Unsere Autorinnen zur Doppeladler-Pose

25. Juni 2018 15:20; Akt: 25.06.2018 15:41 Print

Wo ist das Herz der Secondos zu Hause?

Die Doppeladler-Diskussion hat erneut die Frage aufgeworfen, wo sich Secondos heimisch fühlen. Unsere Autorinnen beschreiben ihre Beziehung zur Schweiz.

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Granit Xhaka hat sie gemacht, Xherdan Shaqiri auch: die Doppeladler-Pose. Die beiden schweiz-kosovarischen Nati-Spieler, die je ein Goal geschossen haben, haben damit die Diskussion nach dem Zugehörigkeitsgefühl und der wahren Heimat der Secondos neu entfacht. Unsere Autorinnen, die Schweiz-Kosovarin Qendresa Llugiqi und die Schweiz-Serbin Monira Djurdjevic erklären, was für sie Heimat bedeutet und was sie von der Doppeladler-Pose und der hitzigen Debatte halten.

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Was hat der Doppeladler-Jubel bei dir ausgelöst?

Qendresa Llugiqi (27): «Man kann sich nicht zwischen Mutter und Vater entscheiden»

«Jetzt reicht es! Ständig wird von mir als Schweiz-Kosovarin erwartet, dass ich mich für ein Heimatland entscheide. Ich soll ‹klar Stellung› beziehen. Was Heimat für mich bedeutet? Zugehörigkeit. Es ist der Ort, wo man aufgewachsen ist, sich geborgen und verstanden fühlt. Meine ersten vier Lebensjahre habe ich teilweise in der Schweiz und im Kosovo verbracht, wo ich geboren wurde. Erst danach ist meine Familie hier sesshaft geworden. Dennoch sind wir mindestens einmal im Jahr in den Kosovo gereist, wenn möglich mehrmals. Natürlich hat die Schweiz in der Heimatwahl die Oberhand, weil ich mich hier mehr entfalten konnte, doch mein Herz wird den Kosovo nie vergessen können. Ein Bild, das ich oft verwende, um dieses spezielle Gefühl zu beschreiben, ist folgendes: Der Kosovo ist für mich wie die Mutter für ein Neugeborenes. Der erste Kontakt, die erste Liebe. Die Schweiz ist wie ein Vater: Im Austausch lernen sowohl er als auch das Baby, sich zu lieben, und das Baby weiss, dass es auch dort geborgen und willkommen ist. Vielleicht hat man einen Elternteil lieber, aber man wird nie zwischen ihnen entscheiden können.

Da weder der Kosovo noch Albanien (meine Familie stammte ursprünglich von dort) an der WM teilnimmt, kann ich meine ganze Fankraft auf die Schweiz fokussieren. Auch am Freitag habe ich mitgefiebert. Jedoch anders als gegen Brasilien. Das lag nicht etwa daran, dass der Gegner Serbien hiess oder an der Umdeutung, dass nun die Albaner gegen die Serben spielen – wie es im Vorfeld breit diskutiert worden war. Es lag schlicht daran, dass die Schweiz einen ebenbürtigen Gegner hatte, der unserer Nati Dampf gemacht und dem Spiel Pfeffer gegeben hat. Diese Darbietung war von der Lahmarschigkeit des ersten Gruppenspiels meilenweit entfernt. In diesem schnellen und kraftvollen Spiel konnten sich Emotionen entwickeln. Man litt mit, schrie, schimpfte und vergass komplett, dass man Nachbarn hat. Die Nati musste für das 2:1 bluten.

Nun gerät dieser Sieg aber in den Hintergrund. Stattdessen im Fokus: die Pose von Granit Xhaka, Xherdan Shaqiri und Co. Ich bin ehrlich: Bereits als Xhaka den Doppeladler machte, dachte ich gleich, es wird Konsequenzen haben. Zu diesem Zeitpunkt konnte ich mir aber noch nicht vorstellen, was für ein Beben dadurch ausgelöst wird. Natürlich war dieses Spiel politisch und emotional geladen. Das hat man ja im Vorfeld gesehen. Vermutlich ist das der Grund, warum die Posen nun heftiger diskutiert werden, als wenn sie bei einem anderen Spiel gezeigt worden wären. Klar ist: für Albaner ist der Doppeladler ein Zeichen der Zugehörigkeit, für andere eine Provokation. Da diese aber wiederum eine dieser Diskussionen ist, die endlos ist und egal, was man sagt, falsch ist, werde ich mich nicht weiter dazu äussern.

