Wahlniederlage

13. April 2015 18:08; Akt: 20.08.2015 10:38 Print

Warum die Grünen trotz Bio-Hype verlieren

von Jacqueline Büchi - Die Schweizer kaufen so grün ein wie noch nie – bio und vegan liegen im Trend. Experten erklären, warum die Öko-Parteien nicht davon profitieren.

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Co-Präsidentin Regula Rytz und Nationalrätin Maya Graf bei der Präsentation ihrer Fair-Food-Initiative. (Bild: Keystone/Gian Ehrenzeller)

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Umwelt- und Tierschutz standen in der Schweiz noch nie so hoch im Kurs wie heute: Die Schweizer haben noch nie so viel Geld für Bio-Produkte ausgegeben wie heute, vegane Restaurants schiessen wie Pilze aus dem Boden. Auch die Grosskonzerne haben den Trend erkannt: Selbst Grosskonzerne wie Coca-Cola oder McDonalds bemühen sich um einen grünen Anstrich. Wirtschaftspsychologin Mirjam Hauser vom Trendforschungs-Institut GDI bestätigt: «Die Nachfrage nach nachhaltig produzierten Lebensmitteln hat in den letzten Jahren stetig zugenommen – und ein Ende des Booms ist nicht in Sicht.»

Der Öko-Hype steht in krassem Gegensatz zu den aktuellen Wahlergebnissen: Grüne und Grünliberale haben dieses Jahr in allen kantonalen Wahlen verloren. In Zürich mussten sie am Sonntag sechs respektive fünf Mandate abgeben. Und die Aussichten für die Nationalratswahlen im Herbst sind Politologen zufolge kaum besser. Weshalb können die beiden Parteien das ökologische Potenzial so schlecht für sich nutzen?

Lifestyle, aber kein Politikum

Politologe Mark Balsiger sagt, den Grünen sei es offensichtlich noch nicht gelungen, diese vergleichsweise neuen Themen erfolgreich an die Wähler zu bringen: «Klassische grüne Themen sind der Atomausstieg und die Reduktion des motorisierten Individualverkehrs – die Forderungen nach fair produzierten Lebensmitteln und Tierschutz führt die Partei noch nicht lange in ihrem Portfolio.» Bis eine Partei in einem Thema von vielen Menschen als wirklich kompetent betrachtet werde, dauere es in der Regel sehr lange.

Nur weil Fairfood zu einem Lifestyle geworden sei, heisse das zudem noch nicht, dass die damit verbundenen Fragen als drängendes Problem wahrgenommen werden: «Eine schlechte Tierhaltung oder unökologisch produziertes Gemüse sind nicht vergleichbar mit dem Gau von Fukushima oder einem Verkehrskollaps.»

Auch Wirtschaftspsychologin Hauser gibt zu bedenken, dass längst nicht alle Menschen ein politisches Statement setzen wollen, wenn sie biologisch einkaufen. «Oft steht auch ein egoistisches Motiv im Vordergrund: Man will sich und seiner Gesundheit etwas Gutes tun.» In solchen Fällen sei nicht zu erwarten, dass sich das Konsumverhalten auch ins Wahlverhalten überträgt.

Tiefe Stimmbeteiligung ist Gift für Öko-Parteien

Laut Balsiger haben die Öko-Parteien zudem noch mit einer weiteren Schwierigkeit zu kämpfen: «Sie haben ein grosses Mobilisierungsproblem.» Viele Sympathisanten der Grünen und Grünliberalen würden der Urne fernbleiben oder schliesslich doch einer anderen Partei die Stimme geben. Tatsächlich schöpfte die GLP ihr Wählerpotenzial an den eidgenössischen Wahlen 2011 laut der Selects-Nachwahlbefragung so schlecht aus wie keine andere Partei. Nur 24 Prozent der Befragten, die stark mit der GLP sympathisieren, wählten die Partei schliesslich auch. Die Grünen kommen auf eine Quote von 37 Prozent. Zum Vergleich: Die SVP verfügt über eine rekordhohe Ausschöpfung von 81 Prozent. «Ist die Wahlbeteiligung dann noch so tief wie am Wochenende in Zürich, ist das Gift für die mobilisierungsschwachen Öko-Parteien», so Balsiger.

Genau dort wollen Exponenten der Luzerner Grünen ansetzen, wo die Wahlbeteiligung bei den Kantonsratswahlen Ende März ebenfalls ein Rekordtief erreicht hat. In einem Vorstoss fordern die Parlamentarier eine Wahlpflicht für alle Bürger. Laut Mark Balsiger ein ungeschickter Schachzug – denn Zwang komme in einer mündigen Gesellschaft nie gut an. «Mit einem solchen Vorschlag zementieren die Grünen ihr Image, alles reglementieren zu wollen, und das hilft ihnen nicht aus dem Wellental hinaus.» Balsiger verweist darauf, dass der Kanton Schaffhausen seit Jahrzehnten eine solche Wahl- und Abstimmungspflicht kennt – die Wahlbeteiligung sei deshalb nicht signifikant höher als in anderen Kantonen.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Susanne am 13.04.2015 18:21 Report Diesen Beitrag melden

    leider nicht grün sondern links

    Naja, bei reinen Grün-Themen könnte man noch eine gewisse Sympathie aufbringen, aber leider sind die sogenannten Grünen mehr links als die SP. Und Bevölkerungswachstum fördern soll grün sein? Sorry, werdet vernünftig.

