Maurice (24)

25. November 2019 18:58; Akt: 26.11.2019 13:20 Print

«Wegen Gamesucht landete ich auf Strasse»

von Remo Schraner - In unserer Serie über Handysucht erzählen zwei Betroffene von ihrem Leiden. Maurice (24) zum Beispiel zockte vier Tage lang durch.

Maurice (24) zockte manchmal vier Tage lang durch ‒ ohne zu schlafen.
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«Alles begann, als ich 14 war. In den Schulferien zockte ich mit meinem Kollegen manchmal eine Woche lang durch. Da seine Mutter fast nie zu Hause, der Kühlschrank aber immer voll war, nutzten wir das aus. Bis nachts um 3 Uhr spielten wir Ballergames. Geschlafen haben wir eigentlich nur, weil uns während des Zockens die Augen zugefallen sind. Am nächsten Tag ging es dann mit dem Gamen weiter.»

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Essen als notwendiges Übel

«Als ich mit 16 in die Lehre kam, wurde mir das Onlinespiel ‹Grand Theft Auto› und das Computerspiel ‹Payday 2› zum Verhängnis. Den Tag hindurch arbeitete ich als Gärtner, nachts spielte ich. Da ich kaum noch schlief, kam ich oft unpünktlich zur Arbeit. Auch meine Noten in der Berufsschule wurden schlechter. Doch ich bestand meine Lehre.

Danach wurde es heftiger. Ich suchte nicht nach einem Job, sondern zockte lieber weiter. Manchmal waren es 18 Stunden am Stück. Das ging, weil ich noch bei meiner Mutter wohnte und ich gratis bei ihr lebte. Doch dann wurde ihr mein Suchtverhalten zu viel. Ich wiederum sah nicht ein, dass ich ein ernsthaftes Problem hatte. Also zog ich mit 21 Jahren zu meinem Vater. Doch meine Gaming-Sucht störte auch ihn.

Manchmal zockte ich vier Tage lang durch ‒ ohne zu schlafen. Das Essen war für mich nur noch ein notwendiges Übel. Ich ernährte mich von Chips, Brot und Energydrinks. Manchmal machte ich auch eine Gaming-Pause und schaute auf meinem Handy ‹Breaking Bad› oder sonst eine Serie.»

Obdachlos und handysüchtig

«Mein Vater sah nach einem Jahr keine andere Lösung, als mich rauszuwerfen. So landete ich wegen meiner Sucht für ein paar Monate auf der Strasse. Oft konnte ich bei Freunden oder bei meinem älteren Bruder übernachten. Manchmal musste ich mir aber draussen einen Schlafplatz suchen. Meistens fand ich am Bahnhof ein Bänkli oder übernachtete in einem Warteraum. War der Handyakku aufgeladen, schaute ich dann Serien. Denn schlafen konnte ich draussen nicht wirklich. Das verstärkte meine Handysucht.»

Mit Sport kämpft sich Maurice aus der Sucht

«Nach vier Monaten ohne Zuhause entschied ich mich für einen Klinikaufenthalt. Denn als meine Mutter mich wieder einmal sah, wog ich nur noch 48 Kilo. Bei meiner Grösse von 178 Zentimetern war das viel zu wenig. Das war 2017.

Erst in der Klinik merkte ich, dass ich gamingsüchtig bin. Ich begann jeden Tag ins Fitness zu gehen. Mich auszupowern und meinen Körper zu spüren, ist etwas, was mir das Gaming nicht geben kann. Plötzlich hatte ich gar keine Zeit mehr, mich mit meinem Handy zu beschäftigen. Ich hatte Besseres zu tun. Wie eben Sport – oder ich unterhielt mich mit den anderen Patienten.

Anfang dieses Jahres entschied ich mich für einen weiteren Klinikaufenthalt. Diesmal war ich sieben Wochen lang in der Klinik in Meiringen. Dort hat man sich auf Verhaltenssüchte spezialisiert hat. Denn meine Gamesucht wurde stärker. Zudem leide ich unter Depressionen.»

«Schämt euch nicht!»

«Zurzeit befinde ich mich in einer Tagesklinik. Sie hilft mir, dass ich eine Tagesstruktur habe. Ich will eine Zweitlehre als Uhrmacher machen und bin mich nun am Bewerben. Eine eigene Wohnung wäre auch nicht schlecht.

Ich bin noch immer süchtig nach Games und meinem Handy. Aber heute verbringe ich nur noch fünf Stunden pro Tag damit. Klar, das ist noch immer viel. Aber viel weniger als vorher.

Für alle Betroffenen da draussen: Vernachlässigt euer reales Leben nicht! Freunde, Familie und der Beruf sind so wichtig. Holt euch Hilfe und schämt euch nicht dafür.»


Serie: Handysucht

Teil 1: Maurice (24) zockte, bis er auf der Strasse landete.
Teil 2: Melanie (19) war bis zu 12 Stunden am Handy.
Teil 3: Facharzt Jochen Mutschler über die Handysucht.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Yvonne am 25.11.2019 19:08 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Du schaffst das !

    Super viel Kraft wünsch ich dir. Du schaffst das! Kleine Schritte.

  • Jaxky am 25.11.2019 19:17 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Sucht....

    Herzlichen Dank für Deinen Mut und Beitrag werde es gerade meinen Jungs als Abendessen Thema servieren

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  • T. Meyer am 25.11.2019 19:09 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Stop!!

    Übel, übel was das alles bewirkt. Viele schauen weg und denken sich nichts dabei. Es gibt Süchtige Schüler die total absacken wegen den Sielen zudem werden sie noch aggressiv wenn man sie darauf Hinweist. Diese Spiele werden ganz bewusst so gemacht, dass man süchtig wird

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Apex/Predator am 26.11.2019 19:54 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Sucht

    Ich (23j)spiele viel Abends ca. 8h Playstation. Am Wochenende locker mal 16 Stunden am Stück, trotzdem gehe ich jeden Tag joggen oder Schwimmen & Arbeite täglich 8,5h. Wenn ich am Wochenende nicht spiele, bin ich auf Citytrips & meine Urlaube verbringe ich immer ausserhalb Europas. Alles nur eine Einstellungssache, Sucht bedeutet nicht gleich Sucht.

  • Kurt W. am 26.11.2019 19:35 Report Diesen Beitrag melden

    Games

    So wie man sich bettet so liegt man.An die Medien zu gehen bringt nichts,die schlachten nur die Vergangenheit zu ihren Gunsten aus.

  • Sebastian am 26.11.2019 19:30 Report Diesen Beitrag melden

    Oha

    Der Junge leider an einer Sucht, weswegen seine Eltern ihn zusätzlich Obdachlos machten. Wow, da braucht man keine Feinde bei solchen Eltern.

  • Bündnerbuab am 26.11.2019 18:18 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Hut ab vor dir

    Lieber Maurice. Ich bin stolz auf dich. Du hast den 1. Schritt selbständig gemacht und dir Hilfe geholt. Ich war in einer ähnlichen Situation wie du - nicht mit Gamen - sondern mit anderen Sachen. Den Ausstieg habe ich dank tollen Ärzten und eines Arbeitgebers, der mir ohne Vorurteile aber mit voller Transparenz über meine Vergangenheit, eine Chance gab. Höre nicht auf Menschen, für die nur Geld und deine Kosten im Vordergrund stehen. Meistens motzen Menschen, die vom Staat mehr beziehen als sie geben, über andere. Du wirst es schaffen. Drücke dir die Daumen.

  • jane77 am 26.11.2019 17:21 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    die Mischung aus allem

    ich denke dass in der heutigen Zeit viele Menschen abhängig sind vom Handy da man alles machen kann von telifonieren bis Filme schauen. ich verbiete meinen Kindern das Gamen nicht erwarte aber dass die Noten stimmen, pünktlich zur Schule/Lehre gegangen wird und dass sie sich auch in real life mit Freunden treffen sowie Sport machen. eine gesunde Mischung aus sozialen Medien und real life