder sexuelle Krankheiten geht. Auch hier ist Aufklärung wichtig.

Das Initiativkomitee kritisiert aber, Ihre IG vertrete tatsächlich vor allem Anliegen, die von Schwulen- und Lesbenorganisationen kommen.
Das Thema Aufklärung ist in diesem Zusammenhang natürlich wichtig. Es geht um die Frage: Ist es «normal», wenn man schwul oder lesbisch ist? Gerade bei Zuwanderern, aber auch auf dem Land sind Homosexuelle oft noch alles andere als akzeptiert. Auch heute werden geoutete Jugendliche auf dem Pausenplatz noch oft ausgelacht oder bedroht. Gute Information wirkt dem entgegen. Wir sind halt nun einmal nicht alle gleich!

Die Initianten wollen aber genau nicht, dass Kinder zu früh mit Begriffen wie Homosexualität in Kontakt kommen.
Herrgott noch mal, wir leben im Jahr 2013 und nicht im Jahr 1935. Diese Leute müssen verstehen, dass man unangenehme Themen nicht einfach verdrängen kann.

Gerade Exponenten Ihrer Partei zeigen aber oft Berührungsängste, wenn es um das Thema Homosexualität geht. Müssten Ihre Parteikollegen auch noch mal in den Aufklärungs-Unterricht?
Die Frage ist: Wissen sie wirklich nicht genug darüber oder wollen sie nicht mehr wissen? Viele denken wohl, mit einer konservativen Position zu diesem Thema könnten sie punkten.

Können Sie sich denn überhaupt noch mit Ihrer Partei identifizieren?
Zu 100 Prozent. Nein zum EU-Beitritt, Ja zur Armee, weniger Steuern und Abgaben – das sind meine Positionen. Auch in Familienfragen bin ich auf der Parteilinie – ich stehe hinter der traditionellen Familie. In Bezug auf die Sexualkunde kann etwas frischer Wind in der Partei aber sicher nichts schaden.

Thomas Fuchs ist Grossrat und Mitglied der Justizkommission des Kantons Bern. 2011 rutschte er in den Nationalrat nach, schaffte die Wiederwahl bei den eidgenössischen Wahlen im selben Jahr aber nicht.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Sonusfaber am 06.11.2013 08:54 Report Diesen Beitrag melden

    Hochachtung meinerseits!

    Der Mann hat Verstand und Herz! Hochachtung meinerseits!

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  • Informatiker am 06.11.2013 08:40 Report Diesen Beitrag melden

    Gleiches Recht für alle

    Seine Einstellung gefällt mir! Als Informatiker habe ich schon so manchen Rechner vermeintlicher Frauenhelden repariert und dabei Darstellungen von Homosexuellen gesehen. Bin Hetro, kann also nur ahnen wie schlimm es sein muss angst vor dem Outing zu haben, aber es muss die Hölle sein. Lasst doch einfach die Schwulen schwul sein. Mir hat noch nie einer etwas zu Leide getan.

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  • sepp am 06.11.2013 08:42 Report Diesen Beitrag melden

    endlich

    endlich mal einer der eier in den hosen hat und auch da zu steht

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Luminoso am 06.11.2013 21:06 Report Diesen Beitrag melden

    Weitgehendste Übereinstimmung....

    Für mich gleich zu Beginn die Kernaussagen in seinem Statement - "Es kann nicht sein, dass Kinder erst mit zwölf in den obligatorischen Sexualkundeunterricht müssen" - "Ich stimme den Initianten jedoch zu, dass es im Kindergarten noch zu früh für Aufklärung ist. Ein Gegenvorschlag und der Rückzug der Initiative wäre wohl die beste und schnellste Lösung" - Das sehe ich alles genau so - und ob er schwul oder SVP-Vertreter ist, tut dabei überhaupt nichts zur Sache!!

  • P. Buchegger am 06.11.2013 14:30 Report Diesen Beitrag melden

    Th.Fuchs:Apropos "Verklemmte Initiative"

    Ja, Herr Fuchs, die SVP ist leider noch in vielen anderen Dingen verklemmt, nicht nur bei dieser Initiative.

  • Sandro Brändli am 06.11.2013 12:46 Report Diesen Beitrag melden

    Wirklich tolle Ansicht!

    Schön so etwas von einem Politiker zu hören. Sehr schön!! Solche Personen braucht es mehr!

  • Mike der Erzähler am 06.11.2013 11:11 Report Diesen Beitrag melden

    Wer ist hier Intolerant?

    Es ist schon interessant wie aus Richtung der Homosexuellen (habe nichts gegen solche Menschen) jede andersdenkende Person als Rückstänig, Hinlterwäldlerisch, Altmodisch und mit was weiss ich nicht für Wörtern betitelt wird. Wenn die Homosexuellen so aufgeschlossen, modern, zeitgemäss, etc, sind, wie sie sich immer geben, weshalb können sie dann nicht die Meinung der Mehrheit (und deren sexuelle Neigungen) nicht einfach stehen lassen, sondern müssen bei jeder sich bietenden Gelegenheit dagegen "schiessen"? Wer ist denn hier nun intoleranter??? Einfach mal so laut überlegt...

  • Peter am 06.11.2013 11:10 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Na dann

    Dann startet so einen Gegenvorschlag! Aufklärun im Kindergarten zu früh, mit 12 zu spät! Muss doch eine Alternative zu diesen 2 Varianten geben!?