Lästige Warterei

08. April 2019 19:51; Akt: 08.04.2019 19:51 Print

Vier Massnahmen, die den Stau wegzaubern sollen

Der Zeitverlust im Stau kostet uns 170 Franken pro Person und Jahr – Tendenz steigend. Ein Experte hat radikale Lösungsansätze.

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Ganze 30 Millionen Stunden standen Autofahrer im Jahr 2015 auf Schweizer Strassen im Stau. Der Bund hat nun berechnet, wie viel uns das kostet: 2015 beliefen sich die Stauzeitkosten auf 150 Franken pro Person, 2017 waren es schon rund 170 Franken. Laut Daniel Müller-Jentsch vom liberalen Thinktank Avenir Suisse wären viele Staus vermeidbar: «In den Ballungszentren sind die Strassen nur während der Rushhour überlastet, also während drei bis vier Stunden pro Tag.» «Es wäre aber bereits viel gewonnen, würden wir die vorhandenen Kapazitäten sinnvoll nutzen. Das Problem ist, dass wir alle zur gleichen Zeit fahren.» Müller-Jentsch schlägt diesbezüglich vier Massnahmen vor: ... ... 1. Gestaffelter Arbeitsbeginn mit zwei Stunden Homeoffice, 2. Mobility-Pricing, 3. E-Bike-Schnellweg, 4. Aufweichung des Nachtfahrverbots für leise Fahrzeuge. Hans-Ulrich Bigler, Direktor des Schweizerischen Gewerbeverbandes, setzt dagegen auf einen Ausbau der Strassen: «Um überhaupt arbeiten zu können, sind das Gewerbe und der Gütertransport auf eine gute Strasseninfrastruktur und die Vermeidung von Stau angewiesen.» Von Mobility Pricing hält Bigler nichts: «Wie aus den neusten Statistiken ersichtlich ist, tragen die Automobilisten ihre Kosten selbst. Ganz im Gegensatz zum Schienenverkehr, der viel höher subventioniert wird.» Die Mobilitätskosten betrugen 2015 insgesamt 90 Milliarden Franken, sprich 11'000 Franken pro Kopf. Im Vergleich zu 2010 ist das ein Anstieg von 4 Prozent.

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Ganze 30 Millionen Stunden standen Autofahrer im Jahr 2015 auf Schweizer Strassen im Stau. Die verlorene Zeit kostet bares Geld: Lieferungen kommen zu spät, wir sind unproduktiv oder verlieren Erholungszeit. Der Bund hat nun berechnet, wie viel uns das kostet: 2015 beliefen sich die Stauzeitkosten auf 150 Franken pro Person, 2017 waren es schon rund 170 Franken.

Laut Daniel Müller-Jentsch, dem Verkehrsexperten vom liberalen Thinktank Avenir Suisse, wären viele Staus vermeidbar: «In den Ballungszentren sind die Strassen nur während der Rushhour überlastet, also während drei bis vier Stunden pro Tag.» Zu reflexartig werde deshalb die Kapazität des gesamten Strassennetzes infrage gestellt und immer wieder Milliarden für deren Ausbau gesprochen. «Es wäre aber bereits viel gewonnen, würden wir die vorhandenen Kapazitäten sinnvoll nutzen. Das Problem ist, dass wir alle zur gleichen Zeit fahren.» Er schlägt vier Massnahmen vor.

1. Zwei Stunden Homeoffice am Morgen

Müller-Jentsch schlägt einen gestaffelten Arbeitsbeginn vor. So sollen Angestellte am Morgen zwei Stunden von zu Hause aus arbeiten, bevor sie ins Büro fahren. Das sei heute in vielen Jobs möglich. Das erfordere aber gegenseitige Flexibilität und die Änderung von Gewohnheiten.

2. Mobility-Pricing

Pendeln zu Stosszeiten soll teurer sein als in Nebenzeiten. «Staugeplagte Bürger zahlen mit der Warterei für die Ineffizienz des heutigen Systems.» Zum Beispiel der Handwerker, der durch einen Stau wertvolle Arbeitszeit verliere. Und die Steuerzahler, die immer neue Infrastrukturausbauten finanzieren müssten. Ziel des Mobility Pricing sei es, die Gesamtkosten des Verkehrssystems zu senken, indem brachliegende Kapazitäten besser genutzt werden. Viele Menschen seien bereit, mehr zu bezahlen, wenn sie dafür nicht im Stau stehen müssten. Müller-Jentsch will aber auch die Wirtschaft einbinden: Arbeitgeber wären gefordert, die Arbeitszeiten zu flexibilisieren.

3. E-Bike-Schnellwege

«Um die Blechlawine zwischen Agglomeration und Stadt zu vermindern, sollte in den Bau von E-Bike-Schnellwegen investiert werden», sagt Müller-Jentsch. Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern gebe es in der Schweiz hier Aufholbedarf. Sowieso sei das Velo das umweltfreundlichste und günstigste Nahverkehrsmittel.