Wie auch immer die Pose gewertet wird, eines steht für mich fest: Ein Verrat an der Wahlheimat Schweiz ist sie kaum. Dass Xhaka und Shaqiri auch die Schweiz im Herzen tragen, hat sich bereits 2016 gezeigt, als der Kosovo von der Uefa und der Fifa aufgenommen wurde. Obwohl die albanischstämmigen Spieler von allen Seiten aufs Übelste beschimpft und bedroht wurden, sind sie weiterhin Teil der Schweizer Nationalmannschaft. Vermutlich geht es ihnen genauso wie mir, wie zu Beginn erklärt: Man kann sich nicht zwischen Mutter und Vater entscheiden.»

Monira Djurdjevic (32): «Ich kritisiere das Verhalten der beiden Spieler»

«Für mich ist Heimat dort, wo ich mich wohl, geborgen und zugehörig fühle – wo ich mich mit den Werten, der Kultur und den Menschen identifizieren kann. Es ist schwierig, das Wort Heimat zu definieren, es ist mehr ein subjektives Gefühl und daher individuell.

Meine Heimat ist die Schweiz. Da ich aber einen serbischen Nachnamen habe, werde ich oft gefragt, woher ich komme. Wenn ich Schweiz oder Zürich sage, merke ich schnell, dass die Antwort nicht befriedigend war. Und so folgt auch gleich: «Ja, aber du hast ein -ic im Namen.» Dann muss ich mal wieder in einer Kurzfassung meine Lebensgeschichte erzählen: Dass meine Eltern ursprünglich aus Serbien stammen, meine Mutter mit 15 und mein Vater mit 22 Jahren in die Schweiz kamen, meine Schwester und ich hier geboren und aufgewachsen sind, wir zu Hause Schweizerdeutsch sprechen, nur selten nach Serbien reisen (ich war schon über zehn Jahre nicht mehr da) und ich mich als Schweizerin sehe, da ich mich weder mit Serbien identifizieren kann noch einen emotionalen Bezug zum Land habe.

Ich kann mich zwar auf Serbisch unterhalten, beherrsche die Sprache aber nicht perfekt. Meine Eltern haben keinen grossen Wert darauf gelegt: Mein Vater hat immer gesagt: «Wir sind in der Schweiz, sie muss perfekt Deutsch sprechen – serbisch kann sie so nebenbei lernen.» Ich habe auch keine serbischen Freunde – den grössten Teil machen Schweizer aus. Ich habe also keinen grossen Bezug zu meiner serbischen Herkunft und fühle mich deshalb ausschliesslich als Schweizerin.

Ich kann es aber verstehen, wenn Menschen nicht nur eine Heimat haben. Kulturen dürfen sich vermischen. Assimilation ist meiner Meinung nach nicht nötig. Eine gewisse Identifikation und Integration hingegen schon – vor allem wenn man die Schweizer Nationalmannschaft vertritt. Damit geht man eine gewisse Verantwortung ein und übernimmt eine Vorbildfunktion – so auch Shaqiri und Xhaka, die sich dem anscheinend nicht bewusst sind.

Ich bin kein grosser Fussballfan, habe aber das Spiel am Freitag trotzdem gespannt mitverfolgt – wie viele andere auch. Und wie viele war ich über die Art des Jubels überrascht. Die einen interpretieren es als Provokation, weil sie Serben sind, die anderen als Zugehörigkeit, weil sie Kosovaren oder Albaner sind. Und die Schweizer empfinden es eventuell einfach als unpassend, weil es nichts mit der Schweiz zu tun hat.

Ich bin da neutral eingestellt. Weder hat es mich persönlich betroffen noch gross aufgeregt. Trotzdem kritisiere ich das Verhalten der beiden Spieler. Nicht weil sie auf ihre kosovarisch-albanischen Wurzeln stolz sind, sondern weil sie ihre Herkunft auf dem Fussballfeld hervorheben müssen – und das in einer zurzeit angespannten Situation. Da sind politische Gesten völlig fehl am Platz. Sie hätten wissen müssen, was diese Geste auslösen wird. Es gibt andere Möglichkeiten zu jubeln – auch wenn Emotionen überschwappen.

