Bewerbungsflut

07. Oktober 2016 05:40; Akt: 07.10.2016 10:07 Print

Wer schnuppern will, muss knallharte Tests bestehen

von P. Michel - Viele Unternehmen führen selbst fürs Schnuppern Eignungstests durch. Dies sei besonders für schwache Schüler problematisch, sagen Experten.

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Sätze ergänzen, Zusammenhänge erkennen, Zahlenreihen fortsetzen, Rechenaufgaben lösen oder Würfel anordnen zur Prüfung des Vorstellungsvermögens: Einen solchen 90-minütigen Computertest müssen Schüler bestehen, die bei der SBB beispielsweise als Gleisbauer, Automatiker oder Kaufmann eine dreitägige Schnupperlehre absolvieren wollen.

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Und wer beim Bundesamt für Landestopographie zwei Tage einem Geomatiker über die Schulter schauen will, muss einen ganztägigen Test bestehen. Fragen zu Allgemeinwissen, Aufgaben zur Kombinationsgabe und Rechenfähigkeit sind Teil dieser Eignungsabklärung.

Diese Betriebe sind laut Christoph Weber, Geschäftsführer von Berufsbildner.ch, keine Ausnahmen. «Immer mehr Unternehmen verlangen eine firmeneigene Abklärung, damit Schüler ein paar Tage in einem Betrieb schnuppern gehen können.» Bei einigen Firmen glichen solche Tests regelrechten Assessments und seien deutlich anspruchsvoller als andere Branchentests wie etwa der Multicheck.

«Man hat das Gefühl, es gehe um eine Kaderstelle»

Laut Weber setzen besonders grössere Firmen vermehrt auf Eignungsprüfungen für Schnupperlehren. «Man hat das Gefühl, diese Unternehmen wollen eine Kaderstelle besetzen, dabei geht es um Schüler, die sehen wollen, ob ihnen dieser Beruf überhaupt zusagt», kritisiert Weber.

Diese Praxis könne dazu führen, dass Jugendliche, die nicht durch das Leistungsraster der Firmen passen, ihren Traumjob gar nicht mehr erleben könnten. «Stellen Sie sich vor, ein Jugendlicher möchte unbedingt Gleisbauer werden und dann wird ihm mitgeteilt, er könne aufgrund der schlechten schulischen Leistungen nicht einmal ein paar Schnuppertage auf dem Wunschberuf absolvieren: Für einen jungen Menschen ist das eine Katastrophe.»

Für Bildungsforscher Jürg Schweri ist die Tendenz, bereits für Schnupperlehren Tests zu verlangen, besonders für schulisch schwache Schüler problematisch: Wer die Anforderungen des firmeneigenen Tests nicht besteht, bekommt so gar keine Möglichkeit, in einen Beruf hineinzusehen.»

«Unverbindliche Schnuppertage sind nicht bewältigbar»

Stefan Arn, Leiter der Geomatik-Ausbildung beim Bundesamt für Landestopografie Swisstopo, erklärt: «Die Nachfrage ist derart gross, dass wir eine Eignungsabklärung machen müssen, bevor wir Schnupperlehren anbieten.» Der Aufwand, unverbindliche Schnuppertage anzubieten, sei nicht bewältigbar. «Wir haben so viele Interessierte, dass wir über weite Strecken des Jahres Schnuppernde betreuen müssten.»

Dafür biete man vorgängig Informationsnachmittage an, erklärt Arn. Schüler erhielten so früher eine Rückmeldung und ihnen würden keine falschen Hoffnungen gemacht. Arn betont: «Geomatiker ist einer der anspruchsvollsten Lehrberufe.»

Ähnlich tönt es bei Login, der Berufsbildungsabteilung von verschiedenen Verkehrsbetrieben. Hier werden unter anderem Lehrlinge in den Berufen Automatiker, Gleisbauer oder Kaufmann für die SBB ausgebildet. «Wir erhalten jedes Jahr Tausende Bewerbungen», sagt Doris Kubli, Leiterin Marketingkommunikation. Eine individuelle Schnupperlehre ohne Eignungstest anzubieten, sei darum aus organisatorischen Gründen nicht möglich. Kubli betont jedoch, dass es dafür Informationsveranstaltungen an Mitttwochnachmittagen gebe, an denen Interessierte die Möglichkeit hätten, unverbindlich Einblick in einen Beruf zu erhalten.

Firmen sehen Schnupperlehren als «Rekrutiertungstool»

Beim Arbeitgeberverband heisst es, es sei grundsätzlich wichtig, «dass die Unternehmen ein realistisches Bild von einem bestimmten Beruf vermitteln». «Dazu ist es natürlich wichtig, dass ausreichend Schnupperlehren angeboten werden», sagt Sprecher Jürg Zellweger. Hier dürften keine hohen Hürden angesetzt werden. Anforderungen wie «echtes Interesse» und eine «realistische Chance, diesen Beruf zu lernen» könnten aber durchaus an die Schnuppernden gestellt werden. Zellweger rät den Firmen aber, auf eine zu frühe Selektion zu verzichten. «Die Jugendlichen sollten auch für einen Berufswahlentscheid bereit sein.»

