Absage an Frühfranzösisch

15. August 2014 05:44; Akt: 15.08.2014 10:14 Print

Welsche sind sauer auf «arrogante Thurgauer»

von Pascal Michel - Der Kanton Thurgau will das Frühfranzösisch aus dem Lehrplan kippen. Für welsche Bildungspolitiker ist das ein Angriff auf den nationalen Zusammenhalt.

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Der Kanton Thurgau will das Frühfranzösisch abschaffen. In der Deutschschweiz (grün) hat Englisch als Fremdsprache Französisch längstens verdrängt. In den Grenzkantonen zur Romandie (rot) jedoch ist Französisch nach wie vor die erste Wahl. Quelle: Eidgenössische Konferenz der Erziehungsdirektoren, EDK. Die Abschaffung des Frühfranzösisch im Thurgau ist für den Walliser SP-Nationalrat Mathias Reynard eine «intolerale Attacke gegen eine sprachliche Minderheit». Auch die Waadtländer GLP-Nationalrätin Isabelle Chevalley sieht mit der Abschaffung des Frühfranzösisch den nationalen Zusammenhalt gefährdet: «In der Schweiz sollen unsere Kinder sich doch in einer Landessprache verständigen können.» Die ehemalige Primarlehrerin und Fribourger CVP-Nationalrärin Christine Bulliard-Marbach fordert mehr Toleranz gegenüber der französischen Sprache: «In der Deutschschweiz ist man sich oft zu wenig bewusst, wie es um die Befindlichkeit der Romandie steht.» «Das Frühfranzösisch war eine Alibi-Übung und hat den Röstigraben um keinen Millimeter verkleinert»: Die Thurgauer SVP-Nationalrätin Verena Herzog findet die Kritik der Romands übertrieben. Um die Kultur in den anderen Schweizer Landesteilen wirklich kennenzulernen, bräuchte es ihr zufolge intensive Sprachaufenthalte. Christoph Eymann, Präsident der Kantonalen Erziehungdsirektorenkonferenz, bedauert die Pläne, das Französisch in der Primarschule zu streichen: «In der Schule lernen die Schüler ja nicht nur Französischwörtchen, sondern sie sollen auch die Kultur unserer Landesteile kennenlernen.»

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Bisher lernten Thurgauer Schüler ab der 3. Klasse Englisch, ab der 5. Französisch. Damit soll nun Schluss sein: Der Grosse Rat des Kantons Thurgau hat entschieden, Frühfranzösisch aus dem Lernplan der Primarschule zu streichen. Ein grosser Teil der Kinder sei mit zwei Fremdsprachen in der Primarschule überfordert, sagen die Befürworter. Ähnliche Pläne existieren auch in anderen Deutschschweizer Kantonen (siehe Box).

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Westschweizer Politiker sind alarmiert: Sie werten solche Pläne als Angriff auf die Romandie und die französische Sprache. «Das ist eine intolerable Attacke gegen eine sprachliche Minderheit in diesem Land. Darin spiegelt sich eine Arroganz des Thurgauer Grossen Rats gegenüber der Romandie, die den nationalen Zusammenhalt gefährdet», sagt der Walliser SP-Nationalrat Mathias Reynard.

In der Schweiz sei man auf Ausgleich bedacht, auch betreffend der vier Landessprachen. Jeder – ob Deutschschweizer, Romand, Tessiner oder Rätoromane – solle dazu beitragen. Es könne aber nicht sein, dass sich die Deutschschweiz jetzt aus der Pflicht stehle. «Wenn sich in Bern ein Zürcher und ein Walliser begegnen, sollen sie sich in einer Landessprache verständigen können, dafür braucht es aber die Anstrengung aller», sagt Reynard. Er sieht in der Abschaffung auch eine gewisse Überheblichkeit: «In der Romandie wäre eine solche Arroganz gegenüber einer sprachlichen Minderheit unvorstellbar.»

Kritik an Abschaffung

Auch Isabelle Chevalley, GLP-Nationalrätin aus dem Kanton Waadt, kritisiert die Pläne zur Abschaffung des Frühfranzösisch: «In der Schweiz sollen sich unsere Kinder doch in einer Landessprache verständigen können.» Sie bedauert, dass das Bewusstsein für die welschen Nachbarn in der Ostschweiz schwächer ist als in den Grenzkantonen zur Romandie. Tatsächlich setzen diese eher auf Französisch als erste Fremdsprache in der Primarschule, während in Zürich oder St. Gallen beinahe ausschliesslich Englisch ab der 3. Klasse unterrichtet wird (siehe Karte).