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  • Doris am 13.04.2015 18:17 Report Diesen Beitrag melden

    0:3 für die, welche es gut meinen

    Es ist eigentlich klar; Die Energiewende (eher neue Steuern zugunsten von Lobbysten) haben die Wähler verstanden! Dann, die Gutmenschenpolitik wäre eingentlich recht, jedoch überbordet. Und, schlussendlich die maaslose Zuwanderung, an welcher über Teufenkommraus festgehalten wird, welche aber mit humanem Verstand nicht mehr zu rechtfertigen sind.

  • Schweizer Bürger am 13.04.2015 18:15 Report Diesen Beitrag melden

    Zuwanderung wird ein Kernthema

    Die Zuwanderung ist ein Problem, man kann halt nicht immer Parkgebühren verlangen und sich für die Umwelt einsetzen. Das Volk ist nicht blöd und durchschaut das ganze und lässt sich nicht mehr so einfach abzocken. Wenn man Energie braucht muss man etwas verbrennen. Und ich denke wir in der kleinen Schweiz können sowieso nichts ander Umweltverschmutzung ändern.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Ruedi W. am 14.04.2015 18:41 Report Diesen Beitrag melden

    Mit Grenzen öffnen ist es nicht getan!

    Fukushima, Atomkatastrophen, ökologische Probleme etc. sind nicht in Vergessenheit geraten. Nein der/die BürgerIn hat eingesehen, dass auch die Bürgerlichen eine grüne Ader haben. Das Extreme von Linksgrün, GLP, BDP aber über Kurz oder Lang völlig aus dem Ruder laufen wird.

  • Gerold Kälin am 14.04.2015 17:07 Report Diesen Beitrag melden

    Fordern, fordern aber nicht liefern.

    Naja. Heute im Radio war wieder zu hören, was man alles verbieten soll nach den tragischen Unfällen am Sächse-läuten. Und woher kamen diese Verbotsforderungen? Genau vom Präsidenten der Zürcher Kantonalpartei. Erst gerade eine Ohrfeige erhalten und trotzdem so weiter machen. Die lernen es nie.

  • Walter am 14.04.2015 11:05 Report Diesen Beitrag melden

    Grüne wollen andere Probleme nicht sehen

    Der Engstirnige-Grünen-Politik kann man nicht mehr zuhören, nun wurde und wird eben abgerechnet, so wie es sich gehört. Adieu die Herren Glättli - Girod - Bäumle + Co. - wär nicht hören will muss fühlen - die Zeit ist nun Reif Zeichen auch für die Herbst-Wahlen zu setzen.

  • aargau er am 14.04.2015 10:51 Report Diesen Beitrag melden

    Fehlanalysen der Zeitung

    Die Verluste der Grünen lassen sich auf verschiedene Punkte zurückführen: Geri Müller, Yolanda Hegglin-Spiess. Zudem haben sie eine grosse Klappe bei der nichts dahintersteckt. Bestes Beispiel Regula Rytz. Der Einwanderungshype ist dann noch das Tüpfelchem auf dem i. Anstatt die Umwelt zu schützen, wollen sie alles Verbetonieren. Es wundert mich nicht, dsss grüne meisstens in der Stadt wohnen. Den Todesstoss wird dann noch die Energiewende geben, weil die Mieten aufs doppelte steigen sollen.

    • Heidi B am 14.04.2015 11:07 Report Diesen Beitrag melden

      @aargau

      Warum die sich Grün nennen ist mir schleierhaft. Die scheinen nur zu wissen wie die Farbe aussieht. Der Rest, also Bedeutung oder Achtsamkeit was hinter Grün stecken sollte, scheint dieser Partei völlig fremd zu sein, sieht man doch sehr gut wie die Partei sich einsetzt! Bitte umbenennen zu: die Grauen!

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  • hajos am 14.04.2015 10:50 Report Diesen Beitrag melden

    Arrogante und überhebliche Parteispitze

    Was der Mensch an Umweltschutz machen kann das soll er tun, allerdings ist auch er ein Teil der Natur und muss auch gelebt haben. Was uns die Grünen allerdings von oben herab diktieren wollen, kann ich so nicht akzeptieren. Diese Arroganz die gewisse Leute an der Spitze der grünen Partei an den Tag legen, ist sowas von überheblich und belehrend, ich kann es nicht mehr hören und sehen. Wenn sie dabei an Wähleranteil verlieren müssen sie nicht lange Schuldige suchen, die finden sie in den eigenen Reihen. Umweltschutz ist was der Einzelne lebt und nicht was man anderen aufdiktieren möchte.