«Schnupperlehren sind heute ein wichtiges Rekrutierungstool», stellt Bildungsforscher Jürg Schweri fest. Die Firmen würden sich sagen: Wenn sie schon einen Schüler einige Tage bei sich betreuen, wollen sie auch sicher sein, dass er ein potenzieller Kandidat für die Lehrstelle ist. «Die Betriebe wollen heute alle die besten Lehrlinge finden, darum sind sie weniger bereit, mit Schnupperlehren einen unverbindlichen Einblick in den Beruf zu gewähren.»

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Kurzmaster am 07.10.2016 07:05 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Übertriebene Anforderungen

    Es ist abartig was gewisse Unternehmen verlangen und wie sie auch mit den Jugendlichen umgehen. Ich bin mit meinem Junior gerade in diesem Prozess. Man hat das Gefühl, die suchen bereits einen Top Kadermann. Super Noten müssen sie haben, Kommunikationsstark müssen sie sein und top Sozialkompetenz aufweisen. Dabei sind es noch 14jährige Jungs und Mädchen. Die Unternehmen lassen dann jedoch einen Standardbrief raus und man hört Wochenlang nichts. Dann verlangen sie zB einen Multicheck, in welchem Stoff abgefragt wird, welcher noch nicht einmal in der Schule durchgenommen wurde. Was sagt das denn aus? Wenn man dann nicht bereits im Juni, also ein Jahr vor Schulabschluss, mit der suche beginnt, sind die besten Lehrstellen bereits besetzt. Da kann die Schule noch lange sagen, dass es ein stilles Abkommen gibt mit den Unternehmen, dass sie die Stellen erst im November ausschreiben. das Das ist alles Humbug. Die Kinder haben es heute weis Gott nicht mehr einfach. Früher hat der gesunde Menschenverstand auch genügt, was soll das Theater heute?

  • RH am 07.10.2016 06:40 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    wie geht das nun?

    das ist doch echter "Stumpfsinn"... es heisst doch Schnuppertage und nicht Lehrstelle?! ...nur wer einen Einblick hat, kann doch mitteilen, ob das Interesse und der Wille weiterhin besteht, aber man kann das mit einem aufwändigen Test im Vorfeld im Keim ersticken lassen - bravo! Weiter beklagen sich die Unternehmen über zuviele Bewerbungen und zugleich bejammern sie einen Lehrinteressenten-Mangel...das soll noch jemand verstehen...

  • Barrabas am 07.10.2016 06:09 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Assessment..

    diese Assessment werden oft von Menschen ins Leben gerufen die einen internen Karriere Kick benötigen. macht weiter so....Das einige begabte Jugendliche in diesen Test , rein wegen der Anspannung, durchfallen wird nicht berücksichtigt. Diese Arbeitgeber sollten sich schämen!!

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • Realist ZG am 07.10.2016 11:08 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Warum den EINFACH, wenn es........

    Grosse, inovative und Zukunfstoroentierte Firmen, welchen die Lehrlingsausbildung sehr wichtig sind, bieten in der Regel den Interessenten unkompliziert die Möglichkeit, bei Schnuppertagen den Beruf kennen zu lernen. Wenn sich der Schulabgänger danach in dieser Firma um eine Lehrstelle bewirbt, muss er eine Eignungsprüfung bestehen. Für eine Schnupperlehre bereits Test machen zu müssen, passt zu den eh schon sehr komplizierten und unflexiblen Firmen.

  • TruckerJ am 07.10.2016 10:50 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Naja...

    Zum einen beklagen sich Firmen es gibt zu wenige Interessenten und zum anderen wollen die am liebsten ein Schüler der nur Sechser und Fünfer schreibt . Wie wissen doch alle viele haben ein Anschiss in der Schule, nützen ihr Potential nicht aber wenn man denen eine Chance gibt in einem Beruf in der die Freude haben, kann es zur grosser Überraschung kommen.

  • B737 am 07.10.2016 10:36 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Die spinnen doch

    Weiss ja nicht wie heute so die Schüler sind/abschliessen? Aber offenbar wollen die Firmen heute am Liebsten nur einem potenziellem Doktoranden Einblick verleihen!!?? Es geht dich darum einem Schüler einen Einblick zu verschaffen! Einfach nur bekloppt so was!

  • ususamamijuhu am 07.10.2016 10:32 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wahnsinn

    Was sagt das über unsere Bildung aus? Mit doppel HSG-Abschluss musste einer (CH) Schreibprobe machen bei Bewerbungsgespräch (ob er überhaupt schreiben kann). Wahnsinn.

  • Chnoblibrot am 07.10.2016 09:28 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Test

    Das soll neu sein? Als ich dazumal zum Schnuppern ging, musste ich auch einen solchen Test absolvieren. Das war vor 25 Jahren.