4. Nachtfahrverbot für leise Fahrzeuge aufweichen

Für den Gütertransport können laut dem Verkehrsexperten mittelfristig nachts elektrisch betriebene Lastwagen eingesetzt werden, wodurch es kaum Lärm- und keine Schadstoffemissionen gebe. Auch könne dereinst die Nachtarbeit durch selbstfahrende LKW reduziert werden. Die Entwicklung dahin werde ungefähr gleich lange dauern, wie es die grossen Strassenausbau-Projekte täten.

«Automobilisten tragen ihre Kosten selbst»

Hans-Ulrich Bigler, Direktor des Schweizerischen Gewerbeverbandes, setzt dagegen auf einen Ausbau der Strassen: «Mit der Annahme des Strassenfonds wünschte das Volk den Ausbau. Um die Situationen auf den Strassen verbessern zu können, müssen diese Projekte nun endlich umgesetzt werden.» Dies sei jedoch schwierig, da es laufend Einsprachen dagegen gebe: «Um überhaupt arbeiten zu können, sind das Gewerbe und der Gütertransport auf gute Strasseninfrastruktur und die Vermeidung von Stau angewiesen.»

Von Mobility Pricing hält Bigler nichts: «Wie aus den neusten Statistiken ersichtlich ist, tragen die Automobilisten ihre Kosten selbst. Ganz im Gegensatz zum Schienenverkehr, der viel höher subventioniert wird.» Bevor man Mobility-Pricing einführe, müsse deshalb zuerst eine kostenechte Finanzierung des öffentlichen Verkehrs stattfinden. «Die ÖV-Kosten für die Passagiere würden sich so verdoppeln. Natürlich wäre niemand dazu bereit, diese Mehrkosten selbst zu tragen.»

(mm)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Martin Brändle am 08.04.2019 20:02 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Spuren!

    Wie wäre es mit: ALLE Spuren nutzen auf den Autobahnen?!? Nicht nur die mittlere und linke! Es gibt - das wissen die wenigsten - auch eine RECHTE Spur. Ist vor allem gedacht für langsame Verkehrsteilnehmer.

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  • Marvin Jäger am 08.04.2019 20:02 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Baustellenzeit

    Solange der Bund absichtlich Baustellen viel länger in Betrieb halten lässt als nötig ist es kein Wunder dass so viel Stauzeit generiert wird. Seit es Mobile Ampeln gubt werden baustellen verdächtig lange offen gelassen.

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  • Ken-Guru am 08.04.2019 20:03 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Theorie und Praxis

    Also wenn ich um 5 Uhr morgens losfahren, staut es schon am Gubrist, fahre ich erst um 8 Uhr los, hat es immer noch Stau am Gubrist, somit sind die 2 Stunden Home Office am Morgen schon widerlegt. Und sorry, Elektro Lastwagen wären sicher toll, aber garantiert nicht gratis zu bekommen und dazu haben sie noch weniger Nutzlast, was wieder mehr Verkehr bedeutet. Warum ist man heute immer noch nicht in der Lage, Dank Apps und Computer, weniger Leerfahrten bei Lastwagen zu generieren?

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Lubu Bern am 09.04.2019 18:48 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Rechnen Herr Bigler

    Herr Bigler soll mal rechnen was mehr ist: 46% von 11Milliarden oder 20% von 86 Milliarden! Er hat nur immer die Gewinnoptimierung im Sinn!

  • baba am 09.04.2019 16:37 Report Diesen Beitrag melden

    bald lesen wirs wieder

    und nächste Woche können wir wieder überall lesen wieviel Stau es vor dem Gotthard hat. Und wieder gehen Millionen verlohren weil unsere Politiker einfach keine Mautstelle davor hinstellen wollen, Würde Arbeitsplätze schaffen, Geld einbringen und vielleicht auch den Stau minimieren...? In anderen Làndern ist das total normal, Vignette und Mautstellen vor tunnels, wieso bei uns nicht? Vor allem bei so Transittunnel für ganz Europa....

  • Verkehrsingenieur am 09.04.2019 16:17 Report Diesen Beitrag melden

    Wenn Ökonomen Verkehrsplanung betreiben1

    Kommen solche Vorschläge raus, die fast komplett an der Realität vorbei gehen... Homeoffice am Morgen: Wenn das alle machen, verschiebt sich die Spitze einfach um 2h und der Stau ist um 9 statt um 7. Mal abgesehen davon, würde ich gerne sehen wie ein Lagerist von zu Hause seine Waren komissioniert. Mobility Pricing: Schöner Moment für alle mit wenig Lohn, die fixe Arbeitszeiten haben und durch MobilityPricing Ende Monat noch weniger zum Leben haben... aber der Chef kommt dann einfach 2h später, er macht ja Homeoffice und kann das Pricing umgehen.

  • Rolf Weber am 09.04.2019 15:39 Report Diesen Beitrag melden

    Wachstumstop

    Es darf vor allem kein weiteres Bevölkerungswachstum mehr geben. 10 Mio Einwohner? da nützen alle Massnahmen nichts mehr

  • G. Ott am 09.04.2019 15:29 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ich kann mir vorstellen

    Das unsere liebe Regierung ein Stausteuer einführen möchte, wenn man das schon so genau errechnen kann. Jeder der ein Vehikel hat, bezahlt einen Stausteuerbetrag, gute Idee, oder?! Sowie die Billag, die JEDE/R bezahlen muss, ob man einen TV hat oder nicht.