Kirchensteuer

10. Dezember 2010 11:21; Akt: 10.12.2010 11:52 Print

Vor Gott sind auch die Firmen gleich

von Antonio Fumagalli - In praktisch allen Kantonen sind Unternehmen verpflichtet, Kirchensteuern zu zahlen. Die Geister scheiden sich darüber, ob dies noch zeitgemäss ist.

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Eine Firma kann weder heiraten noch kann sie sich taufen lassen. Und auch wenn sie vor dem Konkurs steht, erhält sie kaum die Letzte Ölung. Dennoch entrichten Unternehmen in über 20 Schweizer Kantonen zuhanden der drei Landeskirchen Steuern. Im Gegensatz zu natürlichen Personen können sie sich der Kirchensteuer aber nicht durch einen Austritt entziehen.

Umfrage
Soll die Kirchensteuer für Unternehmen weiterhin beibehalten werden?
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2 %
Insgesamt 1614 Teilnehmer

Im internationalen Vergleich ist diese Form von Steuern für Unternehmen einzigartig. Auf kantonaler Ebene – meist aus bürgerlichen Kreisen – hat sie deshalb schon mehrfach politische Vorstösse ausgelöst. Zuletzt im erzkatholischen Kanton Freiburg, wo die Jung-FDP im Januar eine Motion einreichen wird. Stösst der Vorstoss bei der Mutterpartei auf Gegenliebe, soll daraus eine kantonale Volksinitiative werden.

Anpassung in Kantonsverfassungen

Der Erfolg eines solchen Vorstosses ist aber höchst ungewiss: Ähnliche Bestrebungen in anderen Kantonen sind immer klar gescheitert. In den Kantonen Luzern und Zürich wurde die Kirchensteuer für juristische Personen im Rahmen der Totalrevisionen der Kantonsverfassungen gar ausdrücklich beibehalten. Ergänzt wurde der entsprechende Paragraph durch die sogenannte «negative Zweckbindung»: Die von den Unternehmen eingezogenen Kirchensteuern werden ausdrücklich nicht mehr für kultische Zwecke eingesetzt, sondern dürfen nur noch den sozialen und kulturellen Engagements der Kirchen dienen.

Der gesamtschweizerische Ertrag durch die Kirchensteuer für juristische Personen ist schwierig zu eruieren. Wie das statistische Amt Zürich auf Anfrage mitteilt, waren es im Jahr 2009 alleine im steuerstärksten Kanton 99 Millionen Franken – rund ein Viertel der gesamten Kirchensteuereinnahmen. Da Firmen per Definition keine Konfession haben, wird der Steueranspruch der verschiedenen Glaubensrichtungen im Verhältnis zur Konfession der kantonalen Wohnbevölkerung aufgeschlüsselt.

Auch ein Atheist muss bezahlen

Neben den Kantonsparlamenten hat sich auch die Justiz schon mehrfach dem Thema der kirchlichen Besteuerung juristischer Personen gewidmet. Letztmals für Aufsehen gesorgt hat ein Bundesgerichtsurteil vom September: Ein IT-Fachmann aus dem Kanton Schwyz empfand es als «grosse Demütigung und Kränkung», dass er als einziger Aktionär und Mitarbeiter seines Unternehmens trotz seiner Konfessionslosigkeit Kirchensteuern zu entrichten hat. Das Gericht lehnte sein Begehren ab – mit der Begründung, dass es zum jetzigen Zeitpunkt noch keine juristisch akzeptierte Grundlage für eine Änderung der seit 130 Jahren bestehenden Rechtssprechung gebe.

Nicht alle Parteien bringen dafür Verständnis auf. Martin Baltisser, Generalsekretär der SVP Schweiz: «Wir unterstützen Bestrebungen unserer kantonalen Sektionen, die Kirchensteuern für die Unternehmen zumindest nur fakultativ zu erheben.» Für Daniel Kosch, Generalsekretär der Römisch-Katholischen Zentralkonferenz, sind solche Vorgehen zu kurzsichtig: «Die gesamte Gesellschaft – und folglich auch die Wirtschaft – ist auf die Vermittlung von Werten angewiesen, die das Gemeinwohl stärken. Es ist durchaus gerechtfertigt, dass die Unternehmen, welche in Form verantwortungsbewusster Mitarbeiter von einem intakten Gemeinwesen profitieren, einen Beitrag zu diesem ‚service public’ der Kirchen leisten.»

