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14. April 2019 16:30; Akt: 14.04.2019 16:42 Print

Vier unter 14-Jährige nehmen sich das Leben

Ärzte behandeln schon unter 14-Jährige, die Suizid begehen wollen. Allein im Jahr 2016 nahmen sich vier Schweizer Kinder dieser Altersgruppe das Leben.

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Die Idee, dem Leben ein Ende zu setzen, ziehen zunehmend schon Kinder in Betracht. 2012 registrierten Schweizer Spitäler und Kliniken 22 Fälle von unter 14-Jährigen, die wegen Suizidalität eingeliefert wurden. Die neusten Zahlen aus dem Jahr 2017 weisen mit 48 bereits doppelt so viele Fälle aus. Dasselbe Phänomen beobachten Mediziner in den USA (siehe Box).

Zudem nahmen sich im Jahr 2016 vier Schweizer Kinder unter 14 Jahren das Leben – das ist seit 19 Jahren der höchste Wert. Auch Dagmar Pauli, Chefärztin der Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich, stellt fest, dass die Patienten mit Suizidgedanken tendenziell jünger werden. Es scheine, als ob Kinder immer früher die Verbindung machten: Wenn es mir schlecht geht, dann denke ich daran, mir etwas anzutun.

Kinder gehen heute anders mit Krisen um

«Es ist nicht neu, dass auch Kinder Krisen haben. Früher richtete sich deren Verzweiflung aber eher gegen aussen, sie rebellierten gegen Eltern oder Lehrer», sagt Pauli. Heute zeige sich eine Krise eher in der Wut gegen sich selbst.

Sie illustriert ihre These mit einem Beispiel: «Letzthin hörte ich zwei elfjährige Mädchen über die Netflix-Serie ‹13 Reasons Why› reden. Die eine sagte: ‹Ist doch klar, dass die sich umgebracht hat, sie wurde ja gemobbt.›»

Petra Zürcher vom Verein Regenbogen Schweiz beschreibt die Gefühlswelt der Angehörigen nach dem Selbstmord eines Kindes: Sie kenne nur ganz wenige Eltern, welche die Schuld nach einem solchen Ereignis nicht bei sich selber suchten. «Was hätte ich anders machen müssen?», «Wo habe ich etwas nicht bemerkt oder die Situation unterschätzt?», «Wo habe ich versagt?» seien zermarternde Fragen, von denen sich betroffene Eltern oft nur schwer loslösen könnten.

Auch soziale Medien spielen eine Rolle

Sie sieht in den sozialen Medien eine neue Qualität, die Kinder in Suizidgedanken stürzen kann. «Cybermobbing kann verheerend sein. Damit plagt nicht ein einzelnes Kind ein anderes, sondern es kann eine ganze Schulklasse auf ein Kind eindreschen.» Vor zwei Jahren sorgte der Fall einer 13-Jährigen für Bestürzung, die von Mitschülerinnen auf Instagram und Snapchat über Monate gemobbt worden war und sich daraufhin das Leben nahm.

Ein weiterer Grund sieht Zürcher in der Leistungsgesellschaft. Einerseits hätten die schulischen Anforderungen für die spätere Berufswahl zugenommen. Andererseits vermittelten viele Eltern bereits Primarschülern, dass ohne Top-Schulleistungen die Karriere verbaut sei. «Daneben setzen Instagram-Stars Kinder mit unerreichbaren Körperidealen unter Druck», sagt Zürcher.

«Gerade sensible und zartbesaitete Kinder können in Panik geraten, weil sie sich nicht imstande fühlen, diese Anforderungen zu erfüllen», sagt Zürcher. Sie kennt den Fall einer Zwölfjährigen, die sich aus Angst, die Gymi-Prüfung nicht zu schaffen, das Leben genommen hat.

Diese Lösungen gibt es

«Ich wünsche mir, dass die Gesellschaft gerade Kindern beibringt, dass sie Schwäche zeigen dürfen und ihr Leben auch nach einer nicht bestandenen Gymi-Prüfung noch unendlich viel zu bieten hat», sagt Zürcher.

«Die meisten Kinder, die einen Suizidversuch begehen, wollen nicht wirklich sterben», sagt Chefärztin Pauli. Es gelte deshalb bei der Behandlung neben Krankheiten wie Depressionen praktische Probleme zu lösen: Leistungsdruck, Mobbing oder familiäre Spannungen. «Damit lässt der Leidensdruck oftmals rasch nach.»

(pam)