Neue Arbeitszeitmodelle

24. Juli 2014 16:18; Akt: 24.07.2014 16:18 Print

Vier Tage Wochenende für alle?

von Florian Meier - Um das Leben mehr zu geniessen, sollen wir laut Milliardär Slim nur drei Tage in der Woche arbeiten – dafür 11 Stunden lang. In der Schweiz gibt es schon ein ähnliches Modell.

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Drei Tage voll durchschuften und dann vier Tage die Seele baumeln lassen: So stellt sich der Milliardär Carlos Slim die Arbeitswelt der Zukunft vor. (Bild: Keystone/Steffen Schmidt)

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Der mexikanische Unternehmer Carlos Slim ist der aktuell zweitreichste Mensch der Welt. Auf einer Politik- und Wirtschaftskonferenz in Paraguay hat der 74-Jährige nun erklärt, wie er sich das Arbeitsleben der Zukunft vorstellt: Jeder arbeitet nur drei Tage in der Woche. Um die fehlende Zeit zu kompensieren, werden die Arbeitstage 10 bis 11 Stunden lang. Zudem stellt er sich laut «Financial Times» ein höheres Pensionsalter von 70 bis 75 Jahren vor. Slim glaubt, dass wir uns so besser entspannen könnten und unsere Lebensqualität steigen würden.

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«Zehn Tage sind das Maximum»

In der Schweiz werden ähnliche Systeme bereits praktiziert. René Heer ist Personalassistent in einem grossen Industriebetrieb. Dort können sich die Mitarbeiter ihre Arbeitsstunden flexibel einteilen. Heer hat beobachtet, dass ein Bedürfnis bestehe, zu Wochenbeginn bereits möglichst viele Stunden abzuarbeiten.

Aus arbeitsrechtlichen Gründen könnten sie ihren Mitarbeitern zwar nicht erlauben, die gesamte Arbeitszeit in drei Tagen zu absolvieren – 10 Stunden am Tag sind das Maximum. Es gebe aber sehr viele Angestellte, die ihre Präsenzzeit in vier Tagen abarbeiten wollten. Das System von Slim eins-zu-eins zu übernehmen, ist für Heer keine Option. «Dann müssten wir ja unseren gesamten Betrieb jede Woche für vier Tage schliessen.» Dies sei angesichts der grossen Konkurrenz unmöglich. «Ausserdem haben zu viele Arbeitsstunden pro Tag einen negativen Einfluss auf die Produktivität.»

Unfallrisiko steigt mit jeder Stunde

Martin Kleinmann, Professor für Arbeitspsychologie an der Uni Zürich, widerspricht: «Verschiedene Studien zeigen keinen Zusammenhang zwischen einer Verdichtung der Arbeitszeit und der Leistung der Mitarbeitenden.» Ausserdem könne gezeigt werden, dass die Arbeitszufriedenheit zunimmt. Kleinmann weist aber auch auf mögliche Gefahren hin: «Mit der Anzahl Arbeitsstunden pro Tag steigt das gesundheitliche Risiko leicht an.»

Diesen Zusammenhang belegt auch ein Gutachten der Universität Bern: Nach der neunten Stunde steigt das Unfallrisiko an. Dieser Effekt verstärkt sich noch, wenn man an mehreren Tagen hintereinander deutlich mehr als acht Stunden arbeitet.

Der Mensch braucht Pausen

Auch Theo Wehner, ETH-Professor für Arbeitspsychologie an der ETH Zürich, glaubt nicht daran, dass sich eine 3-Tages-Woche positiv auf die menschliche Gesundheit auswirkt. Die Arbeitszeit mehr zu verdichten, sei ein Schritt in die falsche Richtung. Es seien vor allem die kleinen Pausen zwischendurch, die der Mensch zur Erholung benötige. «Wir sollten deshalb besser die Pausen während der Arbeit ausdehnen.» So könne man auch die sozialen Kontakte am Arbeitsplatz wieder besser fördern. «Eine längere Siesta einzuführen, wäre eine viel bessere Idee.»