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Ratzinger am 10.12.2010 12:28 Report Diesen Beitrag melden

    Weg mit diesem alten Zopf!

    Soso, Religionsfreiheit ist gut und recht, aber beim Geld hört der Spass dann auf... Zustände wie in Saudiarabien... Die sind ja noch schlimmer als die Billag!

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  • Luzernerin am 10.12.2010 13:13 Report Diesen Beitrag melden

    Sozialsteuer anstatt Kirchensteuer

    Ich bin dafür, dass Firmen weiterhin eine Kirchensteuer abgeben müssen - beziehungsweise, wäre eine etwas offnere Idee, dass die Firmen wählen könnten, an welche gemeinnützige, vom Bund anerkannte Organisation das Geld fliessen soll. Natürlich würde da die Kirche ebenfalls zur Auswahl stehen. Italien kennt ein ähnliches System. Ich finde das gut, denn so leisten alle einen Beitrag an die Gesellschaft - auch wenn sie mit der Kirche nichts am Hut haben. Das System sollte nicht nur für Firmen, sondern auch für Privatpersonen eingeführt werden.

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  • Steven am 10.12.2010 12:29 Report Diesen Beitrag melden

    Privat Ja

    Bin Gläubiger Katholik, und bezahle mein (Private) Kirchensteuer ohne Diskussion, aber als Selbständiger geht mir die Kirchensteuer mächtig auf den Keks... Werde irgendwann noch den Priester nach einer Büro Segnung bitten...

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Die neusten Leser-Kommentare

  • aky am 13.12.2010 08:32 Report Diesen Beitrag melden

    Zeit für eine Volksinitiative

    Wer hilft im Kanton Zürich mit, die nötigen 6000 Unterschriften zu sammeln, um der Kirchensteuer für Firmen den Stecker zu ziehen? Bitte melden bei zuerich@frei-denken.ch

  • Patrick am 11.12.2010 21:16 Report Diesen Beitrag melden

    Wertlose Werte!

    Was genau für Werte vermittelt denn die Kirche? Diskriminierung von Frauen und Homosexuellen. Deckung von Pädophilen Priestern. Ein Vatikan der die UN-Menschenrechte nicht anerkennt. Und so weiter und so fort. Jegliche gesellschaftliche Freiheit und Errungenschaft die wir heute haben, wurde gegen die Kirche erkämpft!

  • kdubach@bluewin.ch am 11.12.2010 11:55 Report Diesen Beitrag melden

    Nach-Denken

    Warum gibt es auch Krieg? Und Wo am meisten? Die Kirche ist im Kopf und nicht im Universum!

  • Pit Rorschach am 11.12.2010 11:00 Report Diesen Beitrag melden

    Abschaffen

    Die Kirchensteuer gehört generell abgeschafft. Nur die Katholiken und Protestanten verlangen diese. Die christlich-orthodoxe Kirche erbringt ihre Dienste an den Gläubigen auf Grund von Spenden dieser, bei den Muslims dasselbe. Wieso die Katholiken und Protestanten dies nicht auch können,ist mir schleierhaft. Erstere horten ihr Gold sowieso schon in Rom.

  • michael palomino am 11.12.2010 02:12 Report Diesen Beitrag melden

    Kirchensteuer für einen Jesus-Führer

    Kirchensteuer ist Geld für einen Jesus-Führer und für ein dickes, kompliziertes Buch. Viele wollen das aber nicht mehr und vertrauen einer einfacheren, logischeren Lebensgestaltung. Also darf Kirchensteuer keine Pflicht sein, und Kirchenglocken sollten auch nicht mehr die Nachtruhe stören.