Spionage-Affäre

16. Februar 2020 04:08; Akt: 17.02.2020 09:44 Print

Wussten noch mehr Bundesräte Bescheid?

Neben Alt-Bundesrat Villiger sollen auch Amtskollegen Koller, Delamuraz und Cotti über die Machenschaften der Zuger Firma im Bild gewesen sein.

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Die Bundesrätin leitete letztes Jahr intern Abklärungen über die Crypto-Affäre ein: Viola Amherd an einer Medienkonferenz in Bern. (27. November 2019) Diese Abklärungen hätten ergeben, dass der damalige Bundesrat doch von der Spionageoperation der CIA und des deutschen Geheimdienstes gewusst habe. Das offizielle Bundesratsfoto von 1995 (v.l.n.r.oben): Francois Couchepin, Adolf Ogi, Arnold Koller, Flavio Cotti, Ruth Dreifuss, (v.l.n.r.unten) Jean-Pascal Delamuraz, Kaspar Villiger, Otto Stich. Die Crypto-Affäre: Die Zuger Firma Crypto AG verkaufte über Jahre hinweg von der CIA und vom BND manipulierte Verschlüsselungsgeräte. Bruno von Ah hat im Jahr 1967 als Entwicklungsingenieur bei der Firma angefangen. Er sagt zu 20 Minuten, dass die normalen Angestellten nichts von den eingebauten Hintertüren gewusst hätten. «Die Algorithmen, die wir einbauen mussten, waren dermassen komplex, dass sogar wir nur sehr schwer herausfinden konnten, dass eine Hintertür eingebaut wurde.» Es verdichteten sich bereits die Hinweise, dass die neutrale Schweiz die Spionage über die Zuger Firma tolerierte: Der deutsche Geheimdienstkoordinator Bernd Schmidbauer, laut dem die Operation die «Welt sicherer gemacht hat», sagt in der SRF-«Rundschau»: «Ich nehme an, dass die Schweizer Dienste nicht uninformiert waren.» Die Sendung zitiert auch aus einem CIA-Dossier: «Die ausländische Kontrolle der Crypto AG war ein Geheimnis, über das Schlüsselpersonen in der Regierung nicht sprechen wollten. Sie wussten aber eindeutig darüber Bescheid.» So soll der frühere FDP-Bundesrat Kaspar Villiger über die Vorgänge in der Crypto AG informiert gewesen sein. «Villiger wusste, wem das Unternehmen gehörte, und fühlte sich moralisch verpflichtet, dies offenzulegen.» Jedoch habe Villiger nichts unternommen. Der Alt-Bundesrat bestreitet diese Darstellung in der «Rundschau» vehement: Handlangerdienste für Drittstaaten hätte er niemals gedeckt. Auch im «Tages-Anzeiger» dementiert er die Vorwürfe: «Ich war in diese nachrichtendienstliche Operation nicht eingeweiht.» FDP-Nationalrätin Christa Markwalder sagte in der SRF-Arena vom 14. Februar, sie glaube Kaspar Villiger, wenn er sage, er habe nichts von der Affäre gewusst. Beim Nachrichtendienst des Bundes laufen gemäss der Rundschau derzeit interne Abklärungen. Der Bundesrat hat eine Untersuchung der Vorfälle angeordnet, um die Faktenlage zu klären. Bis Ende Juni 2020 sollten die Ergebnisse vorliegen.

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Viola Amherd, Vorsteherin des Verteidigungsdepartement VBS schrieb in einem Papier für den Bundesrat, dass Dokumente auftauchten, die darauf hinweisen, dass Alt-Bundesrat Kaspar Villiger über die Spionage-Aktion der CIA in der Schweiz informiert war – was Villiger bereits dementierte. Und sie schrieb, dass es zum damaligen Justizminister Arnold Koller, CVP, keine Hinweise gebe.

Gemäss Informationen der «SonntagsZeitung», wollte das EJPD der aktuellen Justizministerin Karin Keller-Sutter, FDP, das so nicht stehen lassen. Sie verlangte gemäss mehreren Quellen eine Korrektur und hielt dabei fest: Der Hinweis, Arnold Koller sei nicht erwähnt, gelte nur für die Quellen des VBS. Seither fragt man sich im Bundeshaus, ob diese Präzisierung gemacht wurde, weil Akten aus anderen Departementen mit dem Namen Kollers aufgetaucht sind.

Amherd jedenfalls schrieb gemäss Insidern in ihr eigenes Analysepapier, dass nicht nur Villiger, sondern auch Koller in der Öffentlichkeit unter Druck geraten könnten. Fakt ist: Koller spielte bei den Ereignissen eine zentrale Rolle. In seinem Departement fanden die missratenen Ermittlungen statt, die damals nicht aufdeckten, dass die Crypto AG ein Vehikel der CIA ist.

Auch Delamuraz und Cotti

Dass Koller von der Spionage gewusst haben muss, geht auch aus einem Bericht der «NZZ am Sonntag» hervor. Koller sei demnach nicht nur über die Abklärungen der Bundespolizei zur Crypto AG informiert gewesen, sondern habe auch von Villigers Kontakten zu einem Verwaltungsrat der Firma gewusst.

Darüber hinaus sollen auch die Regierungskollegen Jean-Pascal Delamuraz und Flavio Cotti von den Machenschaften der Zuger Firma gewusst haben. Dies gehe aus einem Schreiben hervor, das die Zeitung im Zuger Dokumentationszentrum entdeckte. Der Brief eines verhafteten Geschäftsmannes, der im Iran für den Vertrieb der Crypto AG betraut war, sei direkt an die beiden Politiker gerichtet gewesen. Darin habe er geschrieben, dass er Geräte der Firma Crypto, die der Spionage dienten, verkauft habe. Auch habe er erwähnt, dass deutsche Interessen hinter der Firma stünden. Daraufhin habe ein Chefbeamter von Delamuraz geantwortet und gesagt, dass man nichts für ihn tun könne.

(roy)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • marcel am 16.02.2020 08:28 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Alter hut

    So geheim ist das doch schon seit über 25 Jahre nicht mehr. Nur war man damals ein Verschwörungstheoretiker.

  • Markus Eugster am 16.02.2020 08:35 Report Diesen Beitrag melden

    Lückenlose Aufklärung

    Also hallo! Diese Herren wussten Bescheid! Dann müssen sie zur Rechenschaft gezogen werden und unter Umständen auch hinter schwedische Gardinen!

    einklappen einklappen
  • StaffChef am 16.02.2020 08:27 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Immer FDPler

    Schon komisch dass es immer FDP Politiker sind welche in Skandale verwickelt sind.

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • Alexander Hirzel am 17.02.2020 17:44 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden
    Giphy Giphy
  • hgidl am 17.02.2020 11:16 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Vertrauen??

    Es wird wieder lamentiert, mit dem Ziel, die Angelegenheit unter den Teppich zu kehren. Als Bürger und Wähler in diesem Land, erwarte ich hier eine lückenlose Aufklärung! Wie soll ich als solcher Vertrauen in unsere Magistraten haben, wenn da schon wieder gemauschelt wird? Gelinde gesagt ist das mehr als enttäuschend!

  • spycatcher am 16.02.2020 22:33 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Hidden Agenda?

    Es ist doch schon interessant wie redselig plötzlich gewisse fremde Geheimdienste geworden sind - etwas das sonst ganz und gar nicht der Fall ist. Man fragt sich langsam was sie denn damut betwecken wollen?

  • Wer es am 16.02.2020 21:10 Report Diesen Beitrag melden

    mit allen kann, eckt

    gelegentlich schon mal an, fängt hie und da, später oder früher, schon mal blaue Flecken davon.

  • Markus T. Puder am 16.02.2020 20:49 Report Diesen Beitrag melden

    Jetzt schaltet mal runter

    Was denkt Ihr wofür das "Geheim" im Wort Geheimdienst steht?