Auch den Vorschlag, das Rentenalter zu erhöhen, lehnt Wehner ab. «Dass wir heute länger als bis 65 arbeiten können, ist unbestritten.» Ausserdem seien ältere Arbeiter oft sehr motiviert und erfahren. Auf diesen Umstand mit neuen Strukturen zu reagieren, sei jedoch der falsche Ansatz. «Wir brauchen flexible Regelungen, die es uns erlauben, den Zeitpunkt unserer Pensionierung innerhalb eines bestimmten Rahmens selber zu bestimmen», so Wehner. «Das Bedürfnis nach Flexibilität ist in unserer Zeit so gross wie noch nie.»

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Rolli am 24.07.2014 16:35 Report Diesen Beitrag melden

    Dürfen, wollen, können?

    Zitat: «Dass wir heute länger als bis 65 arbeiten können, ist unbestritten.» Ausserdem seien ältere Arbeiter oft sehr motiviert und erfahren. Dumm nur das sie ab 50 keiner mehr anstellt (ausser man ist der Superspezialist oder hat Vitamin B). Aber so kommt deren Vermögen wieder in den Umlauf, bis sie vom Sozialamt Unterstützung erhalten und bis ans Lebensende mit dem Existenzminimum leben dürfen.

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  • manu am 24.07.2014 16:31 Report Diesen Beitrag melden

    kann jetzt schon jeder

    für sich entscheiden. die frage lautet, arbeite ich zum leben oder lebe ich um zu arbeiten. mir reichen 3 tage a 8 stunden. nicht dass ich die restliche zeit nichts mehr tun würde, aber bestimmt nicht mehr für geld, soll es sammeln wem es etwas bedeutet...

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  • Frau am 24.07.2014 16:33 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wer rechnen kann ist klar im Vorteil

    3x11 Stunden sind erst 33 Stunden. In der Schweiz arbeiten wir aber mind. 40 Stunden. 4 Tage sind also das minimum, ausser man will gut 13 Stunden am Tag schuften.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Sonja am 28.07.2014 12:43 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nicht umsetzbar

    Selbst wenn es eine gute Idee wäre: Das würde nie durchkommen.

  • Alois Stalder am 25.07.2014 08:34 Report Diesen Beitrag melden

    Verwöhnt und faul

    Kann dieses Gejammere heute nicht mehr hören. Ihr könnt froh sein, dass ihr Arbeit habt. Ich schufftete früher 6 Tage die Woche über 10 Stunden pro Tag. Die heutige Gesellschaft ist einfach nur noch faul und verwöhnt.

  • Francisco H. J. am 25.07.2014 07:41 Report Diesen Beitrag melden

    Von Ausruhen keine Spur!

    Jetzt interessiert es uns natürlich zu wissen, ob Herr Slim schon begonnen hat, dieses Modell in einem seiner Unternehmen in Mexiko oder im Ausland anzuwenden, zB bei Telmex (Teléfonos de México) oder América Móvil. Mit den Magerlöhnen in Mexiko brauchen die Angestellten nämlich einen Nebenjob für die restlichen vier Tage, um überleben zu können. Das heisst, von Ausruhen keine Spur!

  • HappyWorker am 25.07.2014 07:36 Report Diesen Beitrag melden

    Was wenn Arbeiten Spass macht?

    Es muss ja der blanke Horror sein, 8h am Tag auf den Feierabend zu warten! Ich arbeite 50-60h die Woche und wisst ihr was? Es macht Spass! Wer sein Hobby zu seinem Beruf machen konnte, der hat gewonnen. Dann gibt es auch keine Burnouts und das Leben ist schön.

  • Kurt Peter am 25.07.2014 07:26 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Vollbeschäftigung

    Das Modell sollte sich nicht auf gewisse Berufe beschränken, sondern auf die Unternehmensgrösse. Für KMUs geht das nun mal nicht, jedoch sollten Grosskonzerne in die Verantwortung genommen werden. Diese sollten, für das Gemeinwohl aller, Teilzeitmodelle einführen und somit die Arbeitslosenquote langfristig zu festigen. Zudem sollten Massenentlassungen bei profitablen Unternehmen verboten werden. Vollbeschäftigung sollte das Ziel der gesamten Wirtschaft sein, da müssen Aktionäre von Grossunternehmen halt auf eine rücksichtslose Gewinnmaximierung verzichten.