’Ndrangheta im Thurgau

19. August 2010 18:10; Akt: 19.08.2010 19:57 Print

Wer ist «lo svizzero»?

von Ronny Nicolussi - Der Chef der ’Ndrangheta in der Schweiz hat einen der höchsten Grade der kalabrischen Mafia-Organisation inne. Seinen Namen kennen die Behörden jedoch bis heute nicht.

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Gemäss italienischer Staatsanwaltschaft auch in der Ostschweiz aktiv: 'Ndrangheta

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Im Bericht der Staatsanwaltschaft von Reggio Calabria steht es schwarz auf weiss: «In den Städten Zürich und Frauenfeld oder auch in deren Agglomerationen ist eine ’Ndrangheta-Struktur aktiv mit verschiedenen Personen kalabrischer Herkunft.» Diesen Schluss zieht die Staatsanwaltschaft nach minutiöser Überwachung von Gesprächen des im vergangenen Juli verhafteten ’Ndrangheta-Anführers Domenico Oppedisano und dem ebenfalls verhafteten Bruno Nesci, der laut Behörden im süddeutschen Singen eine ’Ndrangheta-Zelle führte.

Auf die Schweiz zu sprechen kam Nesci, weil es offenbar zu Spannungen wegen Gebietszuständigkeiten zwischen ihm und einer «anderen in der Schweiz existierenden Gruppe» kam. Der Kopf dieser Gruppe ist den italienischen Strafverfolgungsbehörden bis dato unbekannt. Sie gehen einzig davon aus, dass es sich um einen Kalabresen handeln muss. In den abgehörten Gesprächen wird er als «lo svizzero» (der Schweizer) oder «quel cornuto della Svizzera» (dieser Gehörnte aus der Schweiz) oder aber auch als «la montagna della Svizzera» (der Berg der Schweiz) bezeichnet. Letztere Bezeichnung deutet laut Staatsanwaltschaft daraufhin, dass es sich bei dieser Person um jemanden handeln muss, der einen der höchsten ’Ndrangheta-Grade – den sogenannten vangelo (Evangelium) – inne hat.

Die Schweizer Behörden reagierten derweil überrascht über diese Information. Der Kommandant der Kantonspolizei Thurgau und dessen direkter Vorgesetzter, Regierungsrat Claudius Graf-Schelling, Vorsteher des Thurgauer Justiz- und Sicherheitsdepartements, wollten sich zum Fall nicht äussern. Die Polizei hielt lediglich fest: «Bisher sind im Kanton Thurgau keine erkennbaren mafiösen Strukturen in Erscheinung getreten. Im Übrigen muss ein allfälliger Wohnort nicht immer identisch mit einem allfälligen Tätigkeitsfeld sein.» Die Kantonspolizei Zürich verwies für weitere Informationen an die Bundesanwaltschaft. Diese sah sich auf Anfrage jedoch nicht in der Lage, die jüngsten 'Ndrangheta-Aktionen in Italien zu kommentieren. «Ausserdem pflegen wir generell nicht, Statements zu offenbar ‹zugespielten› (ausländischen) Ermittlungsunterlagen abzugeben», hiess es schriftlich auf Anfrage.

Italiener und Deutsche wussten es, nur die Schweizer Ermittler nicht

Es scheint, als seien die Schweizer Ermittler die einzigen, die nichts von der ’Ndrangheta im Thurgau wussten. Denn dass es in der Schweiz ein «’Ndrangheta-Lokal» gibt, gehe auch eindeutig aus den Ermittlungen der deutschen Polizei hervor, heisst es im Bericht der Italiener, der 20 Minuten Online vorliegt. Mit Lokal bezeichnet die kalabrische Mafia-Organisation einerseits den Ort, wo sich die 'Ndranghetisti treffen, und andererseits die lokalen ’Ndrangheta-Zellen, die aus mindestens 50 Leute bestehen müssen. Aus einem Dialog zweier mutmasslicher ’Ndrangheta-Mitglieder in Singen, der den Konflikt zischen der ’Ndrangheta in Deutschland und in der Schweiz belegen soll, wird wie folgt zitiert:

S.: «Also, die in der Schweiz, das Lokal in der Schweiz ist…»
F.: «Frauenfeld!»
S.: «Ah, Frauenfeld. Sie haben sich dort eingerichtet, wo wir auch sind.»
F.: «Ah… ja, mir scheint, dass…»

Mit Frauenfeld könnte allerdings auch eine kleine Gemeinde in der Umgebung von Frauenfeld gemeint sein. Dort wohnen zwei von vier Männern, die am 18. August 2009, exakt um 15.34 Uhr, Teil des ’Ndrangheta-Puzzles wurden. Zusammen mit einem in Frauenfeld geborenen Italiener und einem älterern Herrn aus Italien fuhren sie damals mit ihrem Kia mit Thurgauer-Kennzeichen auf das von der Polizei überwachte Gelände des ’Ndrangheta-Anführers Domenico Oppedisano vor. Laut Staatsanwaltschaft lässt das Überwachungsvideo keine Zweifel offen. Die vier Männer erhielten in der Zitrusplantage Oppedisanos während eines esoterischen Ritus eine Funktion in der ’Ndrangheta.

«Ein ganz normales, älteres Pärchen»

Eine Nachbarin der beiden Männer aus dem Thurgauer Dorf, die nicht näher genannt werden möchte, kann nicht glauben, dass die beiden etwas mit einer kriminellen Organisation zu tun haben sollen: «Sie sind immer sehr freundlich und ich habe noch nie etwas Schlimmes von denen gehört.» Sie wohne seit acht Jahren im selben Haus wie die Familie, der offenbar beide Männer angehören. Probleme habe es niemals gegeben. Eine andere Nachbarin will sich nicht über die Familie äussern, sagt aber auch, sie habe nie etwas Negatives festgestellt. Und eine dritte Nachbarin meint: «Die Familie ist sehr nett. Das ist ein ganz normales, älteres Pärchen – nichts Auffälliges.» Die Frau sei etwas schüchtern, aber wie der Mann und der Sohn würde auch sie immer freundlich grüssen.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Vollblut-Italo am 20.08.2010 10:50 Report Diesen Beitrag melden

    Erstaunlich wie naiv...

    ... und unwissend der Schweizer betreffend Mafia ist. Organisationen aus Kalabrien und Kampanien waschen in der Ostschweiz in kooperation mit Ablegern aus dem süddeutschen Raum ihre Moneten vor den Augen der Justiz. Auch viele unbeteiligte Italos wissen davon und dennoch, die Behörden werden von den Medien "überrascht". Ironische Lächerlichkeit, doch eigentlich zum heulen, nicht?

  • Johnny Stecchino am 23.08.2010 10:42 Report Diesen Beitrag melden

    Keine Ahnung.

    Ihr habt ja keine Ahnung! Was da passiert, ist schon lange im Gange. Glaubt Ihr, dass sei alles? Was denkt Ihr, dass die anderen Vereinigungen in Italien keine Ableger haben? 2010 merkt Ihr inzwischen, dass da was läuft... Dies ist nur die Spitze des Eisberges.

  • Mafiosi am 20.08.2010 11:35 Report Diesen Beitrag melden

    Unser Geheimdienst

    hehe.. das zeigt wieder einmal dass sich unser staat einfach um die falschen dinge kümmert und keine ahung von prioritäten hat. Lieber spionieren sie einge politiker und normal bürger aus von denen sie das gefühl haben staatsfeinde zu sein, anstatt sich um richtige dinge zu kümmern! Alle wissen bescheid ausser die schweiz und ist ja nicht das erste mal!

Die neusten Leser-Kommentare

  • Johnny Stecchino am 23.08.2010 10:42 Report Diesen Beitrag melden

    Keine Ahnung.

    Ihr habt ja keine Ahnung! Was da passiert, ist schon lange im Gange. Glaubt Ihr, dass sei alles? Was denkt Ihr, dass die anderen Vereinigungen in Italien keine Ableger haben? 2010 merkt Ihr inzwischen, dass da was läuft... Dies ist nur die Spitze des Eisberges.

  • Kurt Röösli am 20.08.2010 12:58 Report Diesen Beitrag melden

    Naive Träumer

    Das die Schweizer Behörden nicht informiert sind, ist erschreckend. Ob der Fehler in der Schweiz, bei den Italienischen oder Deutschen Behörden zu suchen ist, muss sofort untersucht werden. Wenn ein Gemeindepräsident meint, jemand der sich unscheinbar verhalte sei nicht verdächtig ist dies naiv. Die Mafia ist eben professionel!

  • Rene Wetter am 20.08.2010 12:46 Report Diesen Beitrag melden

    Bessere Zusammenarbeit mit dem Ausland

    Die Schweiz arbeitet nicht gut mit den anderen Ländern zusammen. Die Mafia arbeitet bei uns nicht offen wie in Italien, also ist ohne Information aus dem Ausland nichts zu macheb. Der Geheimdienst hat schon mehrmals versagt und ist da unbrauchbar.

  • Mafiosi am 20.08.2010 11:35 Report Diesen Beitrag melden

    Unser Geheimdienst

    hehe.. das zeigt wieder einmal dass sich unser staat einfach um die falschen dinge kümmert und keine ahung von prioritäten hat. Lieber spionieren sie einge politiker und normal bürger aus von denen sie das gefühl haben staatsfeinde zu sein, anstatt sich um richtige dinge zu kümmern! Alle wissen bescheid ausser die schweiz und ist ja nicht das erste mal!

  • Ray Ban am 20.08.2010 11:18 Report Diesen Beitrag melden

    Tentakel

    Wenn man die Mafia bemerkt,ist es schon zu spät!Die Mafia hat dann schon alles unterwandert und die korrupten Beamten geschmiert.Es bleibt die Omertà.Genau das was die CH Behörden tun, den Ahnungslosen, Unwissenden und Schweigenden spielen!Es besteht ihreseits kein Grund diese Organisationen zu stoppen,bringen Sie doch Politikern und Unternehmern Geld.......