«Frühfranzösisch war Alibi-Übung»

Christine Bulliard-Marbach ist ehemalige Primarlehrerin und Freiburger CVP-Nationalrätin. Für sie ist die Sprachenvielfalt ein Trumpf, der nicht aus der Hand gegeben werden sollte. «In der Deutschschweiz ist man sich oft zu wenig bewusst, wie es um die Befindlichkeit in der Romandie steht.» Sie ruft die Deutschschweizer zu mehr Toleranz auf.

Die heftige Kritik aus der Romandie kann die Thurgauer SVP-Nationalrätin Verena Herzog nicht nachvollziehen: «Das Frühfranzösisch war eine Alibi-Übung und hat den Röstigraben um keinen Millimeter verkleinert.» Um die Kultur in den anderen Schweizer Landesteilen wirklich kennenzulernen, bräuchte es ihr zufolge intensive Sprachaufenthalte. Solche seien erst in der Sekundarstufe eine sinnvolle Ergänzung zum Unterricht.

Christoph Eymann, Präsident der Kantonalen Erziehungsdirektorenkonferenz, verteidigt das Frühfranzösisch jedoch: «In der Schule lernen die Schüler ja nicht nur Französischwörtchen, sondern sie sollen auch die Kultur unserer Landesteile näher kennenlernen.»

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Andy V am 15.08.2014 06:30 Report Diesen Beitrag melden

    Gut so,

    denn schliesslich haben die Welschen gleich lange deutsch in der Schule und können oder wollen auch nicht deutsch sprechen. Von wegen "nationaler Zusammenhalt"

  • A.Monn am 15.08.2014 05:53 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Vernünftig

    Der erste Kanton wo Vernunft zeigt und auch den Mut hat zu handeln.

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  • Xoff Pardey am 15.08.2014 06:23 Report Diesen Beitrag melden

    Frühfranzösisch

    Frühfranzösisch (oder -englisch) ist ein totaler Witz. Ich erlebe es als Lehrer. Verlorene Zeit, eine «Sprachdusche», die gar nichts bringt.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • alex werker am 15.08.2014 16:42 Report Diesen Beitrag melden

    Arroganz der Welschen

    Bravo! Was sollen unsere Kinder Ihre Zeit mit dem Erlernen einer Fremdsprache verschwenden welche Sie später wohl höchst selten verwenden werden? Und warum eigentlich Französisch und nicht Italienisch? - Soviel zur "Arroganz" welche uns die Welschen vorwerfen. Zahlreiche Kinder können kaum Deutsch wenn sie die Primarschule verlassen. Und all dies, damit sich ein paar welsche Komplexhaufen besser fühlen? Politische Korrektheit in Ehren, aber nicht auf Kosten der Zukunftschancen unserer Kinder!

  • Allan Goncalves da Silva am 15.08.2014 13:58 Report Diesen Beitrag melden

    wayne?

    was interessiert es die westschweiz, was der kanton thurgau im lehrplan aufnommt und weglässt?

  • Unwelschquiparleallemand am 15.08.2014 13:27 Report Diesen Beitrag melden

    @ Andy V et all

    Haben Sie denn versucht Hochdeutsch mit dem Welschen zu sprechen? Wir lernen Deutsch und nicht Schwizerdütsch. Bis heute sprachen zu 90% alle Deutschschweizer FR mit uns weil es für Sie einfacher ist und auch Hochdeutsch für Berner beispielsweise eine Fremdsprache war... IN zukunft we speak all english... Für mich auch i.O.

  • Marc am 15.08.2014 12:30 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    gut so thurgau

    ich will genau das auch hier in Bern!

  • Kari am 15.08.2014 12:17 Report Diesen Beitrag melden

    Völlig ok

    Gut so. Man soll nicht schon die Kinder im Frühschul-Alter mit Unnützem wie Französisch überfordern. Durch Überforderung von Schülern kann Verleider entstehen. Wenn schon eine Fremdsprache, dann bitte auch Weltsprachen wie Englisch, welche die Schüler später im Leben am ehesten brauchen.