Gamesüchtiger Bub

19. Dezember 2018 09:52; Akt: 19.12.2018 09:52 Print

«Wegen ‹Fortnite› will er nicht essen und duschen»

von B. Zanni - Ein 9-jähriger Bub kann die Finger einfach nicht von «Fortnite» lassen. Seine Mutter weiss nicht mehr weiter.

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«Pro Tag schalte ich meine Playstation etwa 20-mal ein und spiele ein bisschen. Wenn ich inmitten einer guten Runde bin und meine Mutter will, dass ich aufhöre, raste ich aus», sagt der neunjährige Bub. (Symbolbild) Das kostenlose Shooterspiel ist beliebt wie kaum ein zweites: 200 Millionen registrierte Spieler zählen die Macher mittlerweile. «‹Fortnite› ist derzeit das gefährlichste Spiel in der Schweiz. Immer mehr Jugendliche verlieren die Kontrolle», sagt Franz Eidenbenz, Leiter Behandlung des Zürcher Zentrums für Spielsucht. «Sie schaffen es nicht, selbst abzustellen – bis ihre Schulleistungen abnehmen und sie Sport und Freundschaften vernachlässigen.» Empfohlen wird das Spiel ab 12 Jahren, eine klare Alterbeschränkung fehlt aber. Die Macher von «Fortnite» hätten ein Spiel mit enormem Suchtpotenzial entwickelt, wie Eidenbenz erklärt. Die comicartige Darstellung spreche die ganz Jungen an. «Betroffene melden sich zu spät: meistens erst, wenn schon gesundheitliche Probleme vorliegen», sagt Jochen Mutschler, Chefarzt der Psychiatrie in Meiringen. «Zur Gamesucht kommt häufig eine Depression hinzu», so Chefarzt Mutschler. In der Schweiz werde das Problem zu wenig präventiv angegangen. «Ein Verbot bringt nichts. Mit ihm hinkt man hinterher. Wenn bestimmte Spiele erst verbreitet sind, bringt man sie nicht mehr weg», sagt Mutschler. Auch Pro Juventute spricht sich für mehr Prävention aus. «Verbote können keinen umfassenden Schutz vor den Risiken des Internets bieten», sagt Sprecher Bernhard Bürki.

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Das Battle-Royale-Game «Fortnite» zieht Millionen von Spielern in den Bann. Aber immer mehr Jugendliche würden dabei auch süchtig, wie Franz Eidenbenz, Leiter Behandlung des Zürcher Zentrums für Spielsucht, berichtete. Auch «Fortnite»-Fan C. L.* kann seine Finger nicht mehr vom Game lassen. Mutter H. L.* ist verzweifelt:

Mutter (45)*
«Er hat sich stark verändert»

«Dieses Spiel ist eine Katastrophe. Ich weiss nicht mehr, was ich machen soll. Am liebsten würde ich die Internetverbindung kappen, um dieser Tragödie ein Ende zu setzen. Seit mein Sohn dieses schreckliche Game spielt, hat er sich stark verändert. Er weigert sich, die Hausaufgaben zu machen, zu duschen und zu essen. Manchmal nimmt er das Abendessen mit vor den Fernseher und isst am Boden. Neuerdings täuschte er sogar Bauchschmerzen vor, um ‹Fortnite› spielen zu können, statt ins Fussballtraining zu gehen. Früher hat er sich immer sehr aufs Training gefreut.

Seine Stimmungen sind auch schrecklich. Ist er am Verlieren, kickt er vor Wut in die Tür. Manchmal weint er auch, wenn er von vorn anfangen muss. Oft flucht er mich an, wenn ich ihn zwinge, mit Spielen aufzuhören. ‹Du bist eine schlechte Mutter›, sagt er dann zum Beispiel. Dazu beschimpft er mich mit wüsten Beleidigungen.

Schlimm ist, dass all seine Freunde ‹Fortnite› spielen. Teilweise haben sie um Mitternacht angerufen, um ihn zum Spielen aufzufordern. Seither muss ich mein Handy ab 20 Uhr ausschalten. Wäre ich nicht zu Hause, würde er von 7.30 Uhr bis Mitternacht durchspielen. Ich gehe deshalb nur noch arbeiten, wenn mein Sohn in der Schule ist. Ihn von ‹Fortnite› abzuhalten, schaffe ich nur noch unter Strafandrohungen. Im Moment schreibt er noch gute Schulnoten. Aber wenn er so weitermacht, wird er krank. Ich bete dafür, dass ‹Fortnite› in der Schweiz verboten wird.»

Sohn (9)*
«Man will immer gewinnen»

«Habe ich dreimal hintereinander verloren, geht mir ‹Fortnite› auf den Sack. Dann höre ich auf. Pro Tag schalte ich meine Playstation etwa 20-mal ein und spiele ein bisschen. Wenn ich inmitten einer guten Runde bin und meine Mutter will, dass ich aufhöre, raste ich aus. Ich will deswegen doch nicht meinen epischen Sieg verpassen! Vielleicht reagiert sie so, weil ich ‹Fortnite› manchmal zu oft spiele. Aber süchtig bin ich sicher nicht.

Beim ‹Fortnite›-Spielen fühlt man sich einfach megagut. Ich liebe es zum Beispiel, mit dem Hängegleiter über die Landschaften zu fliegen, die Map nach Gegnern abzusuchen und dann gegen sie zu fighten. Man will immer gewinnen. Als Sieg erhält man einen Fallschirm. Das Coolste daran ist, dass die anderen Spieler meinen Sieg auch sehen.

Ich kann mit all meinen Freunden spielen und über das Headset gleichzeitig mit ihnen reden. Alle spielen dieses Game! Über 100 Freunde habe ich. Es ist also immer jemand da, um mit mir in einer Lobby zu spielen oder gegen mich zu kämpfen. Und sonst kann ich auch gegen fremde Gegner spielen. ‹Fortnite› wird nie langweilig, es entwickelt sich immer weiter. Ich bin seit Season zwei dabei. Ständig kommen neue Waffen dazu. Und jetzt gerade ist in ‹Fortnite› auch Winter. Es hat Schnee, Eis und Weihnachtsbäume.»

*Aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes werden die Namen der Betroffenen nicht publiziert.

Beim Gamen rasten Fortnite-Spieler oft aus, wie US-Comedian Jimmy Kimmel kürzlich eindrücklich zeigte:

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Gérard am 19.12.2018 06:33 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Spielzeit kontrollieren

    9-Jährige, stundenlang spielen? Als Vater trage ich die Verantwortung. mein 9-Jähriger Sohn hat eine Spielzeit von 30 Minuten pro Tag, danach ist fertig und der Laptop wird heruntergefahren. Da kann er jammern, bis er gelb wird, aber dafür muss er nicht in psychiatrische Behandlung.

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  • Ralf K. am 19.12.2018 05:55 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Tja Pech Keule

    Seit Fortnite gingen die Schulnoten flöten und das Kinderschutzprogramm wurde ausgetickst um länger zocken zu können. Ich habe Sohnemanns PC in Einzelteile zerlegt und im Keller eingelagert. Seither gibt's Fortnite nur noch als Let's Play auf YouTube. Die Maßnahme ist solange in Kraft bis die Schule wieder wichtiger wird.

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  • TheRealSchnauz am 19.12.2018 06:08 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Warum?

    Das Spiel ist so dumm.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Te Rasse am 19.12.2018 15:39 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Fördert vernetztes Denken

    Ja. Absolut. Ganz genau

  • Tim am 19.12.2018 15:34 Report Diesen Beitrag melden

    So lange

    Ich bin 12j alt und Game nur wen ich es darf und zuerst die Hausaufgaben gemacht habe nur dan darf ich an die console etwa1-2 h dank meinen Eltern

  • Rigorosa am 19.12.2018 15:25 Report Diesen Beitrag melden

    Mitgamen

    Die etwas andere Lösung: Mama spielt mit, denn ihre Erziehungsmethode und Intelligenz entsprechen in etwa diesem Level. Und Sprössling ist zufrieden und hat gewonnen. Wo kommen wir hin, wenn Kinder ihre Eltern erziehen und bei Nichtgelingen auch noch der Therapeut ran muss? Ich sag's ja schon seit eh: Es gibt viele Leute, die sollten einfach keine Kinder auf die Welt setzen, die sind schon mit sich selbst überfordert.

  • Medienpädagogin am 19.12.2018 15:24 Report Diesen Beitrag melden

    Inkompetente Aussagen

    Ich finde es immer witzig wenn Leute aus der Gameindustrie, die weder eine Ahnung von Pädagogik, Psychologie oder Mediendidaktik haben, solche falschen Aussagen machen. 1. Süchtig machen Dinge, die im Gehirn einen kurzfristigen, intensiven Belohnungseffekt erzeugen. Solche Spiele werden so entwickelt, dass sie genau diesen Effekt verursachen, also süchtig machen. 2. Nur weil ein Spiel eine Strategie erfordert, heisst das noch lange nicht, dass es aktiv strategisches Denken fördert. 3. Insider-jokes und memes sind keine bedeutsamen Voraussetzungen für Freundschaften.

  • ... am 19.12.2018 15:12 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wow...

    ...da haben ja die Eltern versagt! Spielekonsum bzw Medienkonsum ist in diesem Alter Erziehingssache!