Der Doppeladler-Jubel war daher unnötig und eine reine Provokation. Das haben die Leser-Kommentare, die nationale und internationale Medienberichterstattung und die Ausschreitungen nach dem Spiel gezeigt. Es wäre daher sinnvoll, solche Gesten auf dem Spielfeld strikt zu untersagen und wieder zum Wesentlichen zurückzukehren – dem Fussball. Den Fans, den Zuschauern und den Spielern wäre damit ein Gefallen getan.»

(qll/mon)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Plata am 25.06.2018 15:31 Report Diesen Beitrag melden

    sehr gute rationelle Analyse, bravo

    schlussendlich ist es wohl ein Führungsproblem. Den Jungs müssen Regeln vorgegeben werden. Verstösse müssen sanktioniert werden. Keine Dottligen Adler, und vielleicht ein bisschen Lippen bewegen bei Natonalhymne. Dies erwartet der CH-Fan von seinem Nationalteam. Alles andere ist Hafe-Chäs !

  • Martin Brändle am 25.06.2018 17:09 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    De Foifer und s'Weggli

    Was ich einfach merkwürdig finde, wenn man dauernd von seinem Heimatland schwärmt und sagt, wie toll es dort ist, aber trotzdem hier bleiben und all die Vorzüge der Schweiz genießen will.

  • HU/SER/CH am 25.06.2018 15:37 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ausländer 4ever

    Ich bin als 16 Jährige nach Schweiz gekommen und mittlerweile ist es schon 24 Jahren her. Meine wurzeln hab mitgenommen und da eingepflanzt wo ich lebe. Uns Ausländern sollte klar sein das unser Heimat ist dort wo wir Arbeiten und leben Es ergibt doch keinen sinn auf 2 Stühlen zu sitzen, entweder oder ! Schweiz ist doch so ein schönes Land ich freue mich und bin stolz darauf das ich hier leben darf Schlussendlich ich bin überall ein Ausländer, aber da, ich fühl mich zu HAUSE

Die neusten Leser-Kommentare

  • Martin Brändle am 25.06.2018 17:09 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    De Foifer und s'Weggli

    Was ich einfach merkwürdig finde, wenn man dauernd von seinem Heimatland schwärmt und sagt, wie toll es dort ist, aber trotzdem hier bleiben und all die Vorzüge der Schweiz genießen will.

  • Mad Volcano am 25.06.2018 16:43 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    guter Vergleich, Qendresa

    Ich finde den Vergleich mit Mutter und Vater sehr treffend, verhält es sich für nämlich auch genau so. Ich bin einerseits mehr Schweizer als andere - ich sage mal - Schweizer ohne Migrationshintergrund, andererseits schlägt mein Herz höher, wenn die Türkei spielt, bzw. blutet mein Herz, wenn ich Schlechtes über die Türkei lese (wie z.B. gestern). Das, denke ich, ist normal, wenn man in 2 Kulturkreisen aufgewachsen ist. Ich möchte auch keinesfalls das eine für das andere aufgeben müssen, denn das geht gar nicht. Insofern verstehe ich Granit uns Shaqiri. Aber ohne das Zeichen hätten sie Grösse gezeigt, das hätte ich besser gefunden.

  • Adima am 25.06.2018 16:43 Report Diesen Beitrag melden

    Relativität

    Heimat, Zugehörigkeit, Verbundenheit ist für mich abhängig davon, wo man aufgewachsen ist und man sich in einem gwissen daran Masse erinnern kann. Was man in dieser Zeit erlebt hat, spielt sicher auch eine Rolle und auch wie die Kultur jemandes Herfkunft woanders weiter gepflegt wird. Als der Adler beim Jubeln erstmals gezeigt wurde, fühlten sich viele Schweizer brüskiert, aber heute sehen das die meisten locker. Das Problem ist doch der Kontext in dem diese Pose jetzt gezeigt wurde. Stolz und gezielte Provokation bzw. Rache dafür, sind zwei verschiedene paar Schuhe und als Profi unbedacht.

  • Mani Motz am 25.06.2018 16:15 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Doppelpass funktioniert irgendwie nicht

    Auch dank der aktuellen Diskussion bin ich mir sicher, dass es keine doppelte Staatbürgerschaft geben sollte. Man soll aber rasch entscheiden können, welchem Staat man an- und zugehören will.

  • I_AM_VAMPIRE am 25.06.2018 16:06 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    aha

    Ja schön gut, aber das Zu Hause von vielen ist Kosovo und nichg